Henry kommt aus einem armen Dorf im Norden Ghanas und will studieren und ein besseres Leben haben. Dann gerät er in die Fänge des IS.

Alana ist schüchtern, queer und hatte mit Anfang 20 noch nie ein Date. Eigentlich will sie eine Plattform für einsame Menschen im Netz gründen, doch aus Versehen wird daraus eines der gefährlichsten Internetforen für Frauenhasser: Incel. Das steht für "involuntary celibate".

Diese Geschichte stammt von dem amerikanischen Podcast Reply All. Die Einhundert durfte sie auf sie ins Deutsche übersetzen und in dieser Ausgabe auch in Deutschland ausstrahlen.

HEnry Ghana
© Sophia BognerPaul Hertzberg
Henry aus Ghana

Wenn der IS dein einziger Freund ist

Henry* kommt aus einem armen Dorf im Norden Ghanas. Seine Eltern haben ihn verlassen und er hat kaum Freunde, dafür hat er ein großes Ziel im Leben: Er möchte studieren, um irgendwann ein besseres Leben zu haben. Doch Henry wird erst von einer reichen Familie ausgebeutet. Dann gerät er in die Fänge des Islamischen Staats, der in Ghana neue Anhänger rekrutiert. Sophia Bogner und Paul Hertzberg haben Henry in Ghana getroffen.

Anmerkung: Dieser Text ist die Grundlage für einen Radiobeitrag. Der beinhaltet Betonungen und Gefühle, die bei der reinen Lektüre nicht unbedingt rüberkommen. Außerdem weichen die gesprochenen Worte manchmal vom Skript ab. Darum lohnt es sich, auch das Audio zu diesem Text zu hören.

Hotel in Ghana
© Sophia Bogner , Paul Hertzberg
In diesem Hotel am Stadtrand von Tamale im Norden Ghanas haben die Autor*innen Sophia Bogner und Paul Hertzberg Henry getroffen.

Henry: “You can’t imagine, sometimes I had to starve, sleep with empty stomach for two days. Can you imagine, for two whole days. When I was a child, I was hustling, growing up was not easy for me.

Sophia: In Henrys Kindheit gibt es von allem zu wenig. Zu wenig zu essen, zu wenig Zuneigung, zu wenig Geld. Manchmal geht Henry zwei Nächte hintereinander schlafen, ohne irgendwas gegessen zu haben. Seine Mutter hat ihn und seine Geschwister verlassen, sein Vater ist schon früh gestorben. Und sein Onkel, bei dem lebt Henry, ist ein Bauer und so arm, dass er Henry noch nicht einmal ein Paar Schuhe kaufen kann. Also muss Henry barfuß zur Schule laufen, jeden Tag, sechs Jahre lang.

Henry: "From primary 1 to primary 6 I walked to school barefoot. Without boot, without shoe from class one to class six."

Paul: Wulensi, das ist das Dorf im Norden von Ghana, in dem Henry aufwächst. Das ist ein ziemlich armer Ort. Wir waren selbst nicht da, aber wir haben viele Dörfer im Norden Ghanas gesehen, und die sehen schon alle ziemlich ähnlich aus. Häuser mit Wellblechdächern und drumherum trockene Felder, die kaum was abwerfen. Das einzig Schöne an seiner Kindheit, das sagt Henry uns, ist die Schule. Denn da geht es um mehr, als nur ums Überleben. Da lernt Henry etwas über die Welt außerhalb von Wulensi.

Henry: "My favorite subject was islamic and history.

Sophia: Henry liebt die Schule. Vor allem seine Lieblingsfächer, Islam und Geschichte. Er lernt, so viel er kann, er gibt alles, um ein guter Schüler zu sein. Aber gleichzeitig muss er auch noch arbeiten.

Paul: Seit er klein ist, hilft er nämlich seinem Onkel auf den Feldern. Wenn er da in der Hitze arbeitet, träumt Henry davon, irgendwann wegzufliegen. Er will raus aus dem Dorf, er will die Welt sehen.

Henry: "I’ve never even been to an airport. So my prayer was: one day I should sit in a plane and go to a foreign country. One day."

Paul: Er lernt und arbeitet, lernt und arbeitet, bis er mit 18 endlich sein Abi macht.

Henry
© Sophia Hertzberg , Paul Bogner
Henry nach dem Interview.

