FitnesstrackerWie viel sollten wir über unseren Körper wissen?
Schlaf, Fitness oder Kalorienverbrauch: Timon ist großer Fan von Gadgets, mit denen er sich tracken kann. Aber was sagen diese Werte wirklich aus? Und machen wir unser Körpergefühl am Ende nicht zu stark von solchen Zahlen abhängig?
Timon liebt Tracker, die man am Körper trägt – auch nachts. Ihm ist es zum Beispiel wichtig zu beobachten, welche Schlafphasen er hat. Auch beim Joggen oder Schwimmen trackt er sich. Anfangs mit einer Uhr, die ihm irgendwann aber zu klobig wurde.
Auch ein Fitnessband ohne Bildschirm hat er mal ausprobiert. "Das hat den Vorteil, dass man mehr Datenpunkte hat, aber den Nachteil, dass man keinen Screen hat. Also man kann dann nicht genau sehen, wie viele Meter man geschwommen ist."
Die Suche nach dem perfekten Fitnesstracker
Auch einen Fitnessring hat Timon schon getestet. Für ihn ist er ein eleganter Tracker, bietet aber weniger Mehrwert als andere Geräte. Das perfekte Wearable hat Timon noch nicht gefunden. Er sucht zum Beispiel nach einer Lösung, nachts nichts am Körper tragen zu müssen und trotzdem seinen Schlaf zu tracken. Deshalb will er jetzt eine neue Technologie testen, auf die er vor Kurzem gestoßen ist: "Das kann man sich vorstellen wie eine Art Luftpolsterfolie, die man unter die Matratze legt. Und damit kann man den Schlaf tracken."
"Für mich muss es dahin gehen, dass man nicht mehr aktiv trackt, sondern eher passiv."
Timon erklärt, dass seine Motivation fürs Tracken aus seiner hohen Arbeitsbelastung kommt: "Ich habe viele Ideen, die ich gerne umsetzen möchte. Und dann hilft es, wenn man eine 9 von 10 schläft oder sich generell gut fühlt, gut regeneriert und auch schnell regeneriert."
Er findet, Tracker können helfen, besser auf sich zu achten, wenn man etwa den Schlaf konkret im Blick hat. Skeptischer ist Timon dagegen bei Trackern, die das Stresslevel messen. Da sollte man sich eher auf das eigene Gefühl verlassen, findet er.
Vorsicht bei Stressdaten, die Wearables liefern
Auch Can Dincer, Professor für "Sensors and Wearables for Healthcare" an der TU München, rät bei diesen Daten zur Vorsicht, da Wearables hier noch sehr unzuverlässig und ungenau sind. Das hat er sogar selbst erlebt: "Ich teste für eine Studie verschiedene Ringe. An einem Tag war ich innerlich gestresst von der Arbeit, habe mich aber nicht bewegt und nur ruhig gesessen. Und der Tracker hat den ganzen Tag gesagt: Du fühlst dich gerade ganz, ganz entspannt."
Tracker messen entscheidende Werte nicht
Can Dincer meint, für aussagekräftige Messungen brauche es nicht nur physikalische Werte, die solche Wearables erfassen, sondern auch biochemische Daten. Das heißt: Man müsste zum Beispiel das Stresshormon Cortisol messen. Das geht bislang aber nur über verschiedene Tests, etwa mit Speichel, Blut oder Urin.
Laut Can Dincer bedeutet das jedoch nicht, dass solche Tracker gar nicht nützlich sind. Auch wenn sie keine exakten Daten liefern, lasse sich durch die Langzeitüberwachung eine Tendenz erkennen. Und langfristig werden Wearables vermutlich immer besser, prognostiziert er.Wie viel dürfen Wearables vorschreiