EinsamWo finde ich neue Friends?

Bella ist neu in Berlin und hat dort noch keinen richtigen Anschluss gefunden. Sie fühlt sich manchmal einsam. Eine Kommunikationsexpertin erklärt, warum vor allem Jüngere dieses Gefühl kennen und an welchen Orten wir Freunde finden können.

Bella ist Anfang 20 und frisch nach Berlin gezogen. Sie hätte gerne mehr Freunde, mit denen sie sich auch spontan treffen kann. Über sich selbst sagt sie, dass sie sehr sozial ist. In ihrem Alter findet sie es aber schwierig, Anschluss zu finden.

"Ich glaube, jeder ist ein bisschen in seiner eigenen Welt. Und ich denke, das hat auch viel mit Social Media zu tun", meint Bella. "Alle sind nur noch online und am Swipen. Man geht ja kaum noch auf jemanden zu und sagt: 'Hey, du siehst megasympathisch aus. Wollen wir mal einen Kaffee trinken – als Freunde?'"

Hürden bei Begegnungen im Alltag

"Wenn man nicht im Studium oder über die Arbeit jemanden kennenlernt, ist es super schwierig, einfach so auf der Straße Leute zu treffen, weil keiner mehr so richtig miteinander redet."
Bella, ist neu in Berlin und fühlt sich manchmal einsam

Bella findet, dass es ihr früher leichter gefallen ist, Freundschaften und Bekanntschaften zu schließen. In der Stadt, in der sie aufgewachsen ist, habe man viele Leute über Ecken gekannt. Auch die Schule sei ein Ort gewesen, der es ihr leicht gemacht habe: "Ich habe superviele Freunde in meiner Stufe gehabt, und man musste sich auch keine Mühe machen, die Freundschaften aufrechtzuerhalten, weil man sich ohnehin jeden Tag gesehen hat."

"Man existiert aneinander vorbei"

Inzwischen fällt es Bella schwerer, im Alltag neue Kontakte zu knüpfen. Sie findet, man existiert so ein bisschen aneinander vorbei. Das hat Bella vor einiger Zeit erlebt, als sie in der Bahn neben einem Mädchen saß, das sie sehr interessant fand. "Sie hat mir den Vibe gegeben, dass wir uns gut verstehen würden. Sie hatte aber ihre AirPods drin, und ich hatte meine AirPods drin. Ich habe dann so eine Hürde verspürt." Noch heute denkt Bella daran, dass sie gerne mit diesem Mädchen gesprochen hätte.

"Irgendwie ist da diese Hürde, dass man nicht einfach zu Leuten hingeht und mit denen redet."
Bella, ist neu in Berlin und fühlt sich manchmal einsam

Bella hat außerdem das Gefühl, dass manche Menschen sie ganz bewusst nicht in ihren Freundeskreis hineinlassen: "Ich habe das Gefühl, Leute gatekeepen ihre Freunde richtig. Wenn sie ihren Freundeskreis haben und du erwischst sie mal alleine, wünschst du dir: 'Okay, nimm mich doch mal mit auf die Party, wo die anderen auch sind.' Aber es ist ganz schwer, dass dich die Leute in ihre Kreise reinlassen."

Liegt es an mir, dass ich einsam bin?

Darüber zu sprechen, dass sie sich einsam fühlt, fällt Bella auch nicht leicht. Sie empfindet es als unangenehm, sich dieses Gefühl einzugestehen und schiebt die Schuld auch schon mal auf sich: "Man hat dann auch so Gedanken: 'Vielleicht stimmt was mit mir nicht. Vielleicht bin ich nicht cool genug oder die lädt mich da jetzt nicht ein, weil ich da nicht reinpasse.'"

So einsam ist die Gen Z

Bella ist mit ihrem Gefühl der Einsamkeit nicht allein. Mehrere Studien zeigen, dass sich die jüngere Generation häufig einsam fühlt. "Unter den 16- bis 30-Jährigen fühlt sich tatsächlich knapp die Hälfte moderat einsam und zehn Prozent sogar stark einsam", sagt Pauline Kleinschlömer. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung.