Sophia: Richtig verändern tut sich sein Leben trotzdem nicht. Natürlich will er studieren, aber dafür hat er kein Geld. Ein halbes Jahr lang arbeitet Henry weiter auf den Feldern. Bis er auf Facebook dann diesen Mann kennen lernt. Ein älterer Typ, auch ein Nordghanaer, so wie er selbst, und der bietet ihm einen Job an: Komm nach Accra und hilf meiner Frau im Haushalt, sagt der, und ich bezahl dir dafür die Studiengebühren. Henry kann sein Glück kaum fassen. Er sagt sofort zu, packt alle Koffer und kauft sich von dem letzten bisschen Geld, das er hat, ein Busticket in die ghanaische Hauptstadt.

Paul: Die Busfahrt dauert einen ganzen Tag lang. Als Henry ankommt fühlt es sich an, als sei er in einer ganz neuen Welt gelandet.

Henry: “My main idea was that it’s a life changing moment. I will see beautiful things, when I come to Accra, that I’ve never seen in my life. This is where I’ll get the chance to go to a better school, a better university."


Paul: Accra das sind vier Millionen Menschen, 80 Prozent Luftfeuchtigkeit, 24 Stunden Stau, 24 Stunden Hip-Hop-Dröhnen, Flip-Flop-Flapsen, Motorheulen. Hochhäuser, Nachtclubs, Frauen in bunten Kleidern und Männer mit glänzenden Lederschuhen und Laptoptaschen. Henry will das alles sehen.

Sophia: Henry fängt an, bei der Familie des Typen zu arbeiten, den er bei Facebook kennengelernt hat. Er wohnt bei ihnen zu Hause, in einem winzigen Zimmer unterm Dach. Eine richtige Kammer, in die grad mal seine Matratze passt. Er spült das schmutzige Geschirr der Familie, er putzt, wäscht Wäsche, kauft ein und kocht. Ein richtig harter Job, Henry steht jeden morgen auf wenn es noch dunkel ist und geht erst nachts ins Bett. Ihm ist auch unangenehm wir privat das ist - dass er die Unterwäsche der Frau mit der Hand waschen muss, dass er den Boden auf der Toilette auf allen vieren schrubbt - dafür schämt er sich. Ein ganzes Jahr lang arbeite er Tag und Nacht - und er bekommt keinen einzigen Cent dafür.

Henry: "In the house I spent one year, in Accra I spend one year washing dishes, cleaning things, washing the ladies things. All manner of things.


Sophia: Obwohl seine Lage so hoffnungslos ist, glaubt Henry immer weiter, ich muss nur durchhalten, dann wird schon alles gut.Henry: "In that house I was thinking nothing good comes easy, you must struggle before you get. So, I was having the idea, when I struggle I will get. Did it happen that way? Yah, it happened that way."

Sophia: Immer wieder fragt er nach seinem Gehalt. Immer wieder wird er vertröstet. Die Familie sagt ihm, er solle noch ein bisschen Geduld haben, sie hätten ja einen Deal, erst mal solle er weiterarbeiten, dann würde er seine Studiengebühren schon noch bekommen. Und Henry macht das. Von Accra sieht er in der ganzen Zeit nichts. Paul: Das ist echt bizarr. Henry ist wegen der Stadt und der Uni hierher gekommen und jetzt hockt er in einem Vorstadthaus und kennt nichts, außer den Zimmern, die er putzt. Er wird immer einsamer. Niemand, wirklich niemand spricht mit ihm, nicht mal die Familie für der er arbeitet. Die behandeln ihn wie Luft. Henry ist ganz alleine, eigentlich will er nur noch weg von hier.

Sophia: Henry ist richtig verzweifelt, aber sein Glaube gibt ihm Hoffnung. Er betet fünf mal am Tag zu Allah - schon seit er ein Kind ist. Er bittet ihn um nichts krasses, er will einfach nur zu Uni gehen. Und ne Zukunft haben. Aber seine Gebete werden nicht erhört. Irgendwann findet er raus, dass er das ganze Jahr umsonst geschuftet hat. Sein Chef sagt ihm, er wird ihm die Studiengebühren nicht zahlen. Die Familie hat Henry verarscht.

Henry: "He failed me. I was traumatized."


Paul: Das passiert vielen Jugendlichen in Ghana. Sie kommen aus armen Dörfern und suchen in der Stadt nach einem besseren Leben. Aber da werden sie von reichen Familien abgegriffen und enden als so ne Art Haussklaven.

