DatingabsichtenWie real sind wir wirklich?

Nathalie hat ein Match, mit dem es perfekt läuft. Aber nur für eine Woche, dann ändert sich der Vibe. Wie gehen wir am besten damit um? Können wir im Vorhinein schon checken, ob unser Gegenüber nicht vielleicht doch eine Mogelpackung ist?

Im Frühling 2026 matcht Nathalie mit einem Typen: Die beiden schreiben sich, treffen sich zum Spazierengehen. "Und das war super schön, also wir haben uns richtig gut verstanden, hatten auch dieselben Vorstellungen und Werte von der Beziehung. Er hat mir dann danach auch direkt geschrieben, dass er es richtig, richtig toll fand", erzählt Nathalie.

"Ich hatte ein sehr gutes Gefühl."
Nathalie und ihr Match haben unterschiedliche Datingabsichten

Am nächsten Tag kommt er dann spontan zu ihrer WG-Party, übernachtet auch bei ihr. "Aber es war von vornherein klar, dass nichts passiert, weil er eine Five-Day-Rule hat. Und das hat er auch signalisiert, dass er das ernst meint", sagt sie.

Die beiden verbringen den ganzen nächsten Tag miteinander und verhalten sich fast so, als wären sie in einer Beziehung, sagt Nathalie, "oder als würden wir uns super lang kennen. Und das war immer noch richtig schön."

Der Vibe ändert sich

Er ist super aufmerksam, höflich und sie haben tiefgehende Gespräche. "Ich habe mich richtig wohl bei ihm gefühlt und hatte auch das erste Mal seit langem wieder das Gefühl, das kann richtig gut laufen, unkompliziert laufen", erinnert sich Nathalie.

Aber dann ändert sich dieser Vibe. In den zwei Wochen, in denen sie sich kennenlernen, hat er Urlaub. Und als er wieder anfängt zu arbeiten, meldet er sich weniger, ist viel distanzierter und es kommen auch oft keine Gute-Nacht-Nachrichten mehr. "Er hat einfach kein Interesse mehr gezeigt und hat das alles auf die Arbeit geschoben, dass ich es ja nicht gewohnt bin, dass er jetzt wieder arbeiten ist", erzählt Nathalie.

"Ich habe dann auch ein paar Mal nachgefragt: Ich mache mir ein bisschen Sorgen: Ist alles okay zwischen uns? Und er so: 'Ja, ja, mach dir keinen Kopf.'"
Nathalie und ihr Match haben unterschiedliche Datingabsichten

Sie spricht es an und er sagt ihr, sie brauche sich keine Sorgen zu machen. Aber die Kommunikation bleibt sehr reduziert. Auf Nathalies Nachfragen schreibt er irgendwann, er habe einfach gemerkt, er wisse nicht, ob er bereit für eine Beziehung sei und er seinen Freiraum gerade so sehr genieße. Und er wolle jetzt einfach mal schauen, wo es so hinführt, und wenn es eine Freundschaft werde, sei es ja auch okay.

"Das waren einfach überhaupt nicht die Signale, die er mir ganz am Anfang gesendet hat, und das hat mich dann schon sehr schockiert."
Nathalie und ihr Match haben unterschiedliche Datingabsichten

Sie treffen sich noch einmal. Und er wiederholt: "Er weiß nicht, ob er bereit für eine Beziehung ist und er mag mich ja, er findet mich attraktiv, er findet mich toll und ja, er hätte das jetzt einfach mal so weiterlaufen lassen", beschreibt Nathalie die Situation.

Sie sagt: "Ich war in dem Moment leider so naiv und hab gesagt, ja, okay, dann lassen wir das jetzt so weiterlaufen." Eigentlich stellt sie die Bedingung, dass sie wieder mehr schreiben. "Er so: Ja, ja, schreib mir gern, was du so machst. Wir können auch gerne weiter gute Nacht, guten Morgen schreiben. Und er hat da auch eingesehen, dass er sich ab und zu dann jetzt mal die Zeit nehmen sollte, mich zu treffen. Weil sonst lernt man sich ja auch nicht kennen. Ja, da bin ich eben drauf reingefallen", stellt Nathalie im Nachhinein fest.

Seitdem sei es eigentlich nur noch schlimmer geworden. Von ihm kommt immer weniger und Nathalie hat sich inzwischen damit abgefunden: "Ich bin jetzt an dem Punkt, mich trifft es nicht mehr so krass."

Zwischen Optimierung und Täuschung in Dating-Apps

Johanna Degen ist Sozialpsychologin und forscht unter anderem zu Dating-Apps. Sie weiß: "Wir sind nicht besonders ehrlich in den Online-Dating-Profilen. Man kann sagen, das zieht sich von leichter Optimierung, die dann auch kollektiv akzeptiert ist, bis hin zu Täuschung. Und vor der wird sich auch sehr gefürchtet." Johanna Degen sagt, dass es absolut akzeptiert ist, wenn wir unser Bild ein bisschen bearbeiten, uns in ein ideales Licht rücken.

