Doris Wagner wollte ihr Leben Gott widmen. Sie ging ins Kloster - und erlebte die Hölle. Sie verlor ihre Gedanken, ihren Willen, die Fähigkeit Nein zu sagen. Und ließ Demütigung, sexuellen Missbrauch und Fremdbestimmung über sich ergehen. Inzwischen hat sie ihr eigenes Ich zurückerlangt.

Eine Redaktionskonferenz mit Armin Himmelrath.

Doris Wagner wird christlich erzogen und liebt den Glauben. Sie will ihr Leben in den Dienst Gottes stellen. Mit 19 tritt sie in das Kloster "Das Werk" in Bregenz, Österreich, ein. Sie wird Ordensschwester in einer jungen Gemeinschaft.

Als sie diese Gemeinschaft 2011 mit 28 Jahren wieder verlässt, ist sie depressiv, praktisch mittellos und hat keine sozialen Kontakte mehr. Sie ist kontrolliert, manipuliert, sexuell missbraucht und unter Druck gesetzt worden. Ihre Oberen haben sie entmündigt, als billige Haushaltskraft eingesetzt, sexuell missbraucht und nicht versorgt, wenn sie krank war.

Kontakt zu Eltern wurde kontrolliert

"Am Anfang habe ich wenige explizite Verbote bekommen, dafür konnte ich über keine Minute mehr frei bestimmen. Dann kamen direkte Kontrollen und ausdrückliche Verbote. Ich musste wöchentliche und monatliche Berichte schreiben und durfte keine Bücher lesen", sagt Doris Wagner.

Das Schlimmste sei die innere Kontrolle: "Dass ich mit niemandem offen reden durfte, dass der Kontakt zu meinen Eltern kontrolliert wurde, dass ich alle Briefe vorlegen musste." Und dann kommt der sexuelle Missbrauch dazu. Es gibt niemandem, mit dem Doris darüber kann. Und falls doch, glaubt man ihr nicht. In einem solchen Fall sei die Frau selbst schuld, sie muss den Mann verführt haben.

"Als er gegen drei Uhr endlich ging, ließ er nicht mich zurück, sondern eine leere Hülle, ein Wrack."
Doris Wagner in ihrem Buch "Nicht mehr ich" über Pater Jodok nach dem ersten sexuellen Übergriff.

Doris Wagner beschreibt in ihrem Buch "Nicht mehr ich", wie das Kloster ihr und anderen die Freiheit abtrainiert hat, wie sie jeglichen Willen, Emotionen und Vernunft verloren hat.

"Wenn man diese Freiheit wieder erlangt, ändert sich alles", sagt sie. Irgendwann hat sie einen Menschen zu treffen, der nicht Schwester Doris gesehen hat, sondern Doris. "Dadurch eröffnete er mir einen Raum, in dem ich wieder ich selbst sein konnte - wie geht es mir eigentlich? Was will ich eigentlich? Man begreift, dass man nicht alles mit sich machen lassen muss, dass man einen Wert hat. Ich hatte großes Glück."

Doris Wagner entkommt dem Kloster - nicht plötzlich, es ist ein Prozess von Monaten und Jahren. "Heute geht es mir sehr gut", sagt sie.

Das Kloster "Das Werk" in Bregenz hat zum Buch von Doris Wagner eine Stellungnahme veröffentlicht.

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Hilfe für Missbrauchsopfer der Kirche und anderer religiöser Gemeinschaften:

  • beauftragter-missbrauch.de: Dahinter verbirgt sich der unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs - eine staatliche Stelle, die es seit 2010 gibt. Die Beratungs-Telefonhotline ist nicht immer besetzt. Wer in Not ist, also akut leidet, findet bei der klassischen Telefonseelsorge Hilfe. Die Nummer gibt es unter telefonseelsorge.de - dort gibt es auch eine Beratung per Chat oder Mail.
  • Hilfe bei Missbrauch an Kindern und Jugendlichen: http://www.gegen-missbrauch.de/verein
  • Bundesweite Hilfe bei religiösen Missbrauch: http://sekten-info-nrw.de

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