Sophia: Henry schließt sich in seiner kleinen Dachkammer ein und weint. Er ist so verzweifelt, dass er denkt, sein Leben hört jetzt auf.

Henry: "I cried for a whole day. I lock myself up in a room, I cried the whole day. When I return what am I going to tell my people? Or is it that life is ending? I locked myself a whole day, I cried badly. I cried badly."

Sophia: Er ist gerade mal 19, aber er hat sein ganzen Leben gehofft, dass es irgendwann besser wird, das er eine Chance bekommt. Und jetzt ist diese Hoffnung zerstört worden.

Paul: Henry gibt auf. Er ist depressiv. Er erledigt weiter seine Aufgaben im Haus, aber nur, damit er Essen und einen Schlafplatz hat. Aber eigentlich will er einfach nicht mehr leben. Jede Nacht liegt er wach auf seiner Matratze. Er schwitzt. Ghana ist ein tropisches Land und Henry hat keinen Ventilator oder ne Klimaanlage. In seinem Zimmer ist es dunkel. Henry ist alleine. Er hat seit Monaten mit niemandem mehr geredet. Plötzlich blinkt sein Handy. Er hat eine Nachricht bekommen.

Henry: “Somebody give me a friend request. He was a white guy. So I accepted. So he gave me the request, we were talking as friend, I would say I have a white friend."

Sophia: Der Typ der Henry eine Freundschaftsanfrage gestellt hat, nennt sich Attib. Er ist ein Araber. Für Henry ist das was besonderes. Für ihn sind alle Araber Weiße und mit einem Weißen war er noch nie befreundet. Er hat in seinem ganzen Leben noch nicht mal mit einem geredet. Er glaubt, dass alle Weißen reich sind. Das sie aus einer besseren Welt kommen. Henry kennt Attib nicht, aber er ist so einsam, so richtig ausgehungert nach menschlichem Kontakt, dass er ihm seine ganze Lebensgeschichte erzählt.

Henry: "He also asks me, what I was doing. I can’t lie. So I told him everything."

Paul: Tatsächlich meldet sich Attib in der nächsten Nacht auch wieder. Sie telefonieren lange. Henry erinnert sich noch genau an ihr Gespräch.

Henry: "He ask me, are you a Muslim? – I said, yes, I’m a Muslim.Salam alleikum. – I said, Alleikum as-Salam.How is everybody? – I said, I’m cool.He asks, are you a Muslim? - Yes, I’m a Muslim. I love you. – I said, I love you brother."


Paul: Das ist auch das erste, was Attib ihn fragt: Er fragt: "Bist du ein Moslem?" Und Henry sagt: "Ja." Attib sagt ihm: "Ich liebe dich. Henry sagt: "Ich liebe dich, Bruder."

Sophia: Für ihn sind nämlich alle Moslems seine Brüder.

Paul: Dann erzählt Attib Henry, dass unschuldige Moslems in Gaza getöten werden. Sie sind sich einig, dass man für sie kämpfen müsse. Als sie sich verabschieden, sagen sie: Al jihad fi sabililah.

Henry: "He said, look at what’s happening in Gaza, they are killing innocent Muslims. Don’t you think it’s time to fight for our brothers? – I said, yes. He asks me: Do you believe? He said Al jihad fi sabililah. – I said Al jihad fi sabililah."


Sophia: Das kann ganz viel bedeuten, aber es heißt eben auch: der Krieg im Namen Allahs. Henry weiß zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht, was der Islamische Staat ist. Das sagt er uns. Aber zum ersten Mal seit langer Zeit hat er wieder das Gefühl: Gott hat einen Plan für ihn. Gott ist wie eine Tür, sagt Henry. Wenn du glaubst und weiter klopfst, wird sich dir die ganze Welt öffnen.

Henry: "God is like a door, keep on knocking, when it is your time, the door will open and when you have the chance to go inside, the whole world will hear you."


Sophia: Und durch diese Tür, das denkt Henry halt, ist jetzt Attib zu ihm gekommen. Und zwar, um ihn zu retten aus diesem Haus und aus seiner Hoffnungslosigkeit. Paul: Jede Nacht telefonieren die beiden jetzt miteinander. Da ist Henry allein und ungestört, alle anderen im Haus sind schon im Bett. Henry erzählt uns, dass er sich jedes Mal richtig freut, wenn sein Handy piept. Er hat sonst keine Freunde, er weiß also, es kann nur einer sein: Attib. Attib ist der einzige, der Henry fragt, wie es ihm geht. Und er macht das jeden Tag. Henry ist noch nie so ernst genommen worden, noch nie hat sich jemand so sehr für ihn interessiert. Attib ist sein bester Freund und noch mehr. Er ist wie ein Bruder, der ihm Hoffnung gibt.

