AidsWarum der Kampf gegen HIV wieder schwieriger wird
Lukas war als Arzt in Subsahara-Afrika. Er weiß, was passiert, wenn Menschen keinen Zugang zu HIV-Medikamenten haben. Doch bei der Welt-Aids-Konferenz ging es weniger um Medikamente als um Geld. Was bedeutet das für Millionen Menschen?
Am Freitag (31.07.2026) ist die Welt-Aids-Konferenz in Rio de Janeiro zu Ende gegangen. Eigentlich müsste dort über neue Medikamente und medizinische Durchbrüche gesprochen werden. Denn HIV ist mittlerweile sehr gut behandelbar. Neue HIV-Medikamente machen Hoffnung.
"Man kann ein ganz normales Leben führen, wenn man regelmäßig die Medikamente einnimmt."
Trotzdem warnen Fachleute vor einem Rückschritt im Kampf gegen HIV. Denn weltweit werden Hilfsprogramme gekürzt. In Rio ging es vor allem um eines – um fehlendes Geld. Das Ziel, Aids bis 2030 zu beenden, rückt damit in weite Ferne.
Wie passt das zusammen?
Arzt Lukas Helbig von Ärzte ohne Grenzen hat in Krankenhäusern in der Zentralafrikanischen Republik und im Südsudan gearbeitet. Lukas hat jeden Tag erlebt, was passiert, wenn Menschen keinen oder zu späten Zugang zu Medikamenten haben – in einer Region, in der es besonders schwerwiegend ist, wenn man an Aids erkrankt.
Codewort P24
Mit HIV infiziert zu sein, bedeutet oft immer noch ein riesen Stigma. Um Infizierte zu schützen, benutzen die Mitarbeitenden von Ärzte ohne Grenzen deshalb Codewörter.
"Wir haben vor dem Patienten nie das Wort HIV benutzt, wenn andere Patienten auch im Raum waren. Im Südsudan war unser Code-Word zum Beispiel P24."
P24 ist ein Antigen, was man im HIV-Test verwendet. Das medizinische Personal wusste, was das Passwort bedeutet, die Patientinnen und Patienten wussten es aber nicht.
Am Anfang bemerkt man eine Infektion mit dem HI-Virus noch nicht, erklärt Lukas. Man hat noch keine wirklichen Symptome. Aber wenn die Krankheit dann fortschreitet, wird das Immunsystem immer schwächer und die Betroffenen bemerken die Symptome. Sie infizieren sich mit viralen oder auch Pilzinfektionen, die sie sonst nie bekommen hätten.
"Ich hatte Patienten, die haben bei 1,80 m Körpergröße noch 32 kg gewogen – die haben einfach gar keine Reserven mehr gehabt."
Einer der Gründe, warum die Ärzte Menschen in so einem späten Stadium der Krankheit sehen, sei, dass es "keine große Awareness" für Aids gebe, sagt Lukas. Vor allem aber seien die Hürden, die medizinische Versorgung in Angriff zu nehmen, "sehr, sehr hoch".
Hauptproblem: die Entfernung zur nächsten Klinik
Dabei seien die Leistungen eigentlich komplett kostenlos für die Menschen – das Hauptproblem sei die Distanz zur nächsten Klinik: In einem Einzugsgebiet von über 100.000 Menschen gibt es oft nur ein einziges Krankenhaus. „Viele unserer Patientinnen und Patienten haben – allein schon, weil sie zu weit weg leben vom Krankenhaus – große Probleme, regelmäßig an ihre Medikamente zu kommen“, sagt er.
Teilweise sind die Menschen dafür mehrere Tage zu Fuß unterwegs. "Und das sind dann auch Tage, an denen sie nicht die Aufgaben übernehmen können, die sie sonst in der Familie haben", erklärt Lukas.
Mit Medikamenten: Normale Lebenserwartung trotz HIV
Wenn die Infizierten es zu einer Ärztin oder einem Arzt schaffen, steigt ihre Lebenserwartung in der Regel drastisch: "Wenn man die Medikamente nimmt, hat man mit HIV eine ganz normale Lebenserwartung", so der Arzt.
"Eine Pille am Tag reicht aus, um das Virus zu unterdrücken. Und auch, dass man nicht mehr ansteckend ist für andere."
Die weltweiten Infektionszahlen mit dem HI-Virus haben sich in den letzten Jahren eigentlich positiv entwickelt, sagt Wissenschaftsjournalist Christopher Weingart.
- Im Jahr 2009 lebten 33 Millionen Menschen mit dem Virus. Etwa 2,5 Millionen Menschen haben sich neu infiziert. Und etwa 1,8 Millionen Menschen sind durch die Folgen von Aids gestorben.
- 2025 haben weltweit 41 Millionen Menschen mit dem Virus gelebt. Davon waren 1,2 Millionen Neuinfektionen. Knapp 600.000 Menschen sind durch die Folgen von Aids gestorben.
