Digitale GewaltCollien Fernandes – was sagen die Männer?
Der Fall Collien Fernandes pusht die Debatte über Gewalt gegen Frauen. Viele Frauen solidarisieren sich öffentlich, fordern Veränderung – auf Gesetzesebende und in der Gesellschaft. Und die Männer? Zwischen Support, Schweigen und Hetze.
Der Fall um Schauspielerin Collien Fernandes sorgt seit Tagen für Diskussionen – über digitale Gewalt, Schutzlücken im Recht und die Frage, welche Rolle Männer dabei spielen.
Die Vorwürfe richten sich gegen ihren Ex-Partner Christian Ulmen. Sein Anwalt weist sie zurück und betont, die Darstellungen seien falsch, es habe weder Deepfake-Verbreitung noch einseitige Gewalt gegeben.
Zudem sei das Verfahren in Spanien aktuell ausgesetzt. Es gilt die Unschuldsvermutung. Gleichzeitig wächst der öffentliche Druck, über strukturelle Probleme zu sprechen.
Viele Männer reagieren unterschiedlich auf den Fall – zwischen Solidarität, Abwehr und Unsicherheit.
Zwischen Betroffenheit und Abwehr
Reporter Florian Brückner hat Stimmen gesammelt – auf der Straße und im Netz.
"Überraschend viele wollten grundsätzlich gar nichts sagen."
Er beschreibt, dass ein Teil der Männer sich gar nicht äußern wollte. Andere wiederum hätten sich klar positioniert, seien betroffen gewesen oder hätten Solidarität geäußert. Gleichzeitig sei bei vielen eine gewisse Hilflosigkeit spürbar gewesen.
"Bei vielen war so eine Art Hilflosigkeit zu spüren."
Einige Stimmen verurteilten die Vorwürfe deutlich, andere rückten sie von sich weg. Wieder andere verwiesen darauf, dass ihnen wichtige Informationen fehlten, um sich ein Urteil zu bilden.
"Ja, es macht mich betroffen und lässt mich wieder darüber nachdenken, was unser Problem mit Männlichkeit ist in der Gesellschaft ist und lässt mich traurig und verzweifelt zurück.“
Ein Passant beschreibt, dass ihn der Fall sehr betroffen mache und ihn dazu bringe, grundsätzlich über Probleme von Männlichkeit in der Gesellschaft nachzudenken. Er fühle sich traurig und verzweifelt und finde es schwierig, sich klar zu positionieren, weil ihm Informationen fehlten und die Perspektive der anderen Seite nicht sichtbar sei. Besonders das Schweigen von Ulmen nehme er als sehr laut und schmerzhaft wahr.
Diese Unsicherheit zieht sich durch viele Reaktionen.
"Wenn man sich die Fälle anschaut, dann sind es halt immer Männer, irgendwas muss ja dabei sein. Deswegen, ja, ich glaube schon, dass es was mit Männlichkeit zu tun hat. Aber ne Lösung dafür habe ich auch nicht."
Gleichzeitig zeigen sich auch klassische Muster aus Online-Debatten: von klarer Solidarität über Relativierung bis hin zu Täter-Opfer-Umkehr.
Männlichkeit und digitale Räume
Wie typisch diese Reaktionen sind, ordnet die Soziologin Jennifer Eickelmann ein.
"Dass solche Fälle so polarisiert diskutiert werden, ist nicht ungewöhnlich."
Sie erklärt, dass öffentlich stark diskutierte Fälle oft gegensätzliche Reaktionen auslösen: Einerseits Abwehr, etwa in der Form, sich von Gewalt klar zu distanzieren und sie nicht mit sich selbst in Verbindung zu bringen. Andererseits gebe es Räume – besonders in sozialen Medien –, in denen maskulinistische Positionen bewusst sichtbar werden und solche Debatten für eigene Narrative nutzen.
"Männlichkeit hat noch immer viel mit Dominanz- und Besitzansprüchen zu tun."
Diese Vorstellungen seien historisch gewachsen, würden aber durch soziale Medien verstärkt. Plattformen böten Raum für entsprechende Ideologien, die Reichweite generieren und wirtschaftlich genutzt werden können.
Gleichzeitig gebe es viele Männer, die sich weder klar zuordnen noch laut äußern. Eickelmann beschreibt hier eine Mischung aus Unsicherheit und Ratlosigkeit.
"Ich glaube, da herrscht gerade viel Fassungslosigkeit und Unsicherheit."
Gerade in diesen „Grauzonen“ liege aber ein wichtiger Teil der Debatte: Dort müsse ausgehandelt werden, welche Rolle Männlichkeitsbilder im Alltag spielen – auch jenseits extremer Fälle.
"Wir müssen uns als männliche Personen einfach zusammen die Frage stellen, was da schiefläuft, dass wir da auch nur mit allen zusammen da wieder rauskommen und da eine Lösung bekommen."
Haltung zeigen – oder schweigen?
Für Eickelmann ist klar: Neutralität ist in solchen Fällen kaum möglich.
"Man kann sich dem nicht einfach neutral verhalten.“
Eine Haltung sei notwendig, um Solidarität mit Betroffenen überhaupt erst möglich zu machen. Gleichzeitig gehe es nicht nur um individuelle Reaktionen, sondern auch um strukturelle Veränderungen – im Alltag, in Institutionen und im digitalen Raum.
Auch Florian Brückner beobachtet, dass viele Männer zwar Veränderung wollen, aber nicht wissen, wie sie konkret handeln können.
"Viele haben das Gefühl: Was kann ich als Einzelner schon ausrichten?"
Diese empfundene Machtlosigkeit könne erklären, warum zwischen Zustimmung und tatsächlichem Handeln oft eine Lücke bleibt.
Am Ende richtet sich der Blick wieder auf Collien Fernandes selbst. Bei einer Demo in Hamburg formuliert sie eine Forderung, die über den Einzelfall hinausgeht.
"Dass wir alle unsere Taschenlampen und Scheinwerfer rausholen, damit wir nicht mehr in Deutschland ein Dunkelfeld von 95 Prozent haben – lasst uns gemeinsam die Mauern des Schweigens einreißen."
Ihr Appell zielt darauf, das Unsichtbare sichtbar zu machen – und damit eine Debatte weiterzuführen, die längst über einen einzelnen Fall hinausgeht.