Sophia: Als Attib Henry ein Angebot macht, zögert er keine Sekunde.

Henry: "He told me there is work if I wanted to do it."


Paul: Er sagt, es sei ein Job. Ein Job für Männer, die kämpfen können. Und er erzählt ihm noch mehr. Er erzählt ihm, dass er ein Anhänger von Abu Bakr Al Baghdadi ist, dem Anführer des Islamischen Staates ist und dass sie in Syrien kämpfen. Und jetzt erfährt Henry, wer Attib ist, sein neuer Freund. Henry checkt, dass sein neuer Freund Anhänger des Islamischen Staates ist. Und davon ist Henry nicht schockiert sondern er ist begeistert. Und Attib sagt ihm, wenn er diesen Job annimmt, dann zahlt er ihm 2500 US-Dollar.

Henry: "I said wow, I’ll be working and you pay me dollars, so I was like I was happy."


Paul: Für Henry ist das unglaublich viel Geld. Ein richtiges Vermögen. Er ist arm aufgewachsen, in seinem ganzen Leben hat er noch nicht einmal einen Dollar gesehen.

Sophia: Und er schickt dann auch noch Foto von sich, wo er mit ner Waffe posiert und mit der schwarzen IS-Flagge.

Henry: "He sent me his picture, holding a gun. When I saw it, I love it."


Paul: Dann sagt Attib ihn, dass er sich für ein paar Tage nicht mehr melden kann. Der IS hätte da eine Operation am laufen.

Sophia: Am 22. März 2016 sprengen sich Selbstmordattentäter am Flughafen von Brüssel und in der Innenstadt in die Luft. 35 Menschen sterben. Mehr als 300 werden verletzt. Als Henry uns das erzählt, merken wir, wie krass präsent wir die Bilder noch im Kopf haben. Und wir merken aber auch, dass Henry das damals ganz anders empfunden hat. Henry war auf der anderen Seite, für ihn waren das keine Terroristen. Für ihn waren das Helden.

Paul: Als er am Abend wieder mit Attib telefoniert, sagt der zu Henry, das waren wir. Das ist unser Krieg. Henry ist davon nicht schockiert, von dem Morden und den Toten in Belgien. Im Gegenteil, er ist stolz, weil er jetzt dazugehört. Das sagt Attib ihm auch, du bist jetzt einer von uns.

Sophia: Henry wusste ja, dass da was im Gange war. Und er hatte dicht gehalten. Attib und die anderen wissen jetzt, dass sie ihm vertrauen können. Henry fühlt sich jetzt nicht mehr einsam. Zum ersten Mal seit langem. Nachts liegt er immer noch wach aber jetzt zieht sich die Videos vom IS rein, die Attib ihm schickt. Ein Video guckt er immer wieder. Es zeigt, wie ein vermummter Kämpfer einen Gefangenen enthauptet. Der Kopf fällt in den Sand. Männer schreien: Gott ist groß.

Henry: "When they were slaughtering people, I was happy. Because I was thinking that is my chance."


Paul: Henry feiert jedes IS-Video, das er sieht. Er freut sich und er lacht, wenn die Männer auf Menschen erschießen. Für ihn sind das Helden, keine Terroristen. Und niemand um ihn herum weiß, was in seinem Kopf abgeht.

Henry: "This was the time I was more radicalized. I was always alone."


Sophia: Dann schickt Attib Henry endlich das Geld, um nach Syrien zu kommen. Es ist nicht viel, es reicht gerade mal für ein Busticket. Henry soll erstmal ins Nachbarland fahren, nach Burkina Faso. Das liegt nördlich von Ghana und von Accra aus braucht man mit dem Bus ungefähr zwei Tage dahin. Dort soll ein Mittelsmann des IS Henry aufsammeln und ihm erklären, wie es weiter nach Syrien geht. Henry ist so aufgeregt, dass er nicht schlafen kann. Paul: Am Morgen steht er auf, es ist Freitag, endlich soll es losgehen. Henrys Rucksack steht gepackt neben der Tür. Das Haus ist leer, alle außer Henry sind weg. Er hat noch ein paar Stunden, bis der Bus geht, aber nichts mehr zu tun. Deswegen macht er den Fernseher an, um sich abzulenken.

