Bulgarien wähltWird Ex-Militär Radew neuer Ministerpräsident?

Das Parteienbündnis von Ex-Militär Radew könnte die Parlamentswahl am 19. April in Bulgarien gewinnen. Er gilt als russlandfreundlich und NATO-kritisch. Teile der Gen Z schauen skeptisch auf ihn und das Bündnis. Sie hatten für Neuwahlen demonstriert.

Rumen Radew, 62, führt ein Mitte-Links-Bündnis an, das aktuell bei Umfragen auf 30 Prozent Zustimmung kommt und damit die aussichtsreichste Position hat, die Parlamentswahl am 19. April zu gewinnen. Auf seinen Social-Media-Kanälen präsentiert sich Rumen Radew volksnah, geht durch die Städte und auf Bauernhöfe, schüttelt viele Hände, streichelt Kühe und macht Fotos.

Auf dem Tiktok-Account seines Bündnisses "Progressives Bulgarien" findet sich auch ein Video mit einer Studentin, die er auf Deutsch anspricht. Oder er spricht mit einer Verkäuferin in einem kleinen Laden. Dieses volksnahe Image hat er schon während seiner Amtszeit als bulgarischer Staatspräsident von 2017 bis zu seinem Rücktritt im Januar 2026 aufgebaut. Damals war er als unabhängiger Kandidat für die Bulgarische Sozialistische Partei angetreten.

"Wer sich seine Socials anguckt, der bekommt schnell den Eindruck, er will wirklich als Mann des Volkes gesehen werden."
Jan Dahlmann, Deutschlandfunk-Nova-Reporter

Rumen Radew machte an einem Gymnasium mit Mathe-Schwerpunkt Abitur und ging dann auf eine Militärhochschule der Luftstreitkräfte. Er machte dann Karriere beim Militär, flog als Pilot Kampfjets, studierte zwischenzeitlich bei der Air Force in den USA und machte später in Bulgarien seinen Doktor in Militärwissenschaften. 2014 wurde er zum Generalmajor Kommandeur der Luftwaffe ernannt.

Nach seiner Militärlaufbahn wechselte er dann in die Politik und machte den Antikorruptionskampf zu seinem Schwerpunktthema, womit er sich als Gegenpol zu dem regierenden konservativen, pro-europäischen Parteienbündnis "Bürger für eine europäische Entwicklung Bulgariens – Union demokratischer Kräfte" (GERB-SDS) positioniert hat.

Als Staatspräsident kämpfte Radew gegen Korruption

Nach den massiven Protesten in Bulgarien 2025 gab Rumen Radew am 19. Januar 2026 seinen Rücktritt als Staatspräsident bekannt. In seiner Rücktrittsrede bekräftigte er noch einmal seine Position gegen Korruption und für die Demokratie. Anfang März 2026 gründete sich das Parteienbündnis "Progressives Bulgarien", für das er als Kandidat antritt und das aus den drei Parteien "Sozialdemokratische Partei" (SDP), "Politische Bewegung Sozialdemokraten" (PDS) und "Bewegung unser Volk" (DNN) besteht.

Das Wahlkampfprogramm des Bündnisses legt die Schwerpunkte auf soziale Gerechtigkeit, Wohlstand und Wandel. Bulgarien ist das ärmste Land in der EU. Konkrete Maßnahmen lassen sich in dem Programm aber nicht erkennen. Rumen Radew ist gegenüber Sanktionen gegen Russland kritisch eingestellt, war auch gegen Waffenlieferungen an die Ukraine, trotzdem positioniert er sich pro-europäisch, für die EU und die NATO.

"Man merkt bei dem Wahlkampf, Rumen Radew versucht sich einfach möglichst viele Optionen offen zu halten, von möglichst vielen Menschen Stimmen zu bekommen und niemanden zu sehr auf den Schlips zu treten."
Jan Dahlmann, Deutschlandfunk-Nova-Reporter

Kann Rumen Radew so auch die Stimmen der jüngeren Generation gewinnen? Der Gen Z, die vor allem die Proteste im November und Dezember 2025 getragen hat? "Er versucht, die Energie der jüngsten Proteste im November und Dezember für sich zu nutzen, obwohl er nicht direkt daran beteiligt war", sagt Iwajlo Madzharow. Er ist Mitgründer von "Active Politics", der Plattform, über die die Kampagne "Operation Gen Z" in Bulgarien organisiert wurde.

Wem wird Gen Z ihre Stimme geben?