Einsamkeit nach Corona-Pandemie stärker als zuvor

Neue Analysen des Instituts zeigen, wie es um die Einsamkeit in Deutschland steht. Die Zahlen beziehen sich auf das Jahr 2024 und machen deutlich: Junge Erwachsene sind einsam – aber das war nicht immer so stark ausgeprägt, sagt Pauline Kleinschlömer. Die Corona-Pandemie habe maßgeblich dazu beigetragen.

"Die Pandemie hat dafür gesorgt, dass die jüngere Generation die Altersgruppe ist, die am stärksten von Einsamkeit betroffen ist."
Dr. Pauline Kleinschlömer, wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung

Viele haben noch immer das Bild im Kopf, dass vor allem ältere Menschen einsam sind, sagt Pauline Kleinschlömer. Das sei mittlerweile jedoch nicht mehr der Fall. Fachleuten zufolge gibt es mehrere Gründe, warum sich junge Menschen einsam fühlen: Wir leben in schwierigen Zeiten, verdienen tendenziell weniger Geld, und auch der Beziehungsstatus – ob man Single ist oder nicht – hat Einfluss darauf, wie einsam man sich fühlt.

Umbrüche verlangen Jüngeren viel ab

Wer jung ist, befindet sich in der "Rushhour des Lebens", sagt Pauline Kleinschlömer, weil viele Umbrüche stattfinden, die eine ständige Anpassung erfordern. "Ich muss mich immer wieder in einer neuen Stadt einleben, neue Freundschaften schließen. Und all das führt dazu, dass diese Umbrüche den jungen Menschen sehr viel abverlangen." Ihre Wahrnehmung ist außerdem, dass die Ansprüche, die an die junge Generation gestellt werden, immer höher werden.

Wie baue ich einen neuen Freundeskreis auf?

Auch für Bella standen einige Umbrüche an. Einer davon war ihr Umzug nach Berlin. Dabei hat sie festgestellt, dass es nicht so leicht ist, sich als erwachsene Frau einen neuen Freundeskreis aufzubauen. Inzwischen ist sie jedoch auch mutiger geworden. So hat sie sich vor Kurzem mit einer Person getroffen, die sie auf Instagram kennengelernt hat: "Das war ein super Match. Und das war das erste Mal seit langer Zeit, dass ich gemerkt habe, das ist jemand, mit dem ich eine tiefgründigere Freundschaft aufbauen könnte. Und wir waren beide happy nach diesem Treffen."

Zu zweit gegen die Einsamkeit

Die beiden haben sich vorgenommen, künftig öfter gemeinsam in Berlin unterwegs zu sein. Außerdem haben sie einen „Zettel-Deal“ ausgemacht: "Wenn wir eine coole Person sehen und ihr ein Kompliment machen oder einem Typen unsere Nummer geben wollen, dann schreiben wir einen Zettel." Bella sagt, dass sie so zusammen die Einsamkeit bekämpfen wollen.

Soziale Fähigkeiten lassen sich durchaus trainieren, sagt die Kommunikationsexpertin Lili Vogelsang: "Wir sind unserem Schicksal nicht ausgeliefert, sondern jeder hat die Macht, selbst etwas für sich und andere zu tun."
"Grundsätzlich gibt es ein gewisses Set an sozialen Fähigkeiten, die uns total helfen, einfacher Freundschaften aufzubauen. Und manchmal ist es auch Kopfsache."
Lili Vogelsang, Kommunikationsexpertin und Autorin

Lili Vogelsang hat sich zur Aufgabe gemacht, Menschen dabei zu unterstützen, neue Freunde zu finden. Aber was braucht es dafür? Eine Studie hat untersucht, welche Kinder in der Schule und im Kindergarten besonders beliebt sind. "Und das waren vor allem die Kinder, die gesagt haben, dass sie ganz, ganz viele andere Menschen in der Schule oder im Kindergarten mögen", sagt die Kommunikationsexpertin. Oft helfe es also schon, Freunde zu finden, wenn wir einfach die Grundeinstellung haben, dass wir andere Menschen mögen.