Sophia: Die Fernsehsendung, die Henry da sieht, heißt Ikra TV. Das ist eine islamische Talk-Show. Henry sieht da, wie sich zwei Männer unterhalten: Der eine ist der Moderator, er heißt Sheik Bagnya und ist ein berühmter ghanasicher Imam. Er spricht mit Mumini Muqthar, der leitet eine NGO, die sich um radikalisierte Jugendliche kümmert. Das Thema der Sendung: wie der islamische Staat Anhänger rekrutiert.

Sheikh
© Sophia Bogner , Paul Hertzberg
Sheik Bagnya ist der Moderator der ghanaischen Fernsehshow, die Henry am Tag seiner geplanten Abreise sieht.

Paul: Während er da sitzt, erzählt er, wie junge Männer vom IS verführt werden. Das ist das Wort, dass er benutzt: verführt. Er sagt, die Männer suchen sich die Hoffnungslosen aus, die Schwächsten, die, die ihre Lügen sofort glauben. "Sie finden sie auf Facebook", sagt Muqthar. "Und tun dann so, als ob sie ihre Freunde wären."

Henry: "And what the guy was saying, as if he knew me, as if somebody told him, what I was going through. My brother, I started crying badly."

Sophia: Henry hört den beiden Männern zu und hat das Gefühl, sie unterhalten sich über ihn. Noch bevor die Sendung zu Ende ist, bricht er völlig zusammen. Er liegt auf dem Boden und heult, er kann überhaupt nicht mehr damit aufhören. Bei der Erinnerung daran kommen ihm immer noch die Tränen. Was dieser Muqthar da im Fernsehen erzählt, bricht Henry das Herz. Er schämt sich. Er wurde schrecklich betrogen. Er war gar nichts besonderes, das wird ihm jetzt klar. Attib ist nicht sein Freund, sondern ein Terrorist. Er hat sich auch gar nicht für ihn interessiert, sondern ihn nur ausgenutzt.

Henry: "That is what broke my heart. That particular Friday saved my life."

Sophia: Als er sich ein bisschen beruhigt hat, hat er nur noch einen Gedanken: Er will Attib am liebsten sofort aus seinem Leben löschen.

Paul: Noch an diesem Tag löscht er Attib auf Facebook.

Henry: "I unfriended Attib."

Paul: Er will nicht mehr nach Burkina Faso oder nach Syrien. Er nimmt auch nicht den Bus, sondern bleibt zu Hause. Henry ist nicht nur am Boden zerstört, jetzt bekommt er auch Schiss. Die IS-Männer kennen seinen echten Namen. Und irgendein Typ wartet in Burkina Faso auf ihn. Henry weiß nicht was er tun soll.

Sophia: Er kann sich ja an niemanden wenden. Keiner weiß, dass er sich mit dem IS eingelassen hat.

Paul: Und Henry glaubt auch nicht, dass irgendjemand Verständnis für ihn haben könnte. Wer soll das auch verstehen? Da fällt Henry der Typ aus der Fernsehshow ein: Muqthar. Henry greift zu seinem Handy und schreibt ihm auf Facebook eine Nachricht.

Henry: "I went to Facebook, typed in the name. A list of them appeared. I was scrawling through and I get him. I wrote in his message line: Please brother it’s important, I want to talk to you. My name is so so and so so. I watched your program. I’m in tears. Please can you call me."

Sophia: Henry bittet ihn, Bruder, ruf mich so schnell wie’s geht an. Aber Muqthar ignoriert ihn erst mal. Er denkt sich, das ist doch nur irgendein Spinner.

Muqthar: "I saw the messages, but I didn’t respond. Cause I thought this was just some random guy trying to chat you up."

Paul: Aber Henry schreibt wieder und wieder. Und Muqthar versteht irgendwann: Der meint es ernst. Der Junge braucht Hilfe. Deshalb beschließen die beiden sich zu treffen.

Sophia: Und zwar in einem Park irgendwo in Accra. nachts. Weil Henry Angst hat und nicht will, dass jemand sie sieht. Er will unbeobachtet sein, wenn er sich mit Muqthar unterhält. Das einzige, was sie hören, sind ein paar Straßenhunde, die bellen. Sie sitzen zwei Stunden lang auf ner Parkbank und Henry erzählt Muqthar seine ganze Geschichte. Muqthar ist nach dem Gespräch schockiert. Er sagt Henry: "Du musst raus aus dem Haus da, zieh doch erst mal zu mir."

