Der Fußball rollt und in den WM-Stadien wird gefeiert. Einer, der die Proteste gegen die teure WM und die grassierende Korruption im eigenen Land nicht vergessen hat, ist Criolo. Der bekannte Rapper aus São Paulo hat momentan vor allem ein Thema: wie die WM Brasilien schadet und wie sich die Bevölkerung dagegen wehrt. Auch ein WM-Titel wird die Proteste nicht stoppen.

Schnörkelloser, aggressiver Rap gepaart mit einem Mix aus Afro-Funk, Samba, Dub, Jazz und Orchestermusik – so klingt "No na Orelha" – "Knoten im Ohr", das Album des brasilianischen Rappers Criolo. Seitdem der Musiker sein Album 2011 kostenlos ins Netz stellte, haben es über 400,000 Brasilianer heruntergeladen. Mittlerweile wird Criolo als die wichtigste Figur der brasilianischen HipHop und der Pop-Szene gefeiert. Zu seinen Konzerten strömen über zehntausende Menschen.

"Ich spreche über mein Leben, was ich sehe, meinen Alltag und den der Brasilianer. Und der ist meistes nicht schön"
Criolo, brasilianischer HipHop-Star

In seinen Texten vergleicht er seine Heimatstadt São Paulo mit einem Blumenstrauß - mit vielen hübschen Blumen und doch sind alle tot. Oder er erzählt von einem Doppelmord in seinem Viertel, der die Polizei herzlich wenig interessiert.

Criolo ist kein Schönredner - ganz im Gegenteil: Als Kind der Favelas legt er die Finger tief in Wunde und ist damit ein Sprachrohr derer, die es in Brasilien am härtesten trifft. Er singt über die krassen sozialen Gegensätze des brasilianischen Wirtschaftswunders und beschreibt die Frustration und Hoffnungen in den brasilianischen Armenvierteln so greifbar, dass sogar die Mittelschicht damit etwas anfangen kann.

"Die Korruption ist überall und gerade die WM macht das so offensichtlich. Während wir Stadien bauen, sterben Menschen in überfüllten Krankenhäusern"
Criolo, brasilianischer HipHop-Star

Abseits der Bühne wirkt Criolo eher ruhig und bescheiden. Auf der Bühne aber ist er ein völlig anderer Mensch. Rennende Demonstranten, knüppelnde Polizisten und Wasserwerfer: Mit erhobenen Händen beschwört Criolo die Bilder, die ein Beamer auf die Leinwand wirft. "Wie kann es sein, dass jemand Häuser in den Favelas abreißt, um Parkplätze für die WM zu bauen? Wo sind die Politiker und Verantwortliche", fragt er flehend.

Criolo ist nicht gegen Fußball. Alle Menschen in Brasilien lieben Fußball und es ist Konsens, dass ihr Land das eigentliche Heimatland des Fußballs ist. Nur für Fußball sei jetzt nicht der richtige Moment. Außerdem sei die WM sowieso nur für diejenigen, die sie sich leisten können:

"Es gibt wichtigere Dinge für uns als Gesellschaft. Die Schulen, die Umwelt, die Armut. Ich liebe Fußball, aber bei der WM geht es ja nicht um den Sport, es geht um das Geschäft"
Criolo, brasilianischer HipHop-Star

Die Brasilianer beobachten die WM und wie sie benutzt wird sehr aufmerksam, sagt der Rapper. Und solange sich im Land nichts ändert und die sozialen Probleme dieselben bleiben, gehen die Demonstration weiter - selbst dann, wenn Brasilien Weltmeister wird.

Shownotes
FIFA WM 2014
Kein Fußballfieber
vom 19. Juni 2014
Autor: 
Axel Rahmlow