Seit ein paar Jahren bedroht eine stetig wachsende Schar Hausmäuse die Vogelidylle auf dem winzigen Atoll Midway: Denn die Hausmäuse greifen die deutlich größeren Albatrosse des Atolls an und töten diese.

Das winzige Atoll Midway, das einsam mitten im Pazifik liegt, beherbergt auch eine der größten Albatroskolonien weltweit. Rund 70 Prozent aller Laysan-Albatrosse und immerhin fast 40 Prozent aller Schwarzfußalbatrosse brüten auf den drei kleinen Inseln des Midway-Atolls. 

Albatros-Dame Wisdom (Foto von 2014)
© imago

Erstmals 2015 konnten Wissenschaftler beobachten, dass Mäuse Albatrosse und ihre Küken attackierten. Insgesamt haben die Mäuse bisher über 1.000 Albatrosse getötet. Viele andere erlitten zum Teil schwere Verletzungen oder haben aufgrund der Mäuseattacken ihre Nester aufgegeben. 

Nach den Ratten kamen die Mäuse

Möglich machte die Mäuseplage der Wegfall der Hausratte. Sie wurde 1943 als blinder Passagier mit dem Schiff nach Midway eingeschleppt und vermehrte sich dort – da natürliche Feinde fehlten - geradezu explosionsartig. Die Ratten fielen dann mit großer Vehemenz über die Küken und Eier verschiedener Seevögel her, die der invasiven Art durch das Fehlen geeigneter Abwehrmaßnahmen relativ hilflos gegenüberstanden. Einige Vogelarten wurden durch die Ratten an den Rand der Ausrottung gebracht. Zum Beispiel gab es vor der Ankunft der Ratten, rund 500.000 Boninsturmvögel auf Midway. Die Ratten reduzierten die Population jedoch so sehr, dass es 1980 nur noch 5000 Exemplare auf Midway gab.

Der U.S. Fish and Wildlife Service startete daraufhin 1995 mit Unmengen von Fallen und Giftködern ein gewaltiges Ausrottungsprogramm der Ratten. Und das war ausgesprochen erfolgreich. So erfolgreich, dass Midway bereits 1997 als rattenfrei erklärt werden konnte. Mit der Folge, dass die Vogelbestände und vor allem die Bestände des Boninsturmvogels auf einen Höchststand von eine Million Exemplare anstiegen. 

Warum Mäusebanden Albatrosse angreifen

Durch die Ausrottung der Ratten kam es jedoch ziemlich schnell zu einer Vermehrung der Hausmäuse, die jetzt nicht mehr dem Konkurrenzdruck der deutlich größeren Nager ausgesetzt waren. Und das erneut mit schlimmen Folgen für die Vogelwelt auf Midway. Eigentlich handelt es sich ja bei Mäusen um Allesfresser, die sich hauptsächlich von Samen und anderer pflanzlicher Nahrung und ab und an auch von ein paar Insekten ernähren. Das änderte sich jedoch schlagartig 2015. 

Die Wissenschaft vermutet, dass der Wandel der Mäuse von mehr oder weniger friedlichen Allesfressern zu Vogelkillern möglicherweise mit einer schweren Dürreperiode zusammenhängt, die Midway im Jahr 2015 getroffen hat. Da es damals nur ausgesprochen wenig Trinkwasser auf den Inseln gab, haben die Mäuse möglicherweise nach trinkbaren Alternativen gesucht und sind dabei beim Blut der Seevögel fündig geworden. Und offensichtlich wurde diese Angewohnheit beibehalten und auch an die Jungtiere traktiert. 

"Die Mäuse haben offensichtlich nach einer trinkbaren Alternative gesucht und sind beim Blut dieser Seevögel fündig geworden."
Mario Ludwig

Langfristig gesehen sind die Albatrospopulationen auf Midway massiv bedroht, da sich zum einen die Mäuse massiv vermehren und zum anderen, da Albatrosse über keine hohe Fortpflanzungsrate verfügen. Ein Albatrosweibchen bringt nur alle zwei Jahre ein einziges Junges zur Welt.

Killermäuse auch auf der Insel Gough

Killermäuse gibt es nicht nur auf Midway, sondern auch auf der britischen Insel Gough, die auf halbem Weg im Atlantik zwischen Afrika und Südamerika liegt. Auch dort machen Mäuse - oft in gut organisierten Gruppen von bis zu zehn Tieren - schon seit vielen Jahren Jagd auf Albatros- und Sturmvogelküken, die sie solange beißen, bis sie am Blutverlust sterben. 

Aggressive Mäusebanden fressen junge Albatrosse
© dpa
Aggressive Mäusebanden fressen junge Albatrosse auf Gough (Videostill)

Auch hier werden viele Jungvögel bei lebendigem Leib aufgefressen. Schätzungen zufolge tüten die Mäuse pro Saison bis zu einer Million Küken. Erstaunlicherweise haben die Mäuse, die sehr wahrscheinlich 1888 auf Gough eingeschleppt wurden, sogar eine At Blitzevolution durchgemacht. Sie sind mittlerweile deutlich größer und etwa doppelt so schwer, wie ihre Verwandtschaft auf dem Festland.

Um das Vogelsterben aufzuhalten ist jetzt auf beiden Inseln geplant, die Mäuseplage mit Hilfe von Giftködern zumindest einzudämmen. Am besten wäre es natürlich, wenn die Mäuse auf den Inseln komplett ausgerottet würden.