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Adi wird von einem sehr frommen Vater großgezogen und dabei klein gehalten – mit Gewalt. Anstatt sich Gott als furchterregende Figur vorzustellen, taucht er in ihrem Leben als Freund auf, wie ein Junge aus der Nachbarschaft. Im Romandebüt "Mai bedeutet Wasser" von Kayo Mpoyi stellt Adi diesem Gott viele Fragen. Doch der schreibt nur mit.

Gott ist groß. Daran glauben viele Menschen – egal, welcher Religion sie sich zugehörig fühlen. Die einen sagen, dass man sich kein Bildnis von Gott machen darf. Andere glauben, Gott sei in jeder Blume und in jedem Regentropfen gegenwärtig. Was die meisten Gläubigen verbindet, ist vermutlich der Trost, den ihnen Gott spendet – und das Gefühl, nicht allein zu sein. So geht es auch der sechsjährigen Adi im Romandebüt "Mai bedeutet Wasser" von Kayo Mpoyi.

"'Ich sehe alles', sagt Gott und senkt seinen Blick. Was er sieht, schreibt er auf. In sein Notizbuch."
Lydia Herms über "Mai bedeutet Wasser" von Kayo Mpoyi

Die sechsjährige Adi hatte ihn sich erst ganz anders vorgestellt, vielleicht größer, vielleicht älter, vielleicht schrecklicher.

Gott, der kleine Junge

Aber Gott ist weder groß noch alt noch schrecklich. Gott ist ein kleiner Junge in Adis Alter. Also: ein Kind. Anders ist nur, dass Gott Erwachsenenkleider trägt und einen Holzkoffer bei sich hat, aus dem er das Notizbuch und einen Stift holt. Der Himmel spiegelt sich in seinen Brillengläsern.

Und was macht Gott? Er zückt seinen Stift und fragt Adi, was sie ihn fragen möchte. Und dann wartet er. Gott wartet. Adi muss auf der Hut vor ihm sein, auch wenn er freundlich zu ihr ist. Irgendwann wird er sie ja doch in die Hölle mitnehmen! Vielleicht, wenn das Notizbuch voll ist? Oder: wenn sie das Schlimmste von allem Schlimmen macht? Aber: Was ist das Schlimmste? Dass sie ihre kleine Schwester Mai die Treppe runterschubst? Oder dass sie sich ins Schlafzimmer ihrer Eltern schleicht und die Linien auf Bauch und Rücken ihrer Mutter sieht?

Gott antwortet nicht

Adi hat viele Fragen. Aber Gott antwortet ihr nicht. Er schreibt nur mit. Für später. Und er geht nicht mehr weg. Ab jetzt ist er immer da. Bestimmt weiß er auch, was Adi träumt. War er nicht genau dann das erste Mal vom Himmel herabgekommen, als sie von einem Prinzen geträumt hatte, der sein Volk zwingt, vor ihm niederzuknien, die Münder zu öffnen und sein Pipi zu trinken?

"Wie viele Fragen muss Adi Gott noch stellen, bis er ihr endlich antwortet?"
Lydia Herms über "Mai bedeutet Wasser" von Kayo Mpoyi

Wie viele Fragen muss Adi Gott noch stellen, bis er ihr endlich antwortet? Ihr erklärt, wie das alles zusammenhängt? Aber vielleicht braucht sie seine Antworten gar nicht, vielleicht braucht sie weder einen Mann noch einen Gott, die ihr sagen, was gut oder schlecht ist, was sie darf und was nicht. Wenn ihr wissen wollt, wie Adi sich im Leben zurechtfindet, ob sie ihrem Vater die Stirn bieten und Gott Gott sein lassen wird, dann solltet ihr unbedingt dieses starke Romandebüt lesen.

Das Buch

"Mai bedeutet Wasser" (OT: "Mai betyder vatten", 2019) von Kayo Mpoyi, aus dem Schwedischen ins Deutsche übersetzt von Elke Ranziger, CulturBooks,
264 Seiten, gebundene Ausgabe (Hardcover): 20 Euro, E-Book: 14,99 Euro; ET: 01.09.2021

Die Autorin

Kayo Mpoyi lebt in Schweden. Sie wurde 1986 in Zaire, der heutigen Demokratischen Republik Kongo, geboren und wuchs in Tansania auf, bevor sie mit zehn Jahren nach Schweden kam. Mpoyi studierte an der renommierten Autorenschule Biskops-Arnös und arbeitet als Medienproduzentin. "Mai bedeutet Wasser" wurde von der Presse gelobt und gewann den Katapultprisen für das "beste schwedische Debüt des Jahres". Mpoyis Roman ist inspiriert von Mythen und Geschichten, die in ihrer Familie erzählt wurden. (Quelle: culturbooks.de)