Positives Mindset hilft, Freundschaften aufzubauen

In der Wissenschaft spricht man dabei von Social-Self-Efficacy, erklärt Lili Vogelsang. "Das bedeutet, wenn man das Gefühl hat, gut in Gesprächen zu sein und Beziehungen aufzubauen, spiegelt sich das auch wirklich in der Realität wider."

Die Kommunikationsexpertin rät dazu, in Situationen, in denen man Freundschaften aufbauen möchte, ein positives Mindset zu haben: "Sich einfach immer wieder vorzustellen: 'Hey, die andere Person wird mich schon mögen. Ich bin ein toller, wertvoller Mensch.' Und dann geht man mit einer ganz anderen Haltung in das Gespräch."

Orte, an denen wir Freunde finden

Es gibt auch bestimmte Orte, an denen wir eher neue Freunde und Freundinnen finden, sagt die Kommunikationsexpertin. Es sind Orte, an denen wir uns einfach gerne aufhalten. Lili Vogelsang spricht dabei vom Ähnlichkeitseffekt, auch bekannt als Similarity-Attraction-Effect. Dieser beschreibt die Tendenz, dass wir uns zu Menschen hingezogen fühlen, die uns ähnlich sind.

"Wenn man regelmäßig an Orte geht, die einem sowieso Freude bringen – ob das der Sport ist oder der Sprachkurs –da ist es am einfachsten, Menschen zu finden, die wirklich zu einem passen."
Lili Vogelsang, Kommunikationsexpertin und Autorin

Wenn wir spontan jemanden im Alltag kennenlernen – zum Beispiel, weil gerade die Bahn ausgefallen ist – gibt es einige hilfreiche Tipps, um mit dieser Person tiefer ins Gespräch zu kommen. "Man teilt gerade eine Situation, und das fühlt sich verbindend an. Dann sollte man aber auch ein bisschen tiefer gehen und die Person Dinge fragen, um herauszufinden, ob das eine Momentaufnahme ist oder ob man sich auch für die gleichen Dinge interessiert und begeistern kann", so Lili Vogelsang.

Sei interessiert und nicht interessant

Die Kommunikationsexpertin rät dazu, eher Interesse an der anderen Person zu zeigen, statt zunächst verstärkt über sich selbst zu sprechen. Wenn man dann feststellt, dass es gut passt und man gerne mit dieser Person befreundet wäre, sollte man mutig sein und nach ihrem Kontakt fragen oder vielleicht auch schon ein konkretes Treffen ausmachen.

Wenn bereits eine Freundschaft besteht und man diese vertiefen möchte, hilft es, sich weiter zu öffnen und verletzlich zu zeigen, sagt Lili Vogelsang.
"Der erste Schritt ist, sich verletzlich voreinander zu zeigen. Das heißt, dass man mit der anderen Person immer mehr teilt, was innerlich in einem vorgeht."
Lili Vogelsang, Kommunikationsexpertin und Autorin

Dadurch könne noch tiefere Nähe entstehen. Was ebenfalls verbindet, seien geteilte Erinnerungen, die über einen längeren Zeitraum entstehen und über die man sich immer wieder austauscht.

Freundschaft brauche aber auch einfach Zeit, sagt die Kommunikationsexpertin. "Es braucht ungefähr 50 Stunden, um mit einer Person befreundet zu sein, und etwa 200 für eine tiefe Beziehung. Das ist die Benchmark aus der Wissenschaft. Und ich glaube, da darf man einfach geduldig sein und dem Ganzen ein bisschen Zeit geben."

Hinweis: Auf unserem Titelbild ist nicht Bella zu sehen, es handelt sich um ein Symbolbild.