DankbarkeitWie feiern wir die kleinen Dinge?
Sich Zeit nehmen und aufschreiben, wofür man dankbar ist – das macht Louis. Er führt ein Dankbarkeitstagebuch und schenkt damit auch den kleinen Dingen im Leben Aufmerksamkeit. Wie gut uns Dankbarkeit tut und was sie mit unseren Beziehungen macht.
Louis ist Mitte 20 und führt seit ein paar Jahren ein Dankbarkeitstagebuch. Jeden Abend schreibt er Dinge auf, für die er dankbar ist: besondere Momente, die ihm positiv aufgefallen sind, oder nette Menschen, die er getroffen hat und mit denen er vielleicht sogar ein schönes Gespräch geführt hat. Dinge, die er heute bewusster wahrnimmt als früher.
"Allein wenn man jemanden draußen anlächelt und zurück angelächelt wird – so etwas schreibe ich mir dann auf und bin sehr dankbar dafür."
Angefangen hat alles damit, dass Louis bewusster leben und seine Erfahrungen festhalten wollte. Mit 19 begann er deshalb, ein Dankbarkeitstagebuch zu führen. "Ich habe mit Kumpels darüber geredet: Was haben wir vor zwei Wochen gemacht? Und dann war es so: Irgendwie wissen wir gar nicht mehr, was wir vor zwei Wochen gemacht haben. Das kann doch gar nicht sein."
Vom Tagebucheintrag zur Reflexion
Zunächst begann Louis damit, aufzuschreiben, was er jeden Tag gemacht hat. Irgendwann ging das in eine Reflexion über – was lief gut und was nicht so gut. So kam er dazu, sich genauer zu überlegen, wie er seine Erfolge und sein Leben mehr schätzen kann. Und dann legte er den Fokus auf die Dankbarkeit, erzählt Louis. Auch wenn es ihm am Anfang schwerfiel, Dinge aufzuschreiben, für die er dankbar ist.
"Am Anfang konnte ich gefühlt nicht mal eine Sache aufschreiben, für die ich dankbar war. Ich musste mega nachdenken. Und jetzt kann ich etwa 20 bis 30 Sachen aufschreiben."
Die Sicht auf das Leben zu ändern, beschreibt Louis als einen Prozess, den man erst lernen muss. Was er sich außerdem vorgenommen hat: auch bei negativen Themen die positiven Seiten zu sehen. "Natürlich ist es kacke, dass 30 Prozent in Deutschland die AfD wählen. Aber 70 Prozent wählen nicht die AfD. Wir haben also noch eine Chance", nennt Louis als Beispiel.
So wirkt sich Dankbarkeit auf das Gehirn aus
Dankbar zu sein und die positiven Dinge im Leben bewusst wahrzunehmen, macht Louis glücklich. Und wenn wir Glück empfinden, dann passiert so einiges im Gehirn, sagt die Neurowissenschaftlerin Soyoung Park.
Aber es kommt auch ein bisschen darauf an, um welche Art von Glücksgefühl es sich handelt: "Ist es ein Glücksgefühl, wie wenn ich in der Lotterie gewonnen habe, oder ist es ein Glücksgefühl, das ich empfinde, wenn ich die schönen Blätter im Herbst sehe?"
Es gibt verschiedene Glücksgefühle
Wenn ich zum Beispiel etwas kaufe oder auf Social Media herumscrolle, sorgt dieses Glücksgefühl für ein kurzfristiges Hoch. Das macht uns aber nicht dauerhaft glücklich. Großzügigkeit hingegen beschert uns ein länger anhaltendes Glücksgefühl, so die Neurowissenschaftlerin – also jemandem anderen etwas Gutes tun und dabei selbst die Kosten dafür tragen.
Und wir können dieses Glücksgefühl im Gehirn sogar trainieren: Indem wir üben, auch bei kleineren Dingen Glück zu empfinden, erkennen wir irgendwann mehr von ihnen. Das hat Louis bereits verinnerlicht. Und trotzdem lässt er es auch zu, wenn er einmal nicht gut drauf ist.
"Man darf auch mal down sein. Wenn Mist passiert, kann man weinen und traurig sein. Die Frage ist nur: Wie lange?"
Louis sagt, dass er relativ schnell wieder ins positive Denken zurückfindet. Spätestens am Abend, wenn er alles aufgeschrieben hat, sieht er vor allem wieder die guten Dinge im Leben, für die er dankbar ist.
Definition von Dankbarkeit
Aber was genau bedeutet Dankbarkeit eigentlich? Der schottische Forscher Felix Woods hat sich damit näher beschäftigt. Seine Definition von Dankbarkeit lautet: das Gute im Leben wahrzunehmen und wertschätzen zu können.
Diese Definition gefällt auch dem Gesundheitspsychologen Dirk Lehr. Für ihn umfasst sie zwei wichtige Aspekte: "Ich muss mich dafür entscheiden, auf Dinge achten zu wollen. Wenn ich sie dann bemerkt und wahrgenommen habe, gilt es, sie auch wertzuschätzen. Aber wertschätzen kann eben auch bedeuten, dass ich es anderen mitteile, damit sie es wissen."
Dankbarkeit – gut für Beziehungen und mentale Gesundheit
Es kann viele Vorteile haben, wenn wir mehr Dankbarkeit in unser Leben integrieren – zum Beispiel für unsere Beziehungen. Die Psychologin Sara Algoe hat das in ihrer "Find-Remind-and-Bind"-Theorie zusammengefasst:
- Dankbarkeit ist das Gefühl, das mich auf wertvolle Beziehungen hinweist.
- Dankbarkeit ist das Gefühl, das mich an wertvolle Beziehungen und Erfahrungen in der Vergangenheit erinnert.
- Dankbarkeit ist das Gefühl, das mich motiviert und in Bewegung setzt, in Beziehungen zu investieren und Verantwortung für das Wohlergehen anderer zu übernehmen.
Auch die mentale Gesundheit profitiert von mehr Dankbarkeit im Leben, erklärt der Gesundheitspsychologe Dirk Lehr. So kommt es beispielsweise zu weniger depressiven Beschwerden.
"Wir sehen in vielen Befunden, dass mehr Dankbarkeit mit weniger depressiven Beschwerden einhergeht."
Wer dazu neigt, in negativen Gedankenspiralen festzuhängen, sollte es mal üben, mehr Dankbarkeit zuzulassen, rät Dirk Lehr, da besonders diese Menschen davon profitieren können.
Es sei für den Menschen aber durchaus normal, zunächst auf die negativen Dinge zu fokussieren. "Negative Gefühle haben einfach einen sehr breiten und bequemen Sessel im Wohnzimmer unseres Kopfes und fühlen sich dort auch ganz wohl", so der Gesundheitspsychologe. Das sei also keine Charakterschwäche oder persönliches Versagen.
Dankbarkeit in den Alltag integrieren
Warum das so ist? Die oberste Aufgabe unseres Gehirns ist es, unser Überleben zu sichern. "Es ist ganz nützlich, wenn unser Gehirn uns auf Gefahren hinweist. Aber auch positive Gedanken sollten sich dazu gesellen."
Allerdings passiert das nicht von selbst – wir müssen aktiv daran arbeiten, Dankbarkeit in den Alltag zu integrieren. Das kann ein Dankbarkeitstagebuch sein, in dem wir schöne Momente festhalten, ein besonderes Fotoalbum oder ein Treffen mit einer Person, mit der wir uns darüber austauschen, wofür wir dankbar sind.
Hinweis: Auf unserem Titelbild ist nicht Louis zu sehen, es handelt sich um ein Symbolbild.