Mit der Täuschung sieht es schon anders aus. Die ist unerwünscht. Und viele fürchten sich davor, reingelegt zu werden. "Hetero-Männer haben Angst, dass Frauen kürzere Haare haben als auf den Profilbildern oder in Bezug auf Korpulenz. Und Frauen fürchten bei Männern, dass die sehr viel gemogelt haben, was Körpergröße angeht", sagt sie.

"Oft ist es sehr komplex, was man da sucht."
Johanna Degen, Sozialpsychologin

"Eine Studie hat gezeigt, dass homosexuelle Männer in ihren Datingprofilen im Durchschnitt acht Zentimeter kleiner sind als heterosexuelle Männer. Was natürlich nur aussagt, dass hetero Männer sich größer schummeln", sagt Johanna Degen.

Die Grenzen sind fließend. Aber wie können wir erkennen, ob sich jemand authentisch zeigt?

Authentisch sein – was genau bedeutet das?

Und wie checken wir bei uns, ob wir selbst eine realistische Version von uns zeigen? Katharina Eder ist systemische Therapeutin und arbeitet unter anderem zu Bindungstypen. Sie sagt, zu 100 Prozent authentisch können wir uns sowieso nicht zeigen. Außerdem ist es auch voll okay, erstmal nicht alle persönlichen Infos gleich preiszugeben.

"Manche Menschen verlieben sich schneller als andere. Manche sind auch sehr euphorisch oder begeisterungsfähig."
Katharina, systemische Therapeutin

Katharina Eder sagt, dass manche Menschen sich besonders leicht verlieben oder auch schnell sehr begeistert von einer anderen Person sind: "Und solche Personen müssen sehr stark darauf aufpassen, sich nicht in Menschen zu verlieben, die vielleicht gar nicht so gut zu ihnen passen."

"Es macht Sinn, wenn man sehr emotional datet, sich vorher vielleicht eine Liste zusammenzuschreiben an Dingen, die einem wirklich wichtig sind, und Dinge, die auf keinen Fall möglich sind in einer Beziehung."
Katharina, systemische Therapeutin

Ihr Rat: Vorher mal checken, was wollen wir auf gar keinen Fall in einer Beziehung? Und was ist uns wichtig? Wollen wir irgendwann mal Kinder haben? Haben wir einen Hund? Dann wären Menschen, die angeben, dass sie keine Kinder wollen oder nichts mit Tieren anfangen können, von vorneherein raus. Katharina Eder sagt, dass vor allem Menschen, die sehr emotional daten, auf diese Weise eine sachliche Ebene schaffen können.

Was wir sagen und was wir meinen

Wir kommunizieren natürlich über Worte und die können aber auch sehr unterschiedlich ausgelegt werden. Darum rät Katharina Eder, sich zu fragen: "Passt das, was eine Person sagt, auch zu dem, wie sie sich verhält? Und gleichzeitig, wie fühle ich mich damit?"

Immerhin ist es sehr subjektiv, wenn eine Person sagt: 'Ja, ich möchte viel Kontakt.' Es stellt sich dann die Frage: Was genau bedeutet denn viel Kontakt? "Also das heißt ja nicht, dass eine Person lügt, wenn sie sagt, sie will viel Kontakt und lebt es dann nicht, sondern vielleicht hat sie eine andere Definition von viel Kontakt", sagt die systemische Therapeutin.

"Wenn wir eine Person kennenlernen, ist es schon wichtig, dass sich ein Gefühl von Sicherheit und Verbundenheit aufbaut."
Katharina, systemische Therapeutin

Wie aber damit umgehen, wenn eine Person mixed Signals aussendet? "Eine Person, die sehr unklar ist oder sehr schwankend ist, die verunsichert uns", so Katharina Eder. Sie sagt, dann sei es wichtig, ins Gespräch zu kommen und herauszufinden, woran es liegt. Wichtig sei auch, herauszufinden, ob die Person selber ein Bewusstsein dafür hat.

Katharina Eder sagt, wir sollten einerseits zu uns und unseren persönlichen Vorstellungen stehen. Es bringe nichts, sich zu verstellen oder eigene Wünsche hinten anzustellen. Und gleichzeitig sollten wir uns aber auch fragen: "Möchte ich eine Person gerade wirklich kennenlernen, weil die Person interessant ist? Oder füllt die Person auch irgendeine Lücke in mir, also nutze ich die Person gerade zur Bestätigung von unerfüllten Bedürfnissen, weil ich zum Beispiel einsam bin, weil ich unzufrieden bin?" Denn das spüre das Gegenüber meist und das könne dann auch dazu führen, dass es nicht funktioniert, weil wir nicht ehrlich und authentisch sind.