Vergewaltiger, Mörder, Serienmörder. Mit solchen Menschen arbeitet die Kriminalpsychologin Lydia Benecke. Ihr Spezialgebiet: Sadismus. Sie versucht, die Logik hinter der Tat zu erkennen. Und sie sagt: Es gibt hinter jedem Verbrechen eine Logik.

Eine Redaktionskonferenz mit Thilo Jahn.

Manche Straftäter erhalten die Diagnose: Es liegt eine so schwere psychische Störung vor, dass eine Heilung ausgeschlossen ist. Es bleibt dann nicht viel, als sie dauerhaft wegzuschließen. Bei anderen dagegen ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass sie nach dem Gefängnisaufenthalt ein Leben führen können, ohne erneut straffällig zu werden.

Hinter beiden Typen versucht die Kriminalpsychologin Lydia Benecke, eine Logik zu erkennen. Ihre These: Jede Straftat hat eine Logik, jede ist versteh- und erklärbar. "Das ist keine Entschuldigung", sagt Lydia. Jeder Mensch sei verantwortlich für seine Handlungen. Für seine Neigung aber eben nicht.

"Sadisten haben panische Angst vor echten Emotionen."
Lydia Benecke

Neigung, das ist etwas wie hetero- oder homosexuell sein, oder auch den Drang zur Pädophilie oder eben Sadismus. Und gerade der extreme Sadismus ist häufig Ursache für zum Beispiel das Morden. Kriminelle Sadisten hätten meist in der Kindheit schlimme Dinge erlebt, hätten nie gelernt, eine emotionale Bindung aufzubauen, erzählt Kriminalpsychologin Lydia Benecke - "Sadisten haben panische Angst vor echten Emotionen."

Das Buchcover von Lydia Beneckes Buch "Sadisten"
© Lydia Benecke / Lübbe
Lydia Beneckes Buch "Sadisten".

Manche Täter hätten das Bedürfnis, andere Menschen zu besitzen, hätten starke narzisstische Tendenzen, seien aber trotzdem chronisch unzufrieden mit sich. Sadisten würden Aggressionen gegen sich selbst und andere richten und sich nur durchs Quälen mächtig fühlen.

Sadismus unabhängig vom Kulturkreis

Schon als Jugendliche hat sich Lydia Benecke für Kriminalfälle interessiert. Und sie hat damals schon die Vermutung aufgestellt, dass es zwischen manchen Fällen einen Zusammenhang geben muss. Heute ist sie in ihrer Erkenntnis weiter und weiß: Die Zahl der Menschen, die sexuell sadistisch sind, ist in jedem Land gleich. Sexuelle Abweichungen scheinen überall gleich durchzukommen. Und: Die Ursachen für Sadismus, der zum Beispiel zum Mord führt, liegen in Umweltfaktoren (wie Familie), aber auch in den Genen. Und deshalb gilt bei manchen: einmal Sadist, immer Sadist. Da ist auch Lydia Benecke als Therapeutin machtlos.

Vor eine Therapie, die zwei Jahre und länger dauern kann, muss Lydia Zugang zu ihren Patienten finden. Am Anfang hätten sie Angst sich zu öffnen und Emotionen zuzulassen. Lydia versucht es manchmal mit einem Vergleich: Du hast dein Bein gebrochen. Du kannst nichts machen, dann heilt das Bein ein wenig, du kannst dich aber nie wieder richtig bewegen. Oder wir behandeln es, was erst mal schmerzhaft ist, danach kannst du aber wieder laufen. Manche entscheiden sich gegen die Therapie, andere machen mit, lügen aber meistens. Wieder andere machen mit und können danach auf freien Fuß.

Zur Person:

Während der Schulzeit hat Lydia Benecke (33) einen VHS-Kurs Psychologie besucht. Sie wollte schon damals mehr wissen über die Logik hinter Verbrechen. Mit zwölf Jahren hat sie sich Artikel über Kriminalfälle aus der Zeitung ausgeschnitten und TV-Berichte mit dem Videorekorder aufgezeichnet. Sie hat sich in der Bücherei amerikanische Bücher von Profilern ausgeliehen, Horrorfilme geguckt, sich aber mehr für die non-fiktive Fälle interessiert.

Lydia hat an der Ruhr-Universität Bochum Psychologie, Psychopathologie und Forensik studiert. Heute ist sie selbstständige Kriminalpsychologin, Wissenschaftlerin und Buchautorin. Seit 2008 arbeitet sie therapeutisch mit Sexual- und Gewaltstraftätern.