Immer wieder gelingt es US-Präsident Donald Trump, mit provokativen, nicht selten ausfälligen und rassistischen Aussagen großen Widerhall zu ernten. Ist das Zufall oder Strategie, warum fährt er damit so gut und wie sollten die Medien darauf reagieren? Die Linguistin Elisabeth Wehling hat sich Trumps Verbalattacken für uns näher angesehen.

"Send her back!" brüllen Trump-Anhänger bei seinen Wahlkampfauftritten in Sprechchören, "Schickt sie zurück!" Gemeint sind vier US-Demokratinnen, die der US-Präsident verbal und via Twitter immer wieder massiv attackiert . "Ich denke in einigen Fällen, dass sie unser Land hassen", hatte er zum Beispiel gesagt, sie mit Terrorismus in Verbindung gebracht oder behauptet, sie wollten die US-Verfassung zerstören. Unter anderem.

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Trump attackiert Abgeordnete mit rassistischen Aussagen

Konkret geht es um die muslimische Kongress-Abgeordneten Ilhan Omar, die als Kind aus Somalia floh, Rashida Tlaib, die palästinensische Wurzeln hat, Alexandria Ocasio-Cortez, die puerto-ricanischer Abstammung ist, und die afroamerikanische Ayanna Pressley - alle hatte Donald Trump einzeln beschimpft und diffamiert und ihnen per Twitter die Rückkehr in ihre Heimatländer nahegelegt. Alle sind wohlgemerkt Amerikanerinnen, bis auf Omar gebürtig.

Die demokratischen US-Kongressabgeordneten Rashida Tlaib, Ilhan Omar,  Alexandria Ocasio-Cortez und Ayanna Pressley (von links nach rechts) bei einer gemeinsamen Pressekonferenz zu Donald Trumps rassistischen Verbalattacken gegen sie.
© imago images / ZUMA Press
Rashida Tlaib, Ilhan Omar, Alexandria Ocasio-Cortez und Ayanna Pressley (von links nach rechts) bei einer gemeinsamen Pressekonferenz zu Trumps Attacken.

Dieser Fall ist nur einer der jüngsten in einer ganzen Reihe von Fällen, die wir schon seit Anbeginn des trumpschen Wahlkampfs beobachten können. Immer wieder gibt es zwar Kritik an seinen Verbalattacken und aufgeregte Debatten, immer wieder gelingt es Trump aber auch, mit diesen provokativen, mitunter ausfälligen und rassistischen Aussagen, großen Widerhall zu ernten.

"Wenn wir aus Europa in die USA schauen, dann verfehlen wir oftmals zu erkennen, dass Trump natürlich in ganz vieler Hinsicht hoch strategisch agiert als Kommunikator."
Elisabeth Wehling, Sprachwissenschaftlerin und Beraterin

Verbalattacken als Ablenkung

Die Sprachwissenschaftlerin Elisabeth Wehling meint, dass vor allem wir Europäer Donald Trump unterschätzen. Sie glaubt nicht, dass solche Äußerungen spontan sind oder Ausrutscher. Ihrer Beobachtung nach, so erklärt sie im Interview, lenkt der US-Präsident damit bewusst von Themen ab, die ihm politisch schaden könnten.

"Wann immer Trump weiß, 'Jetzt geht es mir politisch vielleicht ein bisschen an den Kragen', oder 'Ich bringe eine Reform durch, die vielleicht nicht besonders populär ist', dann manövriert er über Social Media den Diskurs in eine Ecke, die ablenkt."
Elisabeth Wehling, Sprachwissenschaftlerin und Beraterin

Als Beispiel nennt Elisabeth Wehling die unbequeme Steuerreform. Parallel habe Trump einen "Twitterkrieg" mit Meryl Streep und Robert De Niro angefangen. Und ähnlich sei es jetzt gerade: Diese Woche fand die Anhörung von Robert Mueller wegen des Vorwurfs der Justizbehinderung durch Donald Trump statt. Die hätte dem US-Präsidenten gefährlich werden können. Wehling glaubt nicht, dass es Zufall ist, dass er eine Woche vorher eine große Debatte auf Twitter startet und diese Frauen verbal ins Visier nimmt: "Das ist ein Ablenkungsmanöver. Und das ist nicht das erste Mal, dass wir das sehen bei Trump. Das ist Teil seiner Strategie."