Paul: Dieser Familie, bei der Henry das letzte Jahr verbracht hat, sagt er von alldem überhaupt nichts. Sie erfahren nie, mit wem Henry da monatelang gechattet hat. Am Tag nach dem Gespräch im Park zieht er einfach zu Muqthar.

Sophia: Henry hofft, dass er nie wieder was von den IS-Leuten hören muss. Aber Muqthar sagt ihm, du kannst nicht einfach den Kontakt abrechen. Das wäre viel zu gefährlich. Wenn der IS glaubt, Henry könnte gegen sie aussagen, oder zur Polizei gehen, dann kann es richtig gefährlich für ihn werden.

Muqthar: "I coached him what to say when they call him. They are very intelligent guys, you cannot just cut ties, they will get suspicious that you inform on him, that you work with the authorities. If you act in any way that is against the interest of those people, you are putting your life in danger."

Sophia: Attib hat Henry ja schon auf Facebook blockiert. Und er hört auch nichts mehr von ihm. Aber jetzt rufen immer wieder andere IS-Leute bei ihm an. Erst ist es der Typ aus Burkina Faso, den vertröstet Henry. Er sagt ihm, seine Abreise verzögere sich, er könne jetzt nicht gut reden. Dann melden sich andere IS-Leute. Diesmal sind es Ghanaer, die davon erzählen, wie gut es ihnen in Syrien geht. Aber Muqthar kennt das Spiel. Er sagt, die haben gecheckt, dass du dir nicht ganz sicher bist und wollen dich überzeugen.

Paul: Muqthar hilft Henry bei den Telefonaten mit den IS-Männern. Er sitzt immer neben ihm und sagt ihm, was er sagen soll. Muqthar sammelt alle Infos, schreibt die Nummern auf und die Namen und übergibt alles der ghanaischen Polizei. Alles bis auf Henrys Namen, den will er da raushalten. Henrys Handy werfen die beiden weg. Muqthar glaubt, jetzt ist es nicht mehr ganz so gefährlich, den Kontakt abzubrechen. Henry ist jetzt frei.

Mumini Muqthar
© Sophia Bogner , Paul Hertzberg
Mumini Muqthar kümmert sich im Jugendliche, die sich radikalisiert haben. Henry sagt, dass er ihm das Leben gerettet habe.

Sophia: Aber ne richtige Zukunft, die hat er da immer noch nicht. Also überlegt Muqthar, was er tun kann. Er ruf Sheik Bagya an, seinen Freund, den Moderator von der Fernsehshow, die Henrys Leben gerettet hat. Muqthar und der Sheik legen zusammen und übernehmen Henrys Studiengebühren. Erst Mal für das erste Jahr.

Henry: "But he do gave me money for school, you know, I do study journalism. Hmmm. I’m studying journalism."

Paul: Henry studiert jetzt so eine Art Kommunikationswissenschaften und Journalismus.

Sophia: Er studiert in Tamale, in Accra hat er es nicht mehr ausgehalten. Die Stadt hat ihn zu sehr an den ganzen Irrsinn erinnert, den er dort erlebt hat. In Tamale ist das einfacher. Da kann Henry noch mal ganz neu anfangen. Niemand hier weiß, was er erlebt hat. Nicht mal sein Mitbewohner in der WG. Er glaubt, er weiß heute, warum er damals fast zum IS gegangen wäre.

Paul: Er war für den IS so ein leichtes Opfer, sagt Henry, weil er so arm war.

Henry: "Poverty can lead you to do something that tomorrow you’ll regret."

Paul: Wenn du sonst keine Chancen hast, kann es sein, dass du was tust, dass du später bereust, vielleicht sogar, dass du jemanden umbringst.

Henry: "Poverty can lead you to kill someone."

Paul: An seinem tiefen Glauben an Gott hat das alles nichts geändert. Henry betet immer noch zu Allah. Jetzt dankt er ihm dafür, dass er ihm Muqthar geschickt hat.

Henry: "This is my song, the song that I play whenever I remember all the past things and situations. This is the song I play it’s my song. This is my song, the song, that I listen to when I’m in a sad mood. How can I express my gratitude? All the many things you’ve done for me. Let me just say thank you. God you are my everything, my everything."

*Name von der Redaktion geändert