Sie haben eigene Sportvereine, sie trauen Russia Today mehr als ARD und ZDF. Und sie wählen die AfD. Wie viel stimmt von den Klischees? In Russland waren sie die ungeliebten Deutschen, in Deutschland nennen sie sich manchmal selbst die Russen. In dieser Einhundert: Vier Geschichten über Russlanddeutsche und ihre schwierige Suche nach ihrer Identität zwischen Ost und West.

Eine Collage aus einem alten Foto der Spice Girls und einem Kinderfoto von Wlada Kolosowa
© imago | United Archives | Wlada Kolosowa | bearbeitet von DRadio Wissen
Wlada Kolosowa

Das sechste Spice Girl

Mit zwölf Jahren hat Wlada Kolosowa ein Ziel: Sie will ein Spicegirl werden. Ihre Familie ist gerade von Russland nach Cottbus übergesiedelt. Mit vier Koffern und einem begrenzten Wortschatz. Aber die Spicegirls ignorieren Wladas Existenz. Es sind nicht einmal die echten Spicegirls, zu denen sie gehören möchte, sondern es sind vier Klassenkameradinnen – jede von ihnen hat eine Spicegirl-Identität übernommen – nur für die Rolle der dunkelhäutigen Mel B. hat sich bisher noch niemand gefunden. Das Problem besteht nicht allein darin, dass die Spicegirl-Kameradinnen ihre Pausenbrote in ordentlichen Tupperdosen mitbringen und Wlada von ihrer Mutter Kohlrouladen in alten Eisboxen eingepackt bekommt.

Wlada Kolosowa hat als Kind viele Listen angefertigt. To-do-Listen, auf denen sie sich notiert hat, was sie noch alles machen muss, um eine bessere Deusche zu werden. Wetten, dass...?-Gucken stand da zum Beispiel drauf. Als sie die Listen jetzt noch einmal angeschaut hat, fühlte sie sich in die Vergangenheit zurück gebeamt. Aber auch heute kann sie immer noch nachvollziehen, warum sie das alles aufgeschrieben hat.