Billionen EuroDie Wahrheit über Deutschlands Superreiche

Rund 5.000 Superreiche besitzen in Deutschland mehr als ein Viertel des Finanzvermögens. Andreas Bornefeld recherchiert ihre Namen. Er sagt: "Wer viel hat, kann breiter streuen und stärker profitieren." Warum wächst Vermögen so ungleich?

Laut einem Bericht der Unternehmensberatung Boston Consulting Group gab es 2025 in Deutschland rund 5000 Menschen mit einem Finanzvermögen von mehr als 100 Millionen US-Dollar. Umgerechnet sind das etwa 86 Millionen Euro. Und diese Superreichen werden immer mehr: Ihre Zahl ist im Vergleich zum Vorjahr um rund 1.100 Personen gestiegen.

Recherchieren im Superreichen-Milieu

Wer sind die Menschen mit so viel Vermögen? Andreas Bornefeld beschäftigt sich seit 30 Jahren mit dieser Frage. Auf über 8.000 Seiten hat er detailliert aufgeschlüsselt, wie viel die reichsten Deutschen wahrscheinlich besitzen. Seine Recherchen werden in Wirtschaftsmagazinen gedruckt. Über seine Arbeit spricht er aber nur selten.

"Ich war schon von klein auf immer jemand, der wissen wollte, was Sache ist."
Andreas Bornefeld, Politologe und Rechercheur

Angefangen mit der Recherche-Leidenschaft hat es bei Andreas mit Panini-Sammelalben zur WM. Er wollte wissen: Wer sind die Fußballstars? Und heute ist das Recherchieren über Superreiche weltweit und speziell in Deutschland sein Beruf.

"Ich habe quasi alle reichen Familien seit 200 Jahren, ausgehend von 1913 – da gab es eine Reichenliste mit 10.000 Namen – nachrecherchiert und habe alle neuen Reichen dazwischen recherchiert."
Andreas Bornefeld, Politologe und Rechercheur

Andreas hat die Familienstammbäume der reichsten deutschen Familien, er weiß, welche Firmen ihnen gehören, was sie kaufen oder verkaufen, weil diese Dinge im Handelsregister einsehbar sind. Über Kartellamtsberichte bekommt er weitere Informationen. "Und ich beobachte den ganzen Tag nur Nachrichten. Alles, was irgendwo einen Bezug hat, nehme ich auf." So findet er immer wieder neue Ansatzpunkte für seine Recherche.

Bisher unbekannte Namen finden

Auch auf neue Namen stößt er immer wieder, zum Beispiel, wenn er durch die reichsten Wohngegenden fährt. Fällt ihm dort ein Haus als besonders groß auf, schaut er, welcher Firma oder Privatperson es gehört. So findet er Personen, die bisher durchs Raster gefallen sind.

"Die Reichen findet man auch in den Vorständen von Museen, von Jachthäfen, von Sportvereinen. Da tummeln sich nämlich sehr viele Vermögende, auch als Sponsoren, als Förderer."
Andreas Bornefeld, Politologe und Rechercheur

In die Privatsphäre dieser superreichen Familien dringt Andreas aber nicht ein. Er sagt: "Ich sehe ja nur das, was irgendwo in einer Firma erfasst ist." Er kann also sehen, wenn sich eine Familie beispielsweise 200 Millionen Euro ausschüttet. Nicht aber, was dann mit dem Geld passiert. "Das heißt, wenn die in Aktien investieren, ist das nirgendwo erfasst."

Wie Superreiche zu ihrem Vermögen kommen

Auf insgesamt fast drei Billionen Euro summiert sich das Vermögen der Superreichen Deutschlands. Das ist über ein Viertel des gesamten Finanzvermögens im Land. "Damit wäre Deutschland locker schuldenfrei", sagt Wirtschaftsjournalist Nicolas Lieven. "Und du hättest auch noch Geld für Schulen, für Krankenhäuser und so weiter."

Millionen vermehren sich am Aktienmarkt

Das Vermögen der Multimillionäre steckt in Aktien oder Immobilien, in Kunst, Schmuck oder anderen Sachwerten. Und gerade über Aktien ließ sich zuletzt viel Geld machen, erklärt der Wirtschaftsjournalist: "Die DAX-Aktien oder die Aktien allgemein haben ausgesprochen gut performt in den vergangenen Jahren."

Beim DAX gab es ein Plus um die 20 Prozent. So werden dann aus 100 Millionen schnell 120 Millionen und nach Abzug der 25 Prozent Kapitalertragssteuer bleiben immer noch rund 15 Millionen Euro Gewinn.

"Die Mieten steigen deutlich. Davon profitieren aber, ehrlich gesagt, die Vermögenden – nämlich die, die Immobilien haben."
Nicolas Lieven, Wirtschaftsjournalist

Theoretisch kann natürlich jeder vom Aktienhandel profitieren. Praktisch ist es aber so, dass die meisten Menschen nicht so viel Geld übrig haben, um das anzulegen, sagt Nicolas Lieven. "Die brauchen ja Geld für Wohnungen, für Miete und Heizung, für laufende Kosten." Und gerade die Unter-35-Jährigen hätten im Schnitt nur ein Vermögen von etwa 17.000 Euro. "Aber da ist dann auch das gebrauchte Auto schon eingerechnet."

