Auf eine(n) Einwohner*in in Deutschland kommen rund 1000 Bäume. Etwa 90 Milliarden Exemplare sind das insgesamt – knapp ein Drittel der Fläche der Bundesrepublik ist von Wald bedeckt. Um zu kontrollieren, wie es all den Buchen, Fichten, Tannen und Lärchen geht und wie sich der Wald insgesamt entwickelt, findet alle zehn Jahre die Bundeswaldinventur statt, bei der ein Teil der Bäume stichprobenartig vermessen wird.

In welchem Zustand ist unser Wald? Für die alle zehn Jahre stattfindende Bundeswaldinventur (es ist dieses Mal die vierte) sind schon seit Mai 2021 in ganz Deutschland Aufnahmetrupps unterwegs, zum Beispiel in einem Waldstück nahe Arnsberg im Sauerland: Lutz Jaschke und Michael Drews von Wald und Holz NRW stapfen dort zusammen mit NRW-Landesinventurleiter Kay Genau in schweren Arbeitsschuhen zwischen kahlen Buchen, Eichen und Lärchen hindurch – und suchen mithilfe von Laptop, GPS-Antenne und Metallsuchgerät ein kleines Eisenrohr, das im Boden steckt.

Eisenrohre zur Orientierung bei der Bundeswaldinventur

Jeweils vier davon markieren die vier Eckpunkte des sogenannten "Inventurtrakts", also des Bereichs, aus dem die Stichproben genommen werden. Die exakten Koordinaten dieser Bereiche bleiben geheim. Damit niemand die Messungen verfälschen kann.

"Wo genau die Punkte liegen, bleibt geheim. Niemand soll die Möglichkeit haben, Einfluss auf die Messungen zu nehmen."
Magdalena Schmude, Reporterin
Um den gesamten Wald in Deutschland systematisch erfassen zu können, wurde für die Waldinventur ein gedachtes Raster aus Linien über die gesamte Fläche gelegt. In regelmäßigen Abständen kreuzen sich diese Linien ähnlich wie auf einem Schachbrett. Und an jedem der Kreuzungspunkte liegt ein Inventurtrakt – ein gedachtes Quadrat mit einer Seitenlänge von 150 Metern.

Rund zehntausend Messungen allein in NRW

In Nordrhein-Westfalen gibt es rund zehntausend dieser Inventurtrakte mitten im Wald, erklärt Landesinventurleiter Kay Genau. (Ja, der Name ist Zufall.) Mindestens ein Messtrupp müsse dorthin und Aufnahmen machen. Und genau deswegen dauere die Bundeswaldinventur auch so lange – insgesamt fast zwei Jahre.

In Nordrhein-Westfalen sind acht Aufnahme-Teams unterwegs, die all diese Waldstücke abklappern. Sechs bis acht davon sind pro Tag machbar – je nachdem, wie tief drin im Wald sie liegen, wie gut sie zu erreichen sind und wie schnell sich der jeweilige Mittelpunkt finden lässt. Lutz Jaschke und Michael Drews von "Wald und Holz NRW" überprüfen an ausgesuchten Orten stichprobenartig, wie genau die Messungen der Aufnahme-Teams durchgeführt wurden.

"Es ist immer wichtig, dass das relativ genau gemacht wird - weil das, was man aus dem kleinen Kreis erfasst, ja hochgerechnet wird auf die ganze Fläche."
Kay Genau, Landesinventurleiter NRW

Präzision und Genauigkeit sind besonders wichtig, weil die Summe der Stichproben auf die ganze Fläche des Waldes hochgerechnet werden.

Veränderungen des Baumbestands

Über den Metallrohren, die die Ecken des Inventurtrakts markieren, wird ein Dreibein aufgebaut und dann mit dem Laptop der dazugehörige "Baumplot“ aufgerufen: Das ist die Karte, in dem die Standorte der Bäume, die vermessen werden sollen, exakt eingezeichnet sind. Von den vier Ecken des zu vermessenden Bereiches aus werden Richtung und Entfernung zu den einzelnen Bäumen gemessen.

Wald von oben / Vogelperspektive
© imago images | imagebroker
Um den Überblick zu behalten, wie es dem deutschen Wald geht, muss sein Bestand bundesweit stichprobenartig kontrolliert werden.

Weil die Bäume vor zehn Jahren schon mal aufgenommen wurden, geht es darum zu erkennen, was sich an den Bäumen verändert hat, erklären Lutz Jaschke und Michael Drews: Wie sind die Durchmesser? Wie haben sie sich entwickelt? Wie ist die Höhenentwicklung? Wie sieht es mit dem Baumnachwuchs aus?

"Eine unabhängige Stichprobe, die keiner beeinflussen kann, schafft Fakten. Und die sind nicht irgendwie vom Tisch zu wischen im Sinne von 'Das passt uns nicht, das wollen wir nicht'."
Kay Genau, Landesinventurleiter NRW

Über ein Protokoll auf dem Computer können die Daten direkt mit den Messwerten der letzten Inventur vor zehn Jahren verglichen werden. Über all diese Veränderungswerte lässt sich dann der Zuwachs oder eben Verlust des Baumbestandes errechnen.

Aufwendig, aber sinnvoll

Noch bis Ende April 2022 sind die mehr als 60 Inventurtrupps in ganz Deutschland unterwegs. Stichtag für die Auswertung der Daten ist dann der 1. Oktober. Das auf den ersten Blick recht aufwendige Vorgehen bei der Datenerhebung sei gleichzeitig die Stärke der Inventur, sagt Kay Genau: Es liefere zuverlässige Ergebnisse, die dann die belastbare Grundlage für die weitere Planung von Politik, Forstwirtschaft und Holzindustrie sind.

Bei der letzten Bundeswaldinventur 2012 wurde ermittelt, dass sich die Waldflächen in Deutschland zwischen 2002 und 2012 nur wenig verändert haben: "Einem Waldverlust von 58.000 Hektar stehen 108.000 Hektar neuer Wald gegenüber", hieß es vor zehn Jahren. In der Summe habe die Waldfläche damals um 0,4 Prozent bzw. 50.000 Hektar zugenommen.