Diffamierung von Konkurrenten als langfristige politische Strategie

Solche Angriffe sind aber nicht nur verbale Nebelkerzen, glaubt die Linguistin. Sie sieht in der Diffamierung einzelner politischer Gegner durch Donald Trump auch eine durchdachte langfristige Strategie. Im Wahlkampf 2016 habe man bereits beobachten können, wie Trump sich ganz systematisch von oben nach unten, also vom relevantesten bis hin zum unwichtigsten Gegner, jeden einzelnen vorgeknöpft hätte. Persönliche Angriffe seien dabei ein gern eingesetztes Mittel. Nicht nur Themen würden langfristig von Trump gesetzt, wie die Todesstrafe etwa, auch die Diskreditierung der Konkurrenz wird der Sprachwissenschaftlerin zufolge langfristig vorbereitet.

Aktuell passiere das wieder. Politiker und Politikerinnen, die ihm im kommenden Wahlkampf Konkurrenz machen könnten, heftet er jetzt schon ein negatives Etikett an, sagt sie. Den Demokraten Joe Biden, der 2020 als Präsidentschaftskandidat antreten will, nenne er zum Beispiel schon lange "Sleepy Joe", die Demokratin Elizabeth Warren, die eine scharfe Trump-Gegnerin ist und ebenfalls gegen ihn antreten will, tituliert er als "Pocahontas".

"Trump belegt – und er weiß, dass das funktioniert – potentielle politische Gegner im US-Präsidentschaftswahlkampf schon jetzt mit Ideen, mit Rufen, mit Slogans, die er dann nachher gut aufgreifen kann, eben weil sie schon längerfristig gesetzt waren."
Elisabeth Wehling, Sprachwissenschaftlerin und Beraterin

Und der Slogan "Send her back!", der sich derzeit auf Ilhan Omar bezieht, könnte laut Elisabeth Wehling ein potentieller Slogan für Kamala Harris sein. Die Demokratin, die sich in den Primaries der Demokraten gerade sehr hervortut, hat indisch-jamaikanischen Wurzeln, weshalb sich der Ruf einfach auf sie übertragen ließe.

Zudem knüpfen laut Elisabeth Wehling solche Slogans auch sprachlich aneinander an: "Send her back!" hat die gleiche grammatikalische Struktur wie das "Lock her up!" („Sperrt sie ein!“), das Trump-Anhänger in Sprechchören gegen Hillary Clinton wetterten. Das und die Tatsache, dass viele Trump-Wähler auch rassistisch eingestellt seien, machten den jüngsten Slogan so 'erfolgreich'.

Herausforderung für die Medien

Wie aber damit umgehen? Elisabeth Wehling glaubt nicht, dass wir Medien rassistische oder sexistische Äußerungen ignorieren können, weil sie eben Teil des politischen Diskurses sind. Das heiße: Zitieren und damit auseinandersetzen. Es müsse aber nicht heißen, ein solches Zitat zur eigenen Schlagzeile zu machen und zu stark darauf zu fokussieren. Wir sollten solche Aussagen analysieren und in Kontext stellen, empfiehlt sie. Das sei aber nicht immer leicht, gibt sie zu.

"Die große Herausforderung für alle Journalistinnen und Journalisten ist natürlich, dass wenn sie mit beispielsweise rassistischen oder sexistischen Äußerungen konfrontiert werden, sie zunächst einmal die Äußerungen als bestehender Teil des demokratischen Diskurses aufgreifen müssen."
Elisabeth Wehling, Sprachwissenschaftlerin und Beraterin