Oft ist es schon zu spät, bevor wir merken, dass unser Kopf und unser Körper dringend eine Pause gebraucht hätten. Körperliche und seelische Erschöpfung sind nicht erst seit der Corona-Pandemie ein großes Problem, offen zur Sprache kommen sie dagegen immer noch selten. Der Politiker Steffen Regis (Bündnis 90/Die Grünen) hat sich deshalb bewusst dafür entschieden, seine Erkrankung öffentlich zu machen.

Ende März 2021 hat sich Steffen Regis für vier Wochen krankschreiben lassen. Er ist Landesvorsitzender von Bündnis90/Die Grünen in Schleswig-Holstein. Die Diagnose: körperliche und seelische Erschöpfung. Eines Abends saß er nach einer Videokonferenz auf seinem Schreibtischstuhl und konnte sich nicht mehr bewegen. Nichts ging mehr. In den Tagen und Wochen davor fiel es ihm sogar schon schwer, eine einfache Mail zu schreiben oder sich morgens zu motivieren, zur Arbeit zu gehen.

"Wenn man zwei Stunden vor einer völlig banalen E-Mail sitzt, denkt man selber: Was ist eigentlich los mit mir? Man kennt sich selber auch nicht mehr."
Steffen Regis, Landesvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen in Schleswig-Holstein

Begleitet wurde seine seelische Erschöpfung von einer Reihe körperlicher Anzeichen wie Rückenschmerzen, Magenkrämpfen oder Kopfschmerzen. Es sind einfach stressige Zeiten, sagt er. Stress sei für ihn aber bisher eher positiv gewesen. Er gab ihm immer eine Art Kick, um die letzten Leistungsreserven zu mobilisieren, erinnert er sich. Doch das geht auch nur über einen begrenzten Zeitraum gut, weiß er heute.

Steffen Regis ist damit einer der wenigen Politiker, der offen mit einer persönlichen psychischen Erkrankung umgeht. Für ihn sei der Umgang selbstverständlich gewesen: Auch Politiker seien ganz normale Menschen, die irgendwann an ihre Grenzen kämen.

Sich die Erschöpfung eingestehen

Oft beute man sich selbst ein stückweit aus, verschiebe die eigenen Grenzen ohne zu merken, dass sie eigentlich schon längst überschritten sind, beschreibt Steffen Regis das Kernproblem. Erst als Freunde und sein Arzt ihm gesagt hätten, dass er nun dringend eine Pause brauche und er schließlich krank geschrieben wurde, habe er es ganz langsam selbst realisieren können.

"Ich denke, ich und viele andere auch sind super im Sich-selbst-Betrügen."
Steffen Regis, Landesvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen in Schleswig-Holstein

Nach seiner Krankschreibung brauchte Steffen Regis ersteinmal eine Woche, um zu realisieren, was eigentlich mit ihm und seinem Körper los war. Das Gefühls-Chaos sei groß gewesen. Danach habe er sich aber bald bewusst dazu entschieden, sein Problem offen zu kommunizieren.

Offener Umgang mit Erschöpfung und Stress

Psychische Erkrankungen seien gesellschaftlich immer noch Krankheiten zweiter Klasse, sagt Steffen Regis. Das müsse sich dringend ändern. Da helfe ein offener Umgang mit der Erkrankung.

"Es ist ein Phänomen, von dem ich glaube, dass es ganz, ganz viele Leute im Moment trifft, die Hürden aber immer noch groß sind, darüber offen zu sprechen, weil es ja oft noch als Schwäche angesehen wird."
Steffen Regis, Landesvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen in Schleswig-Holstein

Die Reaktionen auf seinen offenen Umgang waren durchweg positiv. Seit kurzem ist Steffen Regis nun wieder zurück bei der Arbeit und versucht auch mit professioneller Unterstützung, den Stress von nun an gut zu kontrollieren. Er ist froh, wieder in seinem Job zu sein – ein bisschen habe er es doch vermisst.