Finanzielle FreiheitMit vierzig in Rente – geht das?
In den ersten Berufsjahren krass sparen und investieren, um möglichst früh finanziell unabhängig zu sein. Das zumindest ist die Idee hinter Financial Independence, Retire Early (FIRE). Ob das wirklich funktioniert?
Mit Ende 30 nicht mehr arbeiten müssen – das klingt verlockend. Der Weg dorthin ist allerdings anspruchsvoll. Denn wer FI/RE erreichen will, muss meist einen großen Teil seines Einkommens sparen, erklärt Deutschlandfunk-Nova-Reporter Felix Feldmann: "FI/RE-Anhänger empfehlen, mindestens die Hälfte des Nettogehalts zur Seite zu legen und anzulegen – meist in ETFs. Denn für den frühen Ruhestand braucht man ein großes Vermögen. Die Faustregel lautet: das 25-Fache der jährlichen Ausgaben."
Sparen, sparen, sparen
Christian ist 25 und arbeitet in einer Nachhaltigkeitsberatung. Er möchte den FI/RE-Weg konsequent verfolgen – und mit dem Sparen hat er kein Problem. Teure Kleidung, kostspielige Ausflüge oder häufige Restaurantbesuche sind ihm derzeit nicht besonders wichtig: "Das ist für mich völlig in Ordnung. Man kann schließlich auch einfach mit Freunden im Park etwas unternehmen. Das wird sich mit der Zeit sicherlich ändern – aber bis dahin steigt hoffentlich auch mein Gehalt."
"Ich gebe wenig Geld für Klamotten, Erlebnisse und schönes Essen aus."
Damit Christians FI/RE-Plan aufgeht, muss sein Gehalt in Zukunft auf jeden Fall noch steigen. Aktuell bleiben ihm nach eigenen Angaben monatlich etwas mehr als 2.200 Euro netto übrig. Davon spart er 550 Euro. "Ich versuche, eine Sparquote von 20 Prozent zu halten. Ehrlich gesagt ist das auch das Maximum, zu dem ich bereit wäre. Viel mehr geht da nicht", sagt Christian.
Christians Ziel ist es, mit 50 Jahren in Rente zu gehen. Um seine geplanten Ausgaben langfristig finanzieren zu können, müsste er dafür rund eine Million Euro ansparen.
Wenn der FI/RE-Plan aufgeht
Flo ist 39 und vergangenes Jahr in Rente gegangen. Er kommt aus der Softwareentwicklung und hat dort knapp zwölf Jahre gearbeitet. Zuletzt verdiente er rund 6.000 Euro brutto im Monat.
Seine Ausgaben hätten sich seit dem Studium kaum verändert, sagt Flo. Deshalb falle ihm das Sparen leicht: "Ein großer Fernseher oder ein teures Auto geben mir keine nachhaltige persönliche Befriedigung. Mir ist die Freiheit einfach viel mehr wert." Mit Freiheit meint Flo, jederzeit seinen Job kündigen zu können, wenn ihm die Arbeit keine Freude mehr macht.
"Viele Sachen sind mir das Geld einfach nicht wert. Und dadurch ergibt sich bei mir eine relativ hohe Sparquote."
Flo sagt, dass er mit monatlichen Ausgaben von rund 2.000 Euro auskommt. Damit hat er es sogar geschafft, die vergangenen beiden Winter auf den Kanaren in Spanien zu verbringen. "Dann fragen die Leute immer: 'Wie geht das?' Ganz einfach: Ich wohne dort in meinem Camper und muss außer fürs Essen praktisch nichts bezahlen", erzählt er.
In Deutschland hat Flo ebenfalls keine eigene Wohnung, sondern lebt in einem WG-Zimmer. Mehr brauche er nicht, sagt er.
Beim Sparen auch die Inflation im Blick haben
Wer so früh wie Flo in Rente gehen möchte, braucht ein überdurchschnittlich gutes Einkommen. "Wenn ich mit Ende 20 bei den Ausgaben von Flo mit 40 in Rente gehen wollte, müsste ich jeden Monat 2.000 Euro zurücklegen", sagt unser Reporter. Idealerweise müsste er sogar noch mehr sparen, um die Auswirkungen der Inflation auszugleichen, sagt Saidi Sulilatu, Chefredakteur von Finanztip.
Globale Krisen hält der Finanzexperte dagegen für eher zweitrangig.
"Ich würde das von globalen Entwicklungen relativ unabhängig sehen. Denn die Basis dahinter ist das, was wir den allermeisten für die grundsätzliche Altersvorsorge empfehlen: ein weltweites Investment über Aktien und ETFs."
Wer FI/RE anstrebt, sollte sich auch darüber im Klaren sein: Es prägt das ganze Leben. Deshalb sollte man sich fragen, ob die Partnerin oder der Partner diesen Weg mitgeht und wie es um die Familienplanung steht.
Außerdem gilt: Je später du in die FI/RE-Rente gehen möchtest, desto realistischer und einfacher wird dieses Ziel, sagt unser Reporter. "Noch ein anderer Gedanke: Selbst wenn du FI/RE irgendwann über den Haufen wirfst, hast du trotzdem eine Menge gespart", findet Felix Feldmann.