Heißt: Die Zahl der Menschen, die mit dem Virus leben, steigt. Die Zahl der Neuinfektionen und Todesfälle sinkt.
"Medizinisch hat man HIV im Grunde besiegt. Es gibt ganz viele unterschiedliche Medikamente. Die antiretrovirale Therapie."
"Die ersten richtig erfolgreichen Therapien gibt es seit 30 Jahren", sagt Christopher Weingart. Nur: "Es ist leider lange Zeit nicht so gut gelungen, diese Medikamente auch an die Leute zu kriegen."
Probleme vor allem in Ländern südlich der Sahara
Die Infektionszahlen mit dem HI-Virus steigen an vielen Orten, auch zum Beispiel in Deutschland, verdeutlicht Christopher Weingart. Der absolut überwiegende Teil der Infektionen und der Menschen, die mit dem Virus leben, liege aber in Ländern südlich der Sahara.
"In Ländern südlich der Sahara sind teilweise 20 Prozent der Bevölkerung und mehr von diesem Virus betroffen. Zum Beispiel in Südafrika oder Lesotho."
Viele dieser Länder hätten nicht die Mittel, um ihren eigenen Gesundheitshaushalt aufrechtzuerhalten, so der Wissenschaftsjournalist. Und das bedeute, "dass ein Großteil der Gelder, die für den Kampf gegen HIV und Aids genutzt wurden, aus dem Ausland kam und da ganz, ganz überwiegend aus den USA."
Internationale Hilfsgelder drastisch gekürzt
Die Trump-Administration hat dieses Geld massiv gekürzt. Und das bedeutet:
- Es gibt weniger gut ausgestattete Kliniken
- Es gibt viel weniger Krankenpfleger*innen und Menschen, die Aids-Tests durchführen
- Es gibt viel weniger Ärzt*innen, die die Medikamente verschreiben
Die direkten Folgen liegen auf der Hand, erklärt Christopher Weingart: "Wenn nicht mehr getestet wird, dann wissen die Leute nicht mehr, dass sie infiziert sind, dann können sie das Virus weitergeben und dann werden sie irgendwann ohne Medikamente daran versterben."
"2024 kamen vier von fünf Dollar aus der Auslandshilfe für HIV aus den USA. Also ein riesiges Missverhältnis. Und die Trump-Regierung hat das Geld im Prinzip komplett zusammengekürzt."
Das Motto der Welt-Aids-Konferenz lautete "Rethink, Rebuild, Rise". Gesundheitspolitik funktioniert nur global, sagt Christopher Weingart. Wenn man in afrikanischen Ländern die Mittel zusammenstreicht, komme das irgendwann auch bei uns an.
Das eine sei die Finanzierung der Hilfen für diese Länder – das andere die Kosten für die Aids-Medikamente an sich.
"Die Konzerne, die die Patente halten, die fordern viel zu viel Geld für die Medikamente."
Das relativ neue Medikament Lenacapavir zählt zu den wichtigsten Fortschritten in der HIV-Prävention seit Jahrzehnten. Es könnte den Kampf gegen HIV und Aids wirklich revolutionieren, sagt Christopher Weingart.
Lenacapavir: nur eine Spritze im halben Jahr
Der Grund: Anders als andere Medikamente, die als Tabletten täglich eingenommen werden müssen, reicht bei Lenacapavir eine Spritze im halben Jahr. Der Schutz vor einer HIV-Neuinfektion ist trotzdem extrem hoch, zeigen Studien.
In der Theorie könnte man es also schaffen, dass es irgendwann keine oder fast keine HIV-Neuinfektionen mehr gibt, so Christopher Weingart. In der Praxis scheitert das aber daran, dass der Wirkstoff viel zu teuer ist.
"Es gibt einen Pharmakologen aus Liverpool, der hat mal errechnet, dass man pro Jahr so 25 Dollar für die Herstellung von Lenacapavir für die Dosis für eine Person bräuchte", berichtet der Wissenschaftsjournalist. "Die genauen Zahlen sind immer ein bisschen schwankend. Aber der Konzern verlangt ungefähr 30.000 Dollar im Jahr – und das ist in vielen Ländern völlig unrealistisch."
"Es gab vor zwei Jahren, als Lenacapavir vorgestellt wurde, die Ansage, dass es für ärmere Länder die Möglichkeit geben soll, das günstiger zu erhalten. Da ist jetzt sehr, sehr wenig passiert bisher."
In Südafrika leben weltweit die meisten Menschen mit HIV – etwa acht Millionen Personen. Und im Juni 2026 hat die erste Person Lenacapavir bekommen. Davon, dass die Spritzen flächendeckend eingesetzt werden, sind wir noch weit entfernt. "Wie lang genau das dauert, ist unmöglich zu sagen", macht Christopher Weingart klar.