TeilhabeBibliotheken – besondere Orte für alle
Viele Bibliotheken haben ihr eingestaubtes Image abgelegt: Sie sind zu lebendigen Orten der Begegnung geworden. Sie bieten Workshops an, Räume zum Arbeiten und Kreativwerden und allerlei zum Ausleihen – vieles davon kostenlos.
In einem großen Raum sind Stifte, Malfarben, Papier und Stoffe verteilt. Ungefähr 20 Menschen sind im Pop-up-Bereich der Amerika-Gedenkbibliothek Berlin zusammengekommen, um hier ihr eigenes Notizbuch zu gestalten.
Multifunktional und sozial
"Hier sind Menschen, die schon künstlerisch tätig sind oder welche, die abschalten und mal was anderes machen wollen. Wir werden zu Leuten, die es schön finden, jede Woche zusammenzukommen und in dieser Gemeinschaft zu sein", sagt Marina. Sie leitet die Gruppe im internationalen Kreativatelier der Berliner Bibliothek.
"Egal, welche Nation, welches Sprachniveau, Aussehen oder welchen sozialen Status die Leute haben: Wir sitzen alle an einem Tisch, trinken Tee, essen Kekse und können miteinander sprechen."
Das Angebot ist besonders eins: niederschwellig. Alle sind herzlich willkommen, der Workshop ist kostenlos. Das internationale Kreativatelier ist nur ein Angebot von vielen des Verbundes der öffentlichen Bibliotheken Berlin. Mitten in der Großstadt soll hier ein Ort des Miteinanders und der Teilhabe geschaffen werden.
"Egal, welche Nation, welches Sprachniveau, Aussehen oder welchen sozialen Status die Leute haben, wir sitzen alle an einem Tisch, trinken Tee, essen Kekse und können miteinander sprechen. Ich finde, das ist das Großartigste, was in einer so riesigen Stadt wie Berlin passieren kann", findet Marina.
Zwischen Zuhause und Arbeitsplatz
Ähnlich wie in Berlin ist auch das Angebot von Bibliotheken in anderen Städten groß. Sie sind heute mehr als "nur" Orte zum Bücherausleihen.
- Sie bieten Meditationskurse an oder Rollenspiele wie Dungeons & Dragons.
- Alle, die möchten, können dort Programmieren lernen, Podcasts produzieren, sich beim Gärtnern ausprobieren oder Textilien gestalten.
- Es gibt 3D-Drucker, professionelles Equipment zum Filmen und Fotografieren, zum Roboterbauen und vieles mehr.
Jede*r kann hier kreativ werden, ohne dafür viel Geld ausgeben zu müssen. Die Geräte können entweder ausgeliehen oder vor Ort genutzt werden.
"Wir versuchen, nicht nur ein Ort zu sein für die Medienausleihe, sondern vor allen Dingen auch ein Begegnungsort und Treffpunkt."
Die Bibliothek wird so zu einem Ort, der zum Verweilen einlädt. In der Bibliotheken-Welt spricht man auch vom "dritten Ort", einem Raum zwischen Zuhause und Arbeitsplatz, der vor allem ein Treffpunkt ist und zum Austausch einlädt, sagt Danny Böckmann von der Stadtbibliothek Tempelhof-Schöneberg.
Solche Orte gibt es überall in Deutschland verteilt:
- In der Stadtbibliothek Stuttgart gibt es zum Beispiel im oberen Stock ein Café.
- In Düsseldorf wird eine kostenlose Saatgutbibliothek angeboten.
- Im thüringischen Nordhausen vernetzen sich Menschen im Sprachcafé und die Bibliothek organisiert Events, Ausstellungen und Projekte zur Förderung der Demokratie.
- Die Bibliothek Dresden bringt Menschen und Ehrenamtliche zusammen, die Bücher, Filme und Musik zu ihnen nach Hause bringen, wenn sie nicht selbst in die Bibliothek kommen könnnen.
Bibliotheken unter Druck
Der Deutscher Bibliotheksverband zeichnet jedes Jahr besondere Konzepte aus, um die Arbeit der Menschen in den Bibliotheken zu würdigen. Diese steht laut dem Verband nämlich unter Druck. Schon 2024 hat er vor finanziellen Kürzungen bei den öffentlichen Bibliotheken gewarnt. Hintergrund ist die Krise kommunaler Haushalte. Öffentliche Bibliotheken sind eine freiwillige Aufgabe der Kommunen. Die Gemeinden entscheiden selbst, ob und wie sie diese Angebote gestalten.
Teilhabe statt Konsum
Bibliotheken sind auch deshalb besondere Orte, weil sie keine kommerzielle Absicht haben. Hier muss nichts konsumiert werden. Manche der Angebote sind kostenlos. Für andere braucht es in der Regel nur einen Bibliotheksausweis. Die Kosten hierfür liegen zwischen 10 und 20 Euro pro Jahr. Für Azubis und Studierende gibt es häufig einen Rabatt.
Der Trend, Bibliotheken zu nicht-kommerziellen Orten des Austauschs und der Kreativität zu machen, kommt hauptsächlich aus den USA und Skandinavien. Besonders bekannt sind die Oodi-Zentralbibliothek in Helsinki und die Deichman-Bibliothek in Oslo. Bibliotheken im Ausland sind auch der Geheimtipp von Deutschlandfunk-Nova-Moderatorin Anke van de Weyer. Sie sind ein Ort der Ruhe und Entspannung während eines Städtetrips – kostenlose Toiletten inklusive.
Info: Unser Bild oben zeigt die Stadtbibliothek in Stuttgart.