Spätestens seit den Beschlüssen des Bund-Länder-Gipfels vom 2. Dezember 2021 erhöht sich der Druck auf Ungeimpfte stark. Klar, 2G kann man im Freizeitbereich durchziehen, doch im Privaten ist es nicht ganz so leicht. Was macht man also, wenn der Mitbewohner oder die Mitbewohnerin sich nicht impfen lässt: ignorieren, akzeptieren oder diskutieren? Wir haben den Sozialpsychologen Ulrich Wagner und die Psychotherapeutin Katrin Schmelz gefragt.

Beide sind überzeugt: Ja, man sollte das Gespräch suchen. Womöglich würden es auch mehrere Gespräche. Doch das Thema sei nicht nur schwierig, sondern auch wichtig. Vor allem deswegen komme es darauf an, dem Gegenüber offen und empathisch zu begegnen, sagt Katrin Schmelz, Psychologin und Verhaltensökonomin von der Uni Konstanz.

Coronaimpfung: in WGs durchaus eine Grundsatzfrage

"Man sollte sein Gegenüber auf keinen Fall überrumpeln, sondern auch wirklich erst mal zuhören, warum der andere sich nicht impfen lassen möchte."
Katrin Schmelz, Psychologin und Verhaltensökonomin an der Uni Konstanz

Empathie und Respekt trotz gegensätzlicher Haltung

Um die Argumente des anderen nachzuempfinden und um die Gewissheit zu haben, dass die eigene Sichtweise wahrgenommen werde, rät Katrin Schmelz zu einem Rollentausch.

"Der Impfbefürworter nimmt die Rolle des Impfgegners ein und der Impfgegner oder -skeptiker die des Impfbefürworters. Und dann spielt man einfach mal die anderen Rollen durch und spiegelt sich."
Katrin Schmelz, Psychologin und Verhaltensökonomin an der Uni Konstanz

Freundschaft vs. Engstirnigkeit

Von der Wirkung des Gesprächs ist auch Ulrich Wagner, Sozialpsychologe von der Uni Marburg, überzeugt. Außerdem befürwortet er eine Impfpflicht. Vor allem im persönlichen Miteinander sieht er eine Chance, diejenigen von der Impfung zu überzeugen, die bisher gezögert haben. Schließlich, meint er, höre man einer Person, mit der man Gemeinsamkeiten hat und die man mag, auf einer anderen Ebene zu.

"In der öffentlichen Diskussion ist gerade nichts zu machen, da sind die Gräben zu tief. Aber in Gemeinschaften, in denen man zusammenlebt, in denen man sich mag, kann vielleicht noch etwas erzielt werden."
Ulrich Wagner, Sozialpsychologe an der Uni Marburg

Trotz bester Argumente und engster Verbundenheit solle man nicht erwarten, dass der Mitbewohner oder die Mitbewohnerin nach der Diskussion sofort beim Arzt anruft, um sich einen Impftermin geben zu lassen, meint Ulrich Wagner. Aber er glaubt daran, dass Argumente nachwirken können.

Worst-Case-Szenario: auseinanderziehen

Und wenn es doch Knall auf Fall kommt, sagt Katrin Schmelz, man sich in der WG also nicht mehr sicher und wohl fühlt, könne der Umgang mit Corona und dem Thema Impfen durchaus zu der Frage führen: Wollen und können wir noch zusammenwohnen? Spätestens dann müsse man Klartext sprechen. Besser ist also, es vorher zu tun, um vielleicht doch einen Weg zu finden, sich einander anzunähern.