Der Europäische Gerichtshof hat das Recht auf Vergessenwerden im Netz bestätigt. Aber nicht nur dort ist das Vergessen wichtig. Einschneidende Erlebnisse zu vergessen ist für Menschen genauso notwendig wie das Vergessen von Kriegen für Gesellschaften - aber besser niemals komplett.

Eine Redaktionskonferenz mit Kaline Thyroff.

Die Hand und das Gesicht einer alten Person.
Gedächtnis

Der Wunsch nach Vergessen und Erinnern

Früher hat die Gesellschaft ihre Kriegstraumata vergessen, heute will sie sich daran erinnern. Historiker Christian Meier hat untersucht, wie das Vergessen von Historischem in Vergessenheit geraten ist.

Der Holocaust darf nicht in Vergessenheit geraten, darüber ist man sich in Deutschland einig. Nur, wer sich an die Grausamkeiten erinnere, bleibe sensibel für neue.

Das stimmt nicht immer und überall, sagt Christian Meier, Althistoriker und emeritierter Professor für Alte Geschichte an der Universität München. Die Deutschen seien für die Taten im Ersten Weltkrieg bestraft worden - allerdings nur auf dem Papier, echte Strafen folgten nicht. Und daran hätte sich Hitler gut erinnert. Und dann trotzdem oder auch deswegen einen neuen Krieg begonnen.

"Das Erinnern an den Holocaust ist in der Geschichte ein Sonderfall. So wie der Holocaust an sich ein Sonderfall ist."
Christian Meier, Althistoriker

Dass sich überhaupt erinnert wird an Kriege und Verbrechen, war in der Geschichte lange Zeit die absolute Ausnahme, sagt Meier. Nach einem langen Krieg im alten Griechenland haben die Athener Demokraten beschlossen: Es ist verboten, an das vergangene Unrecht zu erinnern. Ähnliches galt für den Mord an Caesar. Auch nach der Französischen Revolution wurde das Vergessen beschlossen. Bis zum Ersten Weltkrieg galt: An die Gräueltaten möglichst schnell nicht mehr denken.