DeepfakesCollien Fernandes ist kein Einzelfall

Deepfake-Pornos, Online-Missbrauch und ein krasser Verdacht: Der Fall Collien Fernandes zeigt, wie real digitale Gewalt geworden ist. Sich zu schützen, ist kaum möglich. Und: Das Problem betrifft längst nicht allein Promis.

Der aktuelle Fall wirft durch die Prominenz der Beteiligten Licht auf ein Problem, das schon lange bekannt ist, das viele Frauen betrifft, aber gegen das, so Kritiker*innen, noch immer viel zu wenig getan wird. Theresia Crone ist eine von ihnen – sie ist Betroffene und Kritikerin des fehlenden Schutzes für Menschen, denen so etwas angetan wird.

"All diese Erfahrungen habe ich auch gemacht. Und ich kenne so viele andere Frauen, die sie auch gemacht haben."
Theresia Crone, Aktivistin und Jura-Studentin, selbst von sexualisierten Deepfakes betroffen

Theresia ist Aktivistin und studiert Jura. Und sie wurde selbst Opfer: "Ich habe von mir auch Deepfakes gefunden. Viele der Sachen, die jetzt in dem Fall Collien Fernandes berichtet werden, habe ich genau so erlebt: Es gab diese Fake-Accounts, es gab gefälschte Nacktbilder, es gab Chats, wo der Täter mit anderen Menschen intime Nachrichten ausgetauscht hatte."

Über zwei Jahre ist es jetzt her, dass Theresia das passiert – Weihnachten 2023, mitten im Prüfungsstress, beim Lernen bei ihren Eltern: Zuerst erhält sie einen Hinweis auf angebliche Gespräche mit ihr, dann auf gefälschte Profile. Schließlich bricht das ganze Ausmaß der Gewalt über sie herein.

Ihr Name, ihr Geburtsdatum, ihr Gesicht, was sie studiert, was sie macht, Bilder von ihr und ihren Freunden – alles steht im Netz. Und nicht zuletzt: viele gefälschte Nacktbilder. "Ich wusste gar nicht, was los ist", erinnert sich Theresia, "ich war so schockiert, ich konnte das gar nicht fassen."

"Selbst ich habe ein paar Sekunden gedacht: Wann ist mir das passiert? Unsere Gehirne sind ja nicht darauf trainiert, KI-Situationen von echten Situationen, echten Bildern zu unterscheiden."
Theresia Crone, Aktivistin und Jura-Studentin, selbst von sexualisierten Deepfakes betroffen

Zunächst versteht sie selbst gar nicht, was sie da sieht. Ihr Gehirn kann diese Fake-Bilder von ihr, die sie auch in Gewaltsituationen darstellen, erst mal gar nicht von ihrer eigenen Person trennen, so täuschend echt wirkt all das auf den ersten Blick auf sie.

Betroffene: Sexualisierte digitale Gewalt kommt häufig vor

Sie ist zu dieser Zeit als Klimaaktivistin aktiv, auch auf Social Media. Sie sagt heute: Was ihr passiert ist, ist kein Einzelfall. Sexualisierte digitale Gewalt, wie sie sie erfahren hat, komme häufig vor. Für sie ist das ein "Ausdruck von patriarchaler Gewalt gegen Frauen".

"Wir müssen weg davon kommen, das immer als Einzelfälle zu sehen, und müssen verstehen, dass das ein Ausdruck von patriarchaler Gewalt ist."
Theresia Crone, Aktivistin und Jura-Studentin, selbst von sexualisierten Deepfakes betroffen

Jetzt die aktuellen Berichte zu lesen, löst in ihr Ekel, Wut und Trauer aus, erzählt sie im Unboxing-News-Interview. Sie erinnern sie an ihre eigene Geschichte und daran, wie vielen weiteren Frauen das passiert. Und es macht ihr wieder bewusst, wie viel Mut es braucht, davon zu erzählen. Denn wer so etwas öffentlich mache, sei Hass und Unglauben ausgesetzt.

Und Scham: "Ich habe mich geschämt, dass es diese Bilder von mir gibt, dass Leute denken, ich würde so etwas freiwillig posten." Nach dem ersten Schock schaltet Theresia dann um in den Kampfmodus. Sie entscheidet, juristisch dagegen vorzugehen. Anfangs glaubt sie noch, der Rechtsstaat würde das regeln, die Deepfakes würden gelöscht, "und dann kam sehr schnell die Ernüchterung".

