Ein Jahr Papst LeoZwischen Trump und Gott
Gegen Trump, Krieg und Machtmissbrauch – der Papst begeistert viele. Doch Vatikan-Expertin Christiane Florin fehlt entschiedener Reformwille. Und auch für Theolog*in Mara ist er zu vorsichtig. Wer ist Leo XIV. eigentlich wirklich?
Wer nicht so viel mit der katholischen Kirche zu tun hat, wird Papst Leo XIV. womöglich nicht so sonderlich auf dem Schirm gehabt haben. Bis zum öffentlichen Schlagabtausch mit Donald Trump. Der bezeichnete den Papst als "zu liberal". US-Vizepräsident JD Vance hingegen riet dem Oberhaupt der katholischen Kirche, sich "aus der Theologie rauszuhalten". Und Papst Leo? Er reagiert ruhig, aber deutlich: Angst vor der US-Regierung habe er nicht. Und er wirbt weiter für Frieden.
Frieden als Leitmotiv
Mara Elia ist Theolog*in und feiert, dass der Papst dem US-Präsidenten die Stirn bietet.
"Sicher sagen auch viele, die gar nichts mit der Kirche zu tun haben: Endlich ist da mal ein großer Player, der sich mit Trump anlegt."
"Pace" – Frieden – ist übrigens auch das erste Wort, das der Papst am 8. Mai 2025 sagt, als er nach seiner Wahl auf den Balkon des Petersdoms tritt. Frieden wird zu seinem großen Thema.
Kardinal Robert Francis Prevost, nun Papst Leo XIV., ist der erste amerikanische Papst. Er stammt aus Chicago, hat aber viel Zeit in Südamerika verbracht, vor allem in Peru. Dort arbeitet er lange als Missionar. Er kommt aus dem traditionsreichen Augustinerorden und leitet vor seiner Wahl zuletzt die vatikanische Behörde für Bischofsernennungen.
Themen, die Papst Leo XIV. meidet
Theolog*in Mara Elia feiert den Papst aber nicht nur, denn Mara Elia promoviert an der Universität Münster zum Thema geschlechtliche Vielfalt in der Kirche und setzt sich unter anderem für die queere Community in der Kirche ein. Und so fällt Mara Elia deutlich auf, dass der Papst alle Themen rund um geschlechtliche und sexuelle Vielfalt sowie Gleichstellung meidet.
Beispielsweise hat der Papst mit Blick auf Segnungen homosexueller Paare gesagt, dazu habe sein Vorgänger Franziskus schon alles geklärt. Zudem, sagte er, gebe es "wichtigere Themen" – zum Beispiel Frieden. Für Mara Elia ist das problematisch.
"Es ist ein Ausspielen von marginalisierten Gruppen gegeneinander nach dem Motto: Sind nicht die vom Krieg betroffenen Kinder viel wichtiger als queere Menschen in Deutschland?"
Grundsätzlich, betont Mara Elia, sei gegen das Thema Frieden nichts einzuwenden. Im Gegenteil: "Frieden ist ein großes Thema – gerade in der katholischen Kirche." Entscheidend sei aber die Frage, wie Frieden überhaupt erreicht werden könne. "Um Frieden zu schaffen, müssen wir Strukturen verändern", argumentiert Mara Elia. Wer Auseinandersetzungen meide – und genau das wirft sie Papst Leo vor –, könne dieses Ziel nicht erreichen. "Dann bleibt Frieden nur eine Utopie."
Journalistin: "Innerkirchlicher Frieden" veträgt keine Kriter*innen
Auch Christiane Florin beobachtet genau, welches Verständnis Papst Leo von Frieden hat. Sie leitet die Abteilung Kultur aktuell im Deutschlandradio und war viele Jahre Redakteurin und Moderatorin des Religionsmagazins Tag für Tag im Deutschlandfunk. Ein Satz im Zusammenhang mit Frieden hat sie besonders irritiert:
"Als er sagte, Abtreibung sei die größte Gefahr für den Frieden, dachte ich: Schon wieder sind die Frauen schuld und nicht die Kriegstreiber."
Der Anspruch, Frieden zu wahren, sei wohl ein Grund gewesen, warum Robert Francis Prevost zum Papst gewählt wurde, so Christiane Florin. Dabei gehe es auch um "innerkirchlichen Frieden". Sie schlussfolgert daraus, dass unter Papst Leo innerhalb der Kirche keine großen Veränderungen zu erwarten sind.
"Einheit bewahren meint, dass die handelsübliche Diskriminierung weitergeht – von Homosexuellen, von Frauen, von allen, die nicht so leben, wie es die römisch-katholische Lehre vorsieht."
Christiane Florin erläutert, wie sich dieser Konflikt gerade auf die katholische Kirche in Deutschland auswirkt: Einige deutsche Bischöfe wollten liturgische Segensfeiern für homosexuelle Paare ermöglichen. Der Vatikan hat dagegen mehrfach klargemacht: Segnungen ja, aber bitte nicht in einer Form, die mit einer Ehe oder Hochzeit verwechselt werden könnte.
Glaube an eine reformwillige Kirche
Grundsätzlich, sagt die Journalistin, geht es in der katholischen Kirche bei Reformen oft ohnehin weniger darum, dass sich tatsächlich etwas verändert. Das sei auch unter Franziskus so gewesen, auch wenn er als Oberhaupt mehr angeeckt sei. Im Prinzip gehe es darum: "Menschen, die auf Reformen hoffen, sollen nicht komplett enttäuscht werden. Gleichzeitig sollen diejenigen, die fürchten, dass sich etwas bewegt, nicht in eine Fundamentalopposition gehen."
Mara Elia gehört zu den Menschen, die weiter hoffen. Schließlich ist Leo XIV. erst ein Jahr im Amt. Seine Sozialenzyklika – das große programmatische Schreiben seines Pontifikats – soll bald erscheinen. Dort erwartet Mara Elia Antworten darauf, wie ernst es dem Papst mit Frieden ist – und mit dem, was es braucht, um ihn Realität werden zu lassen.