"Active Politics" hat politische Themen für junge Bulgar*innen verständlich auf- und vor allem über Instagram und Tiktok verbreitet. Ihre Kampagne "Operation Gen Z" mobilisierte Zehntausende und trug zur größten Demonstration am 10. Dezember 2025 bei. Sie fordern vor allem Transparenz, Reformen und ein Ende der Korruption. Zwar sei Rumen Radew bei den Älteren sehr beliebt, weil er im Land auch sehr bekannt ist, aber nicht bei den Jüngeren, sagt der Aktivist.

Der Protest der Gen Z hat maßgeblich dafür gesorgt, dass es jetzt zu den Neuwahlen kommt, sagt Korrespondent David Freches aus dem ARD-Studio Südosteuropa. Gen Z blickt eher skeptisch auf Rumen Radew und steht den liberalen Reformparteien wie "Wir setzen den Wandel fort – Demokratisches Bulgarien" (PP-DB) näher, die damals den Rücktritt der Regierung gefordert hat, erklärt er.

Insgesamt ist die Parteienlandschaft in Bulgarien eher schwer zu überblicken, das Parteiensystem ist sehr zersplittert. Unser Korrespondent orientiert sich deshalb eher an der Frage, welche Partei Veränderungen anstrebt und welche nicht.

"Dieses klassische Rechts-Links-Schema funktioniert in Bulgarien auf jeden Fall nicht."
David Freches, ARD-Korrespondent Südosteuropa

Diese Zersplitterung macht es auch schwierig, tragfähige Koalitionen zu bilden. Hinzu kommt die weitverbreitete Korruption, die Politik, Wirtschaft und Justiz durchdringt. In der Vergangenheit sind diese Regierungskoalitionen mehrfach auseinandergebrochen, sodass in Bulgarien innerhalb von fünf Jahren jetzt bereits zum achten Mal gewählt wird.

Der Haushaltsentwurf für 2026 hat dann Ende letztes Jahr für eine Riesenprotestwelle gesorgt. Sozialabgaben und Steuern sollten erhöht werden, während gleichzeitig mehr Geld in den Staatsapparat fließen sollte, berichtet unser Korrespondent. "Das war für viele Menschen der Inbegriff der Korruption", sagt David Freches.

Etablierter Korruptionssumpf

Treibende Korruptionskräfte sind der Oligarch Deljan Peewski und die konservative GERB-Partei, die eng miteinander verbunden sind, erklärt unser Korrespondent. Deljan Peewski, Mitte 40, ist ein ehemaliger Medienmogul, der in die Politik gewechselt ist. Er hat großen Einfluss auf die GERB und gilt als Strippenzieher in einem System, in dem Wirtschaft, Justiz und Politik miteinander eng verflochten sind. Außerdem steht er auf der Sanktionsliste der USA.

Die GERB-Partei war noch bis Januar Regierungspartei und musste dann wegen der Proteste zurücktreten. Bei den letzten Umfragen vor der Wahl landete die GERB auf Platz zwei mit rund 20 Prozent Zustimmung. "Sie ist die prägendste politische Kraft der vergangenen 20 Jahre in Bulgarien gewesen und war fünfmal an einer Regierung beteiligt", sagt David Freches.

Hoffen auf eine hohe Wahlbeteiligung

Die Wahlbeteiligung am 19. April wird ein entscheidender Faktor für einen Wandel sein. Bei der letzten Wahl haben lediglich 34 Prozent der Wähler ihre Stimme abgebeben. Beobachter und Politikwissenschaftler rechnen bei dieser Wahl aber mit einer deutlich höheren Beteiligung. Die Gen Z macht rund 15 Prozent der Wahlberechtigten aus. Lange galt sie als politisch desinteressiert, "aber das ist mittlerweile vorbei", stellt David Freches fest. Es gibt eine Art Kampagne, die zur Wahl aufruft, ergänzt er.

Sollten das Bündnis von Rumen Radew und die Reformparteien so viele Wählerstimmen auf sich vereinigen, dass sie eine Regierungskoalition bilden könnten, hätten sie zumindest das Thema Korruptionsbekämpfung gemeinsam. Aber bei der Ukraine-Unterstützung sind sie nicht auf einer Linie. Das würde die Koalitionsverhandlungen deutlich erschweren.

Mit der GERB will weder das Bündnis von Radew noch die Reformparteien koalieren, denn die GERB steht sinnbildlich für die Korruption im Land. Sollte sich gar keine Koalition für eine Regierung abzeichnen, stünde dann wohl die neunte Wahl innerhalb von fünf Jahren an.