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Lungenexperten

Stickoxide: Streit um die Grenzwerte

Lungenärzte sind uneins über die Gesundheitsgefahren durch Feinstaub und Stickstoffdioxid: Eine kleine Gruppe an Medizinern äußert Zweifel an der wissenschaftlichen Methodik bei der Festlegung der Grenzwerte. Sie fordern nun eine Neubewertung der Fachstudien. Umweltredakteur Werner Eckert ordnet die Position für uns ein. 

Viele Studien, die sich mit den Gefahren durch Luftverschmutzung beschäftigen, hätten große Schwächen, so ein Argument der Kritiker. Außerdem seien Daten in der Vergangenheit einseitig kritisiert worden. Die Gruppe der Kritiker fordert jetzt, die relevanten Untersuchungen neu auszuwerten, da es derzeit keine wissenschaftliche Begründung für die aktuellen Grenzwerte bei Stickoxiden und Feinstaub gebe. Andere Faktoren, wie zum Beispiel Rauchen, Alkoholkonsum oder mangelnde Bewegung hätten viel stärkere Auswirkungen auf Gesundheit und Lebenserwartung. Werner Eckert, Umweltredakteur beim SWR, findet diese Argumentation nicht überzeugend, bestätigt aber dennoch, dass es in der Tat schwierig sei, die Ergebnisse bisheriger Studien ganz klar in Ursache und Wirkung aufzuteilen.

"Wenn man den Maßstab anwendete, dann dürfte man nichts mehr verbieten, was uns langsam umbringt."
Werner Eckert, Umweltredakteur beim SWR

Die Lungenexperten, die die aktuellen Grenzwerte kritisieren, wenden sich gegen ein Positionspapier der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP). Die Gesellschaft hatte Ende 2018 ein Papierveröffentlicht, in dem es heißt: Studien zeigen, dass die Feinstaubbelastung durch Landwirtschaft, Industrie und Verkehr gesundheitsschädlich ist." Die DGP forderte in dem Zusammenhang Regeln und Anreize, um Schadstoffe zu vermeiden. Werner Eckert sagt: "Da muss man zugeben, dass das oft nicht trennscharf ist, welche Art von Abgas konkret eine Gesundheitsgefahr ausmacht." Insgesamt haben wissenschaftliche Studien aber doch belegt, dass Menschen, die in abgasbelasteten Situationen leben, weniger lang leben als solche, die saubere Luft atmen.

Vorbeugender Verbraucherschutz heißt: Im Zweifel für den Geschädigten

Bei Schadstoffen und Luftqualität handelt es sich um so große, schwer abgrenzbare Phänomene, dass es nie möglich sei, die konkrete Wirkung eines einzelnen Stoffes herauszufiltern und gesondert zu untersuchen. Wenn wir diese Maßstäbe anlegen wollten, müssten wir auch andere Grenzwerte im Bereich des Verbraucherschutzes hinterfragen, so Eckert.

Die Gruppe der Kritiker ist klein

Werner Eckert weist aber auch darauf hin, dass die Gruppe der Kritiker relativ klein ist. Etwas mehr als hundert stünden hier einigen tausend Lungenexperten in Deutschland gegenüber. Über die Grenzwerte werde auch schon länger gestritten, allerdings findet Eckert es problematisch, wie die Kritiker ihre Position formulieren: "Wer andere Meinungen hat, der muss sie wissenschaftlich fundieren und in den wissenschaftlichen Prozess einspeisen." Das sei bisher nicht geschehen.

Der Umweltredakteur geht auch nicht davon aus, dass die Grenzwerte durch die Kritik nun geändert werden. "Grenzwerte entstehen durch eine politische Umsetzung von wissenschaftlichen Empfehlungen", so Eckert. Die Politik könnte jetzt sagen, sie setzt die Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation nicht um, sondern handhabt die Grenzwerte etwas lascher. Wahrscheinlich sei das nicht.

"Wenn jemand den Grenzwert kritisiert, dann muss er auch Studien vorlegen. Und dann gibt es eine Überprüfung, da bin ich ziemlich zuversichtlich."
Werner Eckert, Umweltredakteur beim SWR

In Gerichtsverfahren hingegen könnten die Argumente der Kritiker aber eine Rolle spielen, nämlich wenn es um Fahrverbote geht. Für einen Richter sind die Feinheiten extrem wichtig, ob es einen Schaden für Menschen gibt, die einer bestimmten Stickoxidkonzentration ausgesetzt sind. "Da mag es eine Rolle spielen, ob ein wissenschaftlicher Grenzwert sehr hart ist, ob er auf den Punkt genau beschreibt, wo eine Gefahr ist oder ob er eben eine vorbeugende, vorsorgende Grenzwertfestlegung ist."

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