Noch immer warten etliche Länder – besonders ärmere – auf ausreichend Covid-19-Impfstoff. Südafrika und Indien haben schon vor einem Jahr vorgeschlagen, die Patente für die Impfstoff-Produktion freizugeben zum schnellstmöglichen Schutz aller Menschen. Doch es passiert wenig.

Während wir in Deutschland über eine Auffrischimpfung für vollständig Geimpfte sprechen, warten etliche Menschen in anderen Teilen der Welt vergeblich auf ihre erste Covid-19-Impfung.

In vielen Ländern in Afrika zum Beispiel befindet sich die Impfquote im einstelligen Prozentbereich. Auch wenn die Menschen sich impfen lassen möchten, können sie es nicht, weil der Impfstoff fehlt. Wozu die ungerechte Impfstoffverteilung führen kann, zeigt die aktuelle Ausbreitung der Omikron-Mutante.

Patente freigeben für Impfgerechtigkeit

Um die Coronavirus-Pandemie weltweit mithilfe der Impfung einzudämmen, haben Südafrika und Indien schon vor über einem Jahr gemeinsam vorgeschlagen, die Patente für die Coronavirus-Vakzine auszusetzen, damit die Impfstoffe überall auf der Welt produziert werden und so alle Menschen möglichst schnell eine Impfung bekommen können.

Wäre zum Beispiel mehr Impfstoff auf dem afrikanischen Kontinent produziert worden, hätte damit auch verhindert werden können, dass die reichen Industrieländer die Impfstoff-Vorräte aufkaufen, erklärt Wissenschaftsjournalist Volkart Wildermuth.

Auch ein Exportstopp wie der, den Indien im Frühjahr 2021 verhängt hat, würde die weltweite Impfkampagne weniger stark betreffen. Weil Indien damals selbst mit einer schweren Corona-Welle zu kämpfen hatte, durfte der weltweit größte Impfstoffhersteller Serum Institute of India seine Impfdosen nicht mehr an andere Länder ausliefern. Dadurch ist wiederum die internationale Covax-Initiative, die den Coronavirus-Impfstoff gerecht verteilen soll, ins Stocken geraten. Solche Situationen könnten laut der Befürworter*innen der Patentfreigaben verhindert werden.

"Indien und Südafrika aber auch Oxfam oder Ärzte ohne Grenzen plädieren schon lange für eine Freigabe von Gesundheitspatenten und die Corona-Pandemie bot die Chance, das Thema auf die Tagesordnung zu setzten."
Volkart Wildermuth, Wissenschaftsjournalist

Dem Vorstoß von Südafrika und Indien haben sich mittlerweile auch mehr als hundert Länder angeschlossen. Die Verhandlungen, die dazu bei der Welthandelsorganisation (WTO) laufen, drehen sich aber trotzdem im Kreis. Im Streit um die Freigabe der Patente fehlt die Einstimmigkeit innerhalb der Staatengemeinschaft – auf die kommt es an.

Das Nein der Mehrheit blockiert

Unter den EU-Staaten hat sich Frankreich offen für eine Freigabe der Patente gezeigt. Damit steht das Land innerhalb der Europäischen Union bisher aber so gut wie alleine. Deutschland und die anderen EU-Staaten sind weiterhin gegen eine Freigabe wie auch Großbritannien und die Schweiz.

In die Position der USA kommt seit der Amtszeit von US-Präsident Joe Biden wieder Bewegung rein, wobei hier noch unklar ist, wie die Details einer Öffnung hin zu einer Freigabe aussehen. Mit der neuen Bundesregierung steigt die Hoffnung für einen möglichen Kurswechsel Deutschlands.

Die alte Bundesregierung hatte in dem Streit um die Freigabe der Patente vor allem auf Kooperation gesetzt. Die Kritiker*innen sehen die Patente nämlich als entscheidend für Innovationen in der Pharmaindustrie an. Können Unternehmen keine Gewinne machen, würden sie auch weniger forschen, so heißt es. Hinzu komme, dass eine Freigabe der Patente alleine ohne das Wissen und die Erfahrung der Hersteller der Impfstoff-Produktion wenig nützen würde.

Afrikanische Union: eigene Impfstoffproduktion

In diesem Konflikt hat die Afrikanische Union beschlossen, eine eigene Impfstoffproduktion in den großen Regionen des Kontinents aufzubauen. Impfstoffe sollen so grundsätzlich dort hergestellt werden können. Bisher importieren die afrikanischen Länder etwa 99 Prozent der Impfstoffe, sagt Volkart Wildermuth. Bis 2040 soll die Hälfte der Impfstoffe in Afrika hergestellt werden.

Deutschland unterstützt diesen Plan. Für den Aufbau einer Fabrik im Senegal gibt es zum Beispiel schon Verträge. Und auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) plant in Südafrika einen Impfstoff-Technologie-Transfer-Knotenpunkt. Der soll wie eine Art Modellfabrik für mRNA-Impfstoffe funktionieren, an dem das entsprechende Know-how vermittelt wird.

Die ersten Impfdosen sollen dort im September 2022 produziert werden. Was Volkart Wildermuth als sehr ehrgeizig einschätzt, weil weder Moderna noch Biontech und Pfizer zugesagt haben, ihr Wissen über die Impfstoff-Produktion auch zu teilen. Die WHO sei mit den entsprechenden Impfstoff-Herstellern aber im Gespräch, sagt er.