Sich juristisch zu wehren, ist schwer und hart

Theresia erstattet Anzeige. Sie muss sich erklären, Screenshots liefern, dokumentieren – bis sie irgendwann das Gefühl hat, als Opfer selbst die Verantwortung für das ihr Angetane tragen zu müssen. Dabei sei die Identität des Täters recht schnell klar gewesen, erzählt sie. Vier Wochen etwa habe das nur gedauert – aber dann noch eineinhalb Jahre, bis es ein Urteil gegen ihn gibt.

Und davon bekommt sie überhaupt nichts mit: "Das Verfahren lief quasi über meinen Kopf hinweg, und ich habe nur per Zufall erfahren, dass es überhaupt ein Urteil in Form von einem Strafbefehl gab." Theresia hat dadurch keine Möglichkeit, etwa Schmerzensgeld zu fordern, sagt sie, oder ihre Perspektive und ihr Leid, ihre psychischen Folgeschäden zu schildern.

Deutsche Gesetze: kaum Schutz vor digitaler sexualisierter Gewalt

Theresia sagt, sie ist schockiert davon, dass der deutsche Rechtsstaat hier nicht wirklich greift: "Sexualisierte und auch pornografische Deepfakes sind tatsächlich in Deutschland nicht eigenständig strafbar. Das Erstellen gar nicht. Und das Verbreiten auch nur über das Urheberrecht."

Dass die deutschen Gesetze bei sexualisierter digitaler Gewalt hinterherhinken, bestätigt auch Jacqueline Sittig, Juristin und Expertin für bildbasierte sexualisierte Gewalt. Sie forscht in ihrer Doktorarbeit zu nicht einvernehmlichen sexualisierenden Deepfakes.

"Bei sexualisierten Deepfakes sind viele Rechte verletzt, die wir in Deutschland im Moment nicht schützen."
Jacqueline Sittig, Juristin und Expertin für bildbasierte sexualisierte Gewalt

Sie räumt ein, dass wir es mit einem neuen Phänomen zu tun haben, das viele Facetten hat: "Wir haben Deepfakes im politischen Bereich, im humoristischen Bereich, welche, die wir vielleicht sogar nicht schädlich finden."

Aber: Bei nicht einvernehmlicher sexualisierenden Deepfakes seien eben viele Rechte verletzt, die bislang noch nicht gesetzlich geschützt seien. Wie auch Theresia Crone kritisiert sie, dass es bei der Verbreitung allenfalls teilweise Schutz gibt, und in der Herstellung etwa gar nicht.

"Wir haben derzeit keinen Straftatbestand, der die Herstellung von nicht einvernehmlichen sexualisierenden Deepfakes unter Strafe stellt."
Jacqueline Sittig, Juristin und Expertin für bildbasierte sexualisierte Gewalt

Zwar gebe es schon neue digitale Straftatbestände, die bezögen sich aber zum Beispiel auf den Schutz des privaten Lebensbereichs – also wenn jemand etwa mit dem Handy euch und eure Wohnung filmt. Aber all diese Straftatbestände passten eben nicht auf das Phänomen nicht einvernehmlicher sexualisierender Deepfakes, so die Juristin.

Anders in Spanien, wo Collien Fernandes Berichten zufolge auch ihre Anzeige erstattet hat: Dort liegt derzeit ein Gesetzesentwurf zu nicht einvernehmlichen sexualisierenden Deepfakes vor, der nicht nur die Verbreitung, sondern auch die Erstellung solcher Fakes beinhaltet, erzählt Jacqueline. Sollte der durchgehen, wäre Spanien viel weiter als Deutschland.

Digitale sexualisierende Gewalt gegen Frauen: Spanien schreitet mit Gesetzen voran

Es gibt eine neue EU-Richtlinie gegen Gewalt gegen Frauen, die einen Mindeststandard für die EU in diesem Bereich setzt und die bis Sommer nächsten Jahres auch in Deutschland umgesetzt werden muss, so die Juristin.

Diese Richtlinie besagt unter anderem, dass die Verbreitung nicht einvernehmlicher sexualisierender Deepfakes unter Strafe gestellt werden muss. Spanien geht mit seinem Entwurf über diesen Mindeststandard noch hinaus, um einen größeren Schutzraum zu schaffen.

"Wir müssen das Phänomen einfach ernst nehmen."
Jacqueline Sittig, Juristin und Expertin für bildbasierte sexualisierte Gewalt

Jacqueline Sittig plädiert dafür, auch bei uns Schutzlücken zu schließen und dafür Gesetze zu schaffen. Und sie wirbt für ein Umdenken: "Wir brauchen ein Bewusstsein für diese Arten des modernen Voyeurismus. Ich muss nicht mehr in eine Wohnung hinein fotografieren, ich muss mich nicht mehr aus meinem Haus bewegen, um Menschen auf einem noch nie da gewesenen Level herabwürdigen zu können."

Und da ist jetzt unsere Regierung gefragt: Deutschland muss die besagte EU-Richtlinie ohnehin bis zum nächsten Sommer umsetzen. Und wie Spanien könnte auch Deutschland sich dafür entscheiden, über den dort formulierten Mindeststandard hinauszugehen. Tatsächlich hat SPD-Justizministerin Stefanie Hubig am Samstag angekündigt, digitale Gewalt und Deepfakes härter bekämpfen und auch das Erstellen unter Strafe stellen zu wollen.

Hilfe für Opfer sexualisierender digitaler Gewalt

Und bis dahin? Was tun, wenn man merkt, dass man betroffen ist? Zur Polizei zu gehen, macht schon Sinn, glaubt Jacqueline Sittig – wenn auch mit Einschränkung: "Ich empfinde die Polizei in vielen Fällen als sehr bemüht. Das ist allerdings nicht immer so, das zeigen auch Fälle wie der von Theresia Crone."

Außerdem gibt es Fachberatungsstellen, an die man sich wenden kann – zum Beispiel die Organisation HateAid. Dort arbeitet die Psychologin Judith Strieder als Betroffenenberaterin. Auch ihrer Erfahrung nach sind prominente Fälle von sexualisierten Deepfakes nur die Spitze des Eisbergs.

"Ich kann aus der Beratung auf jeden Fall bestätigen, dass das leider sehr vielen Frauen passiert."
Judith Strieder, Psychologin und Betroffenenberaterin bei HateAid

Und auch was die Folgen angeht, bestätigt sie Theresias Erleben: "Die Psyche kann zwischen der analogen Welt und der digitalen Welt nicht unterscheiden." Digital belästigt, beleidigt oder bedroht zu werden, könne ähnlich belastend für die Psyche sein wie analoge Belästigung, Beleidigung und Bedrohung.

Analoge und digitale Gewalt: Psychische Folgen gleichen sich

Die möglichen körperlichen und psychischen Folgesymptome seien die gleichen: Konzentrationsschwierigkeiten, Schlafstörungen, Angststörungen, oft auch ein Gefühl von Ohnmacht und Kontrollverlust, insbesondere bei bildbasierter sexualisierter Gewalt. Häufig kämen noch Schuld- und Schamgefühle hinzu, was Betroffene daran hindert, darüber zu sprechen, was ihnen angetan wurde.

Damit das Problem nach der aktuellen Diskussion nicht wieder in Vergessenheit gerät, sei wichtig, Betroffenen zu glauben und sie nicht in Frage zu stellen, was leider oft passiere. Die Richtung der Debatte müsse sich verändern und Täter müssten Konsequenzen erfahren. "Wenn diese Täter-Opfer-Umkehr aufhört oder weniger wird, dann wäre schon sehr viel gewonnen", findet die Psychologin.

Betroffenen glauben, Täter-Opfer-Umkehr vermeiden

Wichtig sei zudem, Betroffenen Mut zu machen, darüber zu sprechen, was ihnen widerfahren ist, sich Hilfe und Unterstützung zu suchen, sich nicht einschüchtern zu lassen und sich zu solidarisieren.

"Wir müssen ganz anders über sexualisierte Gewalt reden und das eben nicht nur als Einzelfall verstehen, sondern als gesellschaftliches Problem."
Theresia Crone, Aktivistin und Jura-Studentin, selbst von sexualisierten Deepfakes betroffen

Auch Theresia Crone findet, dass die aktuelle Aufmerksamkeit für das Thema genutzt werden sollte. Und zwar nicht, indem man boulevardmäßig einen Fall ausschlachte und einzelne Personen auseinandernehme, sondern: "Wir müssen dafür sorgen, dass diese strukturelle Gewalt beendet wird."

Am Ball sind jetzt auch die Bundesregierung und die Justizministerin. Sie müssen das Versprechen, entsprechende Gesetze zu schaffen, einlösen. Die Juristin Jacqueline Sittig ist überzeugt, dass das gar nicht so schwer wäre - die Gewaltstrukturen bei nicht einvernehmlichen sexualisierenden Deepfakes unterscheiden sich aus juristischer Perspektive ihres Erachtens nicht von anderen, "klassischen" Gewaltstrukturen.

"Wir kennen diese Strukturen schon. Deswegen weiß die Gesetzgebung eigentlich auch schon, wo sie den Finger in die Wunde legen müsste."
Jacqueline Sittig, Juristin und Expertin für bildbasierte sexualisierte Gewalt