Digital-OligarchieElon Musk, Peter Thiel und der Transhumanismus

Wenige Big-Tech-Akteure besitzen viel Macht: Sie folgen Ideen, die die Demokratie gefährden, sagt die Technikphilosophin Anna Puzio. Die ideologischen Ansätze der Tech-Bosse und deren politischen Einfluss erklärt sie in ihrem Vortrag.

Kurz nachdem Donald Trump im November 2024 zum zweiten Mal zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt wird, kündigt er die Gründung einer Organisation für Regierungseffizienz an, das sogenannte Department of Government Efficiency, kurz Doge. Der Tech-Milliardär Elon Musk wird für 130 Tage als Leiter eingesetzt – mit Folgen.

"Mit Kettensäge hat Elon Musk damals verkündet, die Last der Bürokratie zu beseitigen und Staatsausgaben zu reduzieren."
Anna Puzio, Technikphilosophin und Theologin

Nicht nur Musks Einsatz als besonderer Regierungsangestellter, sondern auch die ungewöhnliche Präsenz der Big-Tech-Elite bei Trumps Amtseinführung waren bemerkenswert – neben Elon Musk auch Mark Zuckerberg, Jeff Bezos, Sam Altman, Sundar Pichai und weitere.

Anna Puzio, Technikphilosophin und Theologin

Die mächtigsten Tech-CEOs weltweit hofieren einen libertär-autoritären Präsidenten, der ein alarmierend flexibles Verhältnis zu Demokratie und enorme Macht hat. Nicht mit dabei, aber seit Jahren im Hintergrund für Trump aktiv: Peter Thiel. Tech-Milliardär, Strippenzieher des US-Rechtsrucks und einer der wichtigsten Supporter Trumps.

"Big Tech und US-Politik – eine unheilige Allianz"

Die Technikphilosophin Anna Puzio sieht in der zunehmenden Nähe zwischen Big Tech und Politik eine Gefahr: "Wir wussten schon in den vielen Jahren davor, wie gefährlich die Machtkonzentration von Big Tech werden kann, und haben es dann hier wirklich mal erlebt, wie das mit der Politik aufs Engste zusammengekommen ist."

In der Folgezeit ist viel in den USA passiert. Anna Puzio erinnert an: Budgetkürzungen für Diversitätsprogramme und Umweltschutzmaßnahmen, Angriffe auf die Wissenschaft, die Unterstützung rechtspopulistischer Parteien durch US-Politiker und US-Unternehmer im Ausland, auch Deutschland, ICE und mehr.

"Sie haben Kontrolle über Wissen und Kommunikation, über öffentlichen Diskurs. Da kann man schon eine Gefahr für die Demokratie attestieren."
Anna Puzio, Technikphilosophin und Theologin

Big Tech, damit meint sie die größten und einflussreichsten Technologieunternehmen der Welt: "Mit ihrem Einfluss auf Technologien und digitale Strukturen sind sie auch technopolitische Akteure. Denn Technik hat alles transformiert, alle unsere Lebensbereiche, Gesundheit, Kultur, Kommunikation."

Durch ihre Monopolstellung bei Technologien, von denen die Gesellschaft abhängig ist, prägen sie unsere Kommunikation, Beziehungen, Arbeit, die politische Öffentlichkeit, Institutionen, Politik und vieles mehr, sagt Anna Puzio. Kurz: Big Tech hat eine enorme Macht über unser Leben, über sämtliche Lebensbereiche, weltweit. Die sogenannten Tech-Bros setzen sie auch politisch ein.

"Wir haben im Transhumanismus eine Abwertung des Menschen und wir haben eine sehr widersprüchliche Argumentation, die von naturwissenschaftlichen Erkenntnissen abweicht."
Anna Puzio, Technikphilosophin und Theologin

In ihrem Vortrag analysiert Anna Puzio zwei unheilige Ehen, wie sie es nennt: Zum einen die Verbindung zwischen Big Tech und Politik. Dabei blickt sie besonders auf die Rolle des Transhumanismus in dieser Allianz.

Transhumanismus und neue Technikideologien

Transhumanismus ist eine philosophisch-technologische Bewegung des 20. und 21. Jahrhunderts, aus deren Ideen die Tech-Bosse sich für ihre Weltanschauung bedienen und die Anna Puzio kritisch sieht.

Im Vortrag erklärt sie die Entstehung, Entwicklung und Bedeutung des Transhumanismus bis heute und ihre Kritik daran und auch, warum sie für die transhumanistisch inspirierten Ideen der Big-Tech-Bosse den Begriff der Ideologie für angemessen hält.

"Was zeichnet Technikideologien heute aus? Wir haben immer das Thema Gender, wir haben Frauen- und Queerfeindlichkeit, Transfeindlichkeit, Zuspruch für Binarität, für die nukleare traditionelle Kernfamilien, Wokeness gilt als Virus, Diversität als Feindbild."
Anna Puzio, Technikphilosophin und Theologin

Anna Puzio erklärt zudem, wie sich verschiedenen Technikideologien, die sie unter dem im englischen Diskurs hierfür mittlerweile etablierten Akronym TESCREAL zusammenfasst, aus dem Transhumanismus speisen. Sie argumentiert, warum sie das für ein Problem hält. Sie wirft außerdem einen kritischen Blick auf die eigene Zunft, die Technikethik - und auf deren Rolle für den Machtzuwachs von Big Tech.

"Wir haben einen Technik-Solutionismus. Das bedeutet, dass Technik als Lösung aller Probleme angesehen wird, vor allem nicht-technologischer Probleme. Das führt bis hin zu Technikverehrung, zu Heilsversprechen."
Anna Puzio, Technikphilosophin und Theologin
Präsident Donald Trump umarmt Erika Kirk bei einer Gedenkveranstaltung für den rechtsextremen Influencer und Aktivisten Charlie Kirk am Sonntag, den 21. September 2025, im State Farm Stadium in Glendale, Arizona.

Zum zweiten wirft Anna Puzio auch einen Blick auf die unheilige Ehe zwischen Politik, Big Tech und Religion, konkreter: auf religiösen Fundamentalismus. Im Fazit geht sie schließlich noch mal auf die Situation in Europa und auch auf die positiven Seiten technologischer Innovation ein.

Anna Puzio ist Philosophin, Theologin und Germanistin und forscht interdisziplinär zu aktuellen Themen der Ethik und Anthropologie. An der Hochschule für Philosophie München hat sie zur Anthropologie des Transhumanismus promoviert . Heute arbeitet sie an der niederländischen Universität Twente im niederlandeweiten Esdit Research Programme. Esdit steht für Ethics of Socially Disruptive Technologies. Zusammen mit weiteren Forschenden in dem Bereich hat sie das Netzwerk für Theologie und KI gegründet.

Ihren Vortrag "Als Elon Musk ins Weiße Haus ein- und wieder auszog – Technikideologien, Transhumanismus und Demokratie" hat sie am 12. November 2025 im Vortrag im Rahmen der Ringvorlesung "Schöne neue Welt? Welche Zukunft sieht die Digital-Oligarchie für uns vor?" gehalten. Sie wird vom Zentrum für ethische Fragen im 21. Jahrhundert (ZEF21) und dem Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS) gemeinsam organisiert wurde.

Hörsaal Live! Ihr wollt den Hörsaal mal live erleben? Die nächste Möglichkeit habt ihr am 14.03.2026 in Köln. Der Bildungsforscher und Soziologe Aladin El-Mafaalani spricht dann über die Rolle von Misstrauen und Vertrauen für unsere Demokratie und unsere Gesellschaft. Hier gibt’s mehr Infos.

Und hier noch ein Hörtipp: Die Lieblingsschülerin