Trotz Krise immer reicher

Trotz oder vielleicht gar wegen der Krise wurden viele Reiche in den letzten Jahren noch reicher. Sie haben von steigenden Mieten, steigenden Öl- und Energiepreisen profitiert. Und selbst ein gutverdienender Arzt wird mit seinem Einkommen niemals auch nur annähernd an das Vermögen der sogenannten Superreichen herankommen.

"Ich habe in meinen 8000 reichsten Familien bestimmt 20 Prozent, die es wirklich selbst aufgebaut haben innerhalb von einer Generation."
Andreas Bornefeld, Politologe und Rechercheur

Es stellt sich also die Frage: Wie wird man eigentlich superreich? Zwei Wege führen dorthin. Man kann Reichtum erben. Oder man erschafft sich Reichtum selbst als Gründer und Unternehmer.

Wehklagen nicht angebracht

Rechercheur Andreas Bornefeld sagt, auch heute noch schaffen es einige, mit Neugründungen sehr erfolgreich und reich zu werden. Es gibt gute, innovative Unternehmen, die sich am Markt behaupten, meint er. Von daher versteht er eines nicht: das dauernde Wehklagen im Bereich der Wirtschaft. Die ganz großen Player am Markt hätten gute Jahre gehabt. Die kleineren Betriebe und den Mittelstand nimmt er da aus.

"Diese Wehklagen stehen völlig im Kontrast zu dem, wie die Lage wirklich ist. Das wundert mich."
Andreas Bornefeld, Politologe und Rechercheur

Das Thema Vermögenssteuer ist daher immer noch in der politischen Diskussion. Seit 1997 ist sie ausgesetzt. Aber unter anderem das Netzwerk Steuergerechtigkeit plädiert für eine Wiedereinführung. Ein Argument dagegen: Man könne die genauen Vermögenswerte gar nicht richtig bestimmen. Der Verwaltungsaufwand wäre viel zu hoch.

Ist eine Vermögenssteuer gerecht?

Auch Bundeskanzler Friedrich Merz will sie nicht wieder einführen. Aber obwohl die CDU offiziell gegen eine Reichensteuer ist, gibt es in der Partei immer wieder prominente Stimmen, die die Erbschafts- oder Vermögensteuer für mehr soziale Gerechtigkeit ins Spiel bringen.

"Es geht nicht um Neid. Es geht auch nicht um Umverteilung."
Andreas Bornefeld, Politologe und Rechercheur

Unumstritten ist: Dem Staat würde eine Vermögenssteuer viel bringen. Das hat zuletzt das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung ausgerechnet. Bis zu 150 Milliarden Euro wären drin. Und Länder wie Spanien, Norwegen oder die Schweiz zeigen, dass es geht.

Steuervorteile für Superreiche

Andreas Bornefeld ist der Meinung, dass man die das Vermögen betreffenden Daten mit heutigen Mitteln recht einfach zusammenführen könnte, wenn man wolle. Für ihn geht es bei dieser Frage aber nicht primär um die Umverteilung von Vermögen, sondern eher um eine Art Gerechtigkeit. Denn warum, so fragt er sich, werden Lohnarbeit und Kapitalerträge nicht gleich besteuert?

"Eigentlich will ich damit erreichen, dass auch gerade Hochvermögende ein bisschen mehr Verständnis haben für die nächste Generation."
Andreas Bornefeld, Politologe und Rechercheur

Mit seiner Arbeit will Andreas gerade auch die Hochvermögenden zum Nachdenken anregen, wie er sagt. Kriege, der Klimawandel oder auch das Thema Rente seien immense Aufgaben für die nächste Generation. "Wenn die keine Chance mehr haben aufzusteigen und auch der Mittelstand bröckelt, gibt es Gefahren für die Demokratie, das sieht man ja weltweit."

Weil Reichtum verpflichtet

Diese Verantwortung, die sehen auch viele Unternehmer, meint der Rechercheur. Nicht allen gehe es allein um Gewinnmaximierung. Sondern die Firma, quasi das Lebenswerk, stehe im Mittelpunkt ihrer Überlegungen. Sie verer2ben vielleicht Millionen aus dem Privatvermögen an ihre Nachkommen, wandeln das Unternehmen dann aber in eine Stiftung um, die sich selbst tragen soll, für die Mitarbeiter oder für die Region.

Tipp der Redaktion: Falls ihr jetzt denkt: Spannende Folge – aber ich weiß nicht mal, ob ich später Rente bekomme? Dann empfehlen wir den Podcast "What the Wirtschaft?!". Unser Team hat sich nämlich angeschaut, was die neuen Pläne der Bundesregierung zu diesem Thema taugen: "Rette sich, wer kann! Das neue Altersvorsorgedepot"