Flüchtlinge in Deutschland gab es schon immer. Marcel ist vor dem Krieg aus Bosnien geflohen, Inga kam als Au-Pair-Mädchen aus Litauen - und blieb. Dorothea musste kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs ihre Heimat in Schlesien verlassen, Tijani kam in den 70er Jahren zum Studium aus Ghana und Keywan ist aus dem Iran gekommen. Das sind nur ein paar Beispiele für die Geschichten vom Ankommen in Deutschland, die ihr uns erzählt habt. DRadio-Wissen-Reporterin Kathrin Sielker hat sie gesammelt.

1. Erinnerungen an den ersten Tag in Deutschland

Jürgen Zöllner, politischer Gefangener in der DDR kam 1979 nach Westdeutschland
"Mein erster Eindruck war ein Bus aus dem Westen. Die Stasi stieg dann aus an der Grenze und wir fuhren rüber. Erst war so bedrückende Stille und als wir dann über diese Linie fuhren, Jubel wie im Fußballstadion."

Den ersten Tag in einer völlig neuen Umgebung, den vergessen wir nicht. Wir kennen das vielleicht von Reisen. Erst recht prägt es sich natürlich ein, wenn Menschen nach einer Flucht, nach einer langen Odyssee durch ganz Europa oder nach politischer Verfolgung das Land erreichen, das ihnen Sicherheit und einen neuen Hoffnungsschimmer auf eine Zukunft verspricht. Keywan erinnert sich an das kleine Fahrrad, das er kurz nach seiner Ankunft zum Geburtstag geschenkt bekommen hat. Er ist im Iran geboren. Helga ist als Ostvertriebene nach Bayern gekommen und hat dort zum ersten Mal einen Berg gesehen. Und klar, dass sich ein politischer Gefangener in der DDR haargenau an den Moment erinnert, in dem er die Linie überquert hat, die damals die deutsch-deutsche Grenze war.

2. Rückblick

Christa kam Anfang der 1970er aus Chile nach Gelsenkirchen, wegen der Arbeit ihres Mannes
"Ich wollte meine Familie, meine Eltern, meine Freunde und außerdem mein Land nicht verlassen. Ich bin dort geboren, aufgewachsen. Für mich ist mein Land das Wichtigste gewesen und was sollte ich also in Deutschland?"

Es ist nie einfach, die Heimat oder einen vertrauten Ort zu verlassen. Selbst dann nicht, wenn Menschen sich freiwillig dafür entscheiden, ein neues Leben an einem anderen Ort zu beginnen. Inga hat sich als Au-Pair-Mädchen an Deutschland herangetastet. Dann kam sie wieder und wieder. Und schließlich hat sie hier ihren Mann kennengelernt. Für andere fiel die Entscheidung aus weniger romantischen Gründen. Mechthilds Mutter hatte die richtige Vorahnung, als sie vor einem Bombenangriff auf Hamburg ihre Tochter und einen Kinderkarren schnappte, um aufs Land zu fliehen. In Christas Fall war es der politische Umschwung in Chile Anfang der 1970er Jahre, der die Auswanderung nach Deutschland beeinflusste.

3. Einrichten

So unterschiedlich die Gründe für eine Flucht, das Auswandern oder einen Neustart sind - die anfänglichen Schwierigkeiten sind doch irgendwie für alle ein bisschen ähnlich. Alle müssen sich an den neuen Ort und fremde Menschen gewöhnen. Eventuell sogar eine neue Sprache lernen und manchmal gibt es Probleme mit den Behörden.

Mechthild, Jahrgang 1941, ist vor den Bomben in Hamburg aufs platte, norddeutsche Land geflohen
"Mein Vater war froh, dass wir untergekommen waren. Aber für meine Mutter war es ein Schock: Die war in Hamburg OP-Schwester, hatte den ganzen Tag Fliesen abgewaschen und alles steril gehalten. Und dann kamen die auf den Bauernhof."

Für den Iraner Mehdi Ghorbani ist alles fremd. Die Sprache, die Menschen, das Wetter - und es ist klar, dass er nicht wieder zurück kann, weil seine Eltern im Iran politisch verfolgt werden. Dieses Gefühl von Fremdheit kennen auch diejenigen, die Flüchtlinge bei sich im Dorf aufnehmen. Anni sagt: "Die haben sich alle zusammen fremd gefühlt. Die, die kamen und die die schon hier waren."

4. Endlich angekommen

Heinrich hat in der norddeutschen Provinz viele Ostvertriebene kennengelernt
"Und man muss ja auch sagen, neue Leute, neue Ideen. Die Siedler waren aus landwirtschaftlicher Sicht sehr fleißig und ziemlich erfolgreich."

Rückblickend haben sich wenige Flüchtlinge schon am ersten Tag zuhause gefühlt - abgesehen vielleicht von Jürgen, der aus der DDR nach Westdeutschland kam und der ab da ein selbstbestimmtes Leben führen konnte. Irgendwann spürten auch diejenigen, die Probleme bei der Eingewöhnung hatten: Jetzt ist hier meine Heimat. Für Tijani hängt das damit zusammen, dass er inzwischen länger in Deutschland ist als in seinem Herkunftsland - und auch dass er seine Frau hier getroffen hat. Heinrich betrachtet die Flüchtlinge aus der Perspektive eines Einheimischen. Er glaubt nicht, dass sich das Emsland ohne die Flüchtlinge so gut entwickelt hätte.

Kinder von Flüchtlingen und Einheimischen spielen zusammen am Fluss.
© Kathrin Sielker | DRadio Wissen
Kinder von Flüchtlingen und Einheimischen spielen zusammen am Fluss.

Das Projekt

Wir haben euch gebeten uns, eure Geschichten vom Ankommen in Deutschland zu erzählen – egal, ob ihr selbst Migrant oder Migrantin seid oder auf eine andere Weise Einwanderung miterlebt habt, egal zu welcher Zeit und aus welchem Grund. Diese Einreise-Interviews hat DRadio-Wissen-Reporterin Kathrin Sielker für die Einhundert arrangiert. Eure Migrations-Geschichten aus den vergangenen 70 Jahren hört ihr hier als Collage in vier Teilen - mit verblüffenden Parallelen und Kontrasten. Kathrin hat unter anderem ihre Oma Anni für das Projekt interviewt. Die hat in einem kleinen Dorf im Emsland nach dem Zweiten Weltkrieg erlebt, wie die Einwohner dort mit Ostvertriebenen, Ausgebombten aus der Großstadt oder desertierten Soldaten zusammengelebt haben.

"Dat war hier überall - wo ein bisschen Platz war, da kamen welche hin. Das gab's gar nicht: 'Wir nehmen keine!' - dann mussten die wirklich keinen Platz gehabt haben. Nee, da wurde gar nicht nachgefragt."
Anni, 84 Jahre, hat auf dem Dorf erlebt, wie Ausgebombte aus der Großstadt und Ostvertriebe kamen
  • Autorin | Kathrin Sielker
  • Moderation | Paulus Müller
  • Redaktion | Wolfgang Schiller
  • Illustrationen | Chrissie Salz
  • Mit Interviews von: Amina Lawal, Bruno Zöllner, Francisca Zecher, Friederike Hoffmann, Kathrin Sielker, Kristina Kiauka, Linda Thomßen, Wolfgang Schiller
Frau interviewt Kind
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