Deutschlandfähnchen schwenken, ein positives Nationalgefühl entwickeln und gleichzeitig Erinnerungsweltmeister sein – für Publizist Max Czollek funktioniert das nicht nur nicht, es ist seiner Meinung nach "Versöhnungstheater".

Wenn die Nachfahren nationalsozialistischer Täter Erinnerung sagen, meinen sie Versöhnung. So die These des Publizisten Max Czollek. Die Jüdinnen und Juden, deren Verwandte und Vorfahren entrechtet und ermordet wurden, sollen in dieser Logik zur Wiedergutwerdung Deutschlands beitragen. In einem Vortrag erklärt er diese Denkfigur, die er Versöhnungstheater nennt.

Erwartungsanspruch gegenüber jüdischen Menschen

Max Czollek bezieht sich in seiner Analyse auf den Soziologen Michal Bodemann und dessen Konzept von einem 'Gedächtnistheater'. Dieses Theater verfolge, sagt Max Czollek, eine bestimmte Erzählung und Dramaturgie, es gebe Hauptrollen, Rollen für Statisten und natürlich auch ein Publikum.

Aufgeführt werde die Geschichte von der Läuterung und Wiedergutwerdung der Nachfahren der nationalsozialistischen Täter, von jüdischen Menschen werde dabei erwartet, zu dieser Geschichte beizutragen.

"Man spricht über Schuld, Verantwortung und all die Menschen, die unwiederbringlich verloren sind. Und dann kommt der deutsche Vertreter und sagt: 'Danke für diesen Geist der Versöhnung!'"
Max Czollek, Publizist

Max Czollek untersucht die berühmte Rede von Bundespräsident Richard von Weizsäcker aus dem Jahr 1985.

Erinnerung und Versöhnung werden gleichgesetzt

Und auch die Rede des amtierenden Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier 2020, gehalten anlässlich des 75. Jahrestages der Befreiung des Konzentrationslager Auschwitz in Yad Vashem. Beiden Sprechern attestiert er einen Fehlschluss: Sie setzten Erinnerung mit Versöhnung gleich.

"Dieses hätte nicht geschehen dürfen. Da ist irgendetwas passiert, womit wir alle nicht fertig werden."
Max Czollek zitiert Hannah Arendt im Interview mit Günther Gaus in "Zur Person", 1964

Die Beschäftigung mit der eigenen Gewaltgeschichte münde in die Forderung an jüdische Menschen, jetzt aber doch bitte versöhnlich zu sein und das Bemühen um Erinnerung zu honorieren. Er setzt diesem Anspruchsdenken eine andere Forderung entgegen: Erinnerung an die Shoah müsse Beunruhigung bedeuten.

"Warum eigentlich wünscht sich ein Teil dieser Gesellschaft ein unverkrampftes Verhältnis zur deutschen Nation?"
Max Czollek, Publizist

Den Wunsch nach Normalisierung und einem durch nichts getrübten deutschen Nationalbewusstsein sieht er auch bei der Erinnerungsforscherin Aleida Assmann. Diesem Wunsch erteilt er eine Absage - Normalität sei in einer postnationalsozialistischen Gesellschaft nicht verfügbar. Im Hörsaal findet Ihr auch einen Vortrag Assmanns, genau zu diesem Thema.

Der Vortragende:
Max Czollek hat an der Freien Universität Berlin Politikwissenschaft studiert und wurde im Fachbereich Antisemitismusforschung an der Technische Universität Berlin promoviert. Er arbeitet als Publizist, 2018 erschien sein Band "Desintegriert Euch!". Er arbeitet als Lyriker und Dramatiker und ist Kurator der Coalition for Pluralistic Public Discourse (CPPD), eines Projekts der Leo Baeck Foundation zu pluralistischen Erinnerungskulturen.


Der Vortrag:

Seinen Vortrag mit dem Titel "Versöhnungstheater. Anmerkungen zur deutschen Erinnerungskultur" hat er zuerst für die Bundeszentrale für politische Bildung verfasst und für den Hörsaal überarbeitet und am 03.01.2022 in Berlin eingesprochen.

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