• Abonnieren
  • Spotify
  • iTunes
  • Google

Auch der nächste Bundestag wird kein Abbild der Gesellschaft sein. Denn dafür treten zum Beispiel zu wenig Frauen bei der Wahl an. Ebenso sind viele Berufsgruppen nicht vertreten. Aber muss das Parlament ein Abbild sein, fragt sich die Politologin Isabell Borucki. Wichtiger seien mehr Kontakt und Austausch.

Der Tagesspiegel hat sich die Listen der Kandidatinnen und Kandidaten zur Bundestagswahl am 26. September angeschaut. Insgesamt bewerben sich 6.211 Personen. Online und anhand von Grafiken listet die Zeitung auf, welchen Gruppen diese Personen angehören.

Was das Alter betrifft, sind die Kandidierenden im Schnitt so alt wie die Bevölkerung. Der Bundesdurchschnitt liegt bei 44,5 Jahren, bei den Bundestagskandidat*innen bei 45,5. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass alle Altersgruppen gleichermaßen vertreten sind. Das Gros der Kandidierenden ist zwischen 40 und 60 Jahre alt.

Beim Blick auf die Ausgewogenheit der Geschlechter auf den Listen zählt der Tagesspiegel, dass lediglich 33 Prozent aller Kandidierenden weiblich sind. Das entspricht nicht dem Anteil der Gesamtbevölkerung, der bei etwas über 50 Prozent liegt.

Wie lassen sich Gruppen und ihre Interessen vertreten?

Die Listen der Kandidierenden seien im Vergleich zu den Legislaturperioden zuvor diverser geworden, so Isabell Borucki. Dass der Bundestag aber ein Abbild der Gesellschaft darstelle, davon kann bislang keine Rede sein, findet die Politikwissenschaftlerin – zumindest nicht im Sinne einer deskriptiven Repräsentation.

"Von einer deskriptiven Repräsentation im Bundestag, dass beispielsweise Frauen Frauen, oder Migranten Migranten repräsentieren, sind wir noch sehr weit entfernt."
Isabell Borucki, Politikwissenschaftlerin an der Uni Siegen

Isabell Borucki stellt aber auch in Frage, ob allein Angehörige einer Gruppe im Bundestag vertreten sein müssen, um auch die Interessen eben dieser Gruppe zu vertreten. Wählerinnen und Wähler müssten quasi das Risiko eingehen, Kandidierenden zu vertrauen, ihre Interessen zu vertreten, auch wenn sie einer anderen Gruppe angehören – sei es eine andere Alters- oder auch Berufsgruppe.

Es braucht direkten Kontakt

Dafür braucht es aber einen engen Austausch zwischen Abgeordneten und Wählerschaft. "Wir brauchen eine stärkere Rückkopplung der Menschen an die Abgeordneten", sagt Isabell Borucki. Ein Instrument für diese Rückkopplung könnten zum Beispiel Bürgerräte sein. Ein Allheilmittel, um die fehlende Repräsentation im Bundestag abzufedern, seien sie aber nicht.

Sie wünscht sich insgesamt mehr Möglichkeiten, bei denen Abgeordnete und Bürgerinnen und Bürger Kontakt haben und sich austauschen können. "Das geschieht meiner Meinung nach viel zu wenig", sagt Isabell Borucki. Dieser Austausch sollte gerade mit Gruppen stattfinden, die nicht oder zu wenig Bundestag vertreten sind.

Manche Berufsgruppen sind nicht vertreten

Auch bezüglich der Berufsgruppen ist das Parlament kein Abbild der Gesellschaft. Überdurchschnittlich viele haben studiert. Im Vergleich zur Gesamtbevölkerung sitzen zum Beispiel relativ viele Juristinnen und Juristen im Parlament. Isabell Borucki findet das nicht erstaunlich. "Politik ist - könnte man sagen - ein Führungsjob. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass viele Juristen und viele Menschen aus der Unternehmens- oder Organisationsführung im Bundestag sitzen."

Die Politikwissenschaftlerin gibt auch zu bedenken, dass der Weg in eine Kandidatur viel Arbeit, Engagement und Lobbying in eigener Sache bedeutet. Für eine Person, die zuvor im Bereich Recht oder in der Unternehmensführung gearbeitet habe, sei eine Kandidatur vermutlich einfacher als für Personen aus anderen Bereichen.

Doch zugleich gelangt damit Wissen und Expertise aus einzelnen Berufsbranchen nicht in den Bundestag. Das gilt zum Beispiel für die Pflegeberufe, aber auch das Handwerk.