Deutsche BahnWird Zugfahren jetzt sicherer für uns alle?

Die Bahn will mit Bodycams und KI gestützter Videoüberwachung gegen Gewalt in Zügen und an Bahnhöfen vorgehen. Das ist auch notwendig, sagt Zugbegleiterin Jennifer mit Blick darauf, was sie selbst erlebt hat. Was bringen die neuen Maßnahmen wirklich?

Der Tod des Zugbegleiters Serkan C. im Februar 2026 hat viele Menschen erschüttert. Der Bahnmitarbeiter war während seines Dienstes tödlich angegriffen worden. Schnell wurden Forderungen nach mehr Schutz für die Beschäftigten laut.

Die Deutsche Bahn reagiert nun mit folgenden Maßnahmen: Mehr Bodycams für Mitarbeitende, KI-gestützte Videoüberwachung in Zügen und Bahnhöfen, Doppelbesetzungen bei Ticketkontrollen. Zusätzlich werden ab Juli stichfeste Westen für das Personal getestet.

Zugbegleiterin über tägliche Beleidigungen

Jennifer Grongold arbeitet seit zwei Jahren als Kundenbetreuerin bei der Bahn. Dass Fahrgäste sie beschimpfen oder beleidigen, sei inzwischen Alltag. Einmal habe ihr sogar ein Fahrgast in den Rücken getreten.

Doch auch verbale Angriffe hinterlassen Spuren. Besonders im Gedächtnis geblieben ist ihr eine Fahrt mit dem Regionalexpress von Karlsruhe nach Mainz. Der Zug war bereits mit 20 Minuten Verspätung gestartet. Jennifer und ihre Kolleg*innen gingen durch den Zug, um zu fragen, welche Anschlüsse Fahrgäste erreichen müssten und entsprechende Voranmeldungen zu machen.

"Da ist dann gleich das liebe Wort 'Du dumme Fotze' gefallen."
Jennifer Grongold, Mitarbeiterin der Deutschen Bahn

Der Fahrgast habe sich darüber beschwert, dass sie die Fahrkarten kontrollieren wolle. "Dabei ging es in dem Moment darum, ob jemand einen Anschlusszug erreichen musste", rechtfertigt sich Jennifer im Nachhinein.

Befragung: Fast alle Mitarbeitenden erleben Übergriffe

Dass Jennifer mit ihren Erfahrungen nicht allein ist, zeigt auch die Forschung. Der Soziologe und Kriminologe Tim Lukas von der Universität Wuppertal beschäftigt sich mit Fragen der Sicherheit im öffentlichen Raum. Er verweist auf eine Studie des Deutschen Zentrums für Schienenverkehrsforschung aus dem Jahr 2025. Demnach berichten rund 90 Prozent des fahrscheinkontrollierenden Personals von Beleidigungen. Drei Viertel geben an, bedroht worden zu sein, mehr als ein Drittel berichtet sogar von körperlichen Angriffen.

"Zugbegleiter*innen haben einen ziemlich gefährlichen Job."
Tim Lukas, Soziologe

Die Maßnahmen der Bahn findet Jennifer gut. Besonders wichtig findet sie, dass Zugbegleiter*innen bei Ticketkontrollen künftig grundsätzlich zu zweit unterwegs sind. "Das ist halt super, weil man immer einen Kollegen hat, der einem den Rücken deckt", sagt sie. Auch die Bodycam werde zu mehr Sicherheit beitragen, davon ist Jennifer überzeugt.

"Die Bodycam und der Kollege hätten mir damals geholfen, eine Anzeige wegen Beleidigung auf den Weg zu bringen."
Jennifer Grongold, Mitarbeiterin der Deutschen Bahn

Tim Lukas hat die neuen Sicherheitsmaßnahmen mit wissenschaftlichen Erkenntnissen abgeglichen. Die Doppelbesetzung bewertet er positiv. Bei Bodycams ist er dagegen skeptisch. Zwar gebe es Situationen, in denen sie deeskalierend wirkten. "In den bisherigen Untersuchungen zeige sich aber kein Hinweis darauf, dass Beschäftigte mit Bodycams insgesamt weniger Gewalt erleben."

"Die Bodycam ist kein Allheilmittel und keine Maßnahme, die gänzlich zu empfehlen ist."
Tim Lukas, Soziologe

Mehr Straftaten an Bahnhöfen – woran liegt's?

Die Deutsche Bahn will aber nicht nur die Sicherheit ihrer Mitarbeitenden verbessern. Auch Fahrgäste sollen sich in Zügen und an Bahnhöfen sicherer, so das Unternehmen. Nach Angaben des Bundesinnenministeriums wurden 2025 mehr als 27.000 Gewalttaten im Bahnverkehr registriert – rund 51 Prozent mehr als vor der Coronapandemie.

Bereits Anfang 2026 hat die Bahn deshalb ein sogenanntes Sofortprogramm für Sicherheit und Sauberkeit gestartet. Dafür werden in diesem Jahr 50 Millionen Euro investiert. An 25 Bahnhöfen – unter anderem in Berlin, Hamburg und Köln – sind zusätzliche Sicherheitskräfte im Einsatz.

Wissenschaftler Tim Lukas kennt die gestiegenen Deliktzahlen und plädiert den Grund nicht zu unterschlagen. Und der liege in der erhöhten Videoüberwachung.

"Dadurch, dass nahezu jeder Winkel des Bahnhofs videoüberwacht wird, werden mehr Straftaten polizeilich registriert. Das erklärt den Anstieg der Delikte."
Tim Lukas, Soziologe

Außerdem müsse bei der Diskussion um Sicherheit an Bahnhöfen beleuchtet werden, welche Straftaten überhaupt verübt würden, so Tim Lukas. Denn drei Viertel aller Delikte an Bahnhöfen seien Eigentumsdelikte, Sachbeschädigungen oder Betäubungsmitteldelikte. Gewalttaten machten nur einen kleineren Teil aus. "Ganz überwiegend sind nicht wir Reisenden von Gewalt an Bahnhöfen betroffen, sondern die ohnehin marginalisierten Gruppen, die sich an den Bahnhöfen aufhalten", fasst der Soziologe die Situation an Bahnhöfen zusammen.

Soziologe: Mehr Polizeischutz ist nicht genug

Trotzdem hält der Wissenschaftler das Sofortprogramm der Bahn insgesamt für sinnvoll. Dazu gehören sogenannte Quattro-Streifen, bei denen Bundespolizei, Landespolizei, DB Sicherheit und kommunale Ordnungsdienste gemeinsam unterwegs sind.

Außerdem setzt die Bahn an einigen Bahnhöfen sogenannte Bahnhofsläufer*innen ein. Sie sollen eine Schnittstelle zwischen Polizei und Sozialarbeit bilden und besonders für Menschen da sein, die sich häufig an Bahnhöfen aufhalten und Unterstützung benötigen.

Darüber hinaus verweist Tim Lukas auf die Bedeutung von Bahnhofsvorplätzen. Auch die habe die Bahn erkannt und eine entsprechende Kompetenzstelle eingerichtet. "Sie berät Kommunen dabei, Bahnhofsumfelder attraktiver und sicherer zu gestalten."

"Der Bahnhof und sein Umfeld ist eben auch ein Sozialraum. Es wäre doch gut, wenn wir dort Angebote machen könnten, damit wir zu einem friedlichen Nebeneinander kommen."
Tim Lukas, Soziologe

Auch Jennifer Grongold wünscht sich ein besseres Miteinander. Dazu gehören ihrer Ansicht nach auch Respekt und Verständnis: "Wir versuchen, alles Menschenmögliche zu machen, dass wir pünktlich und sicher am Ziel ankommen. Da ist ein Bitte oder Danke manchmal wirklich nicht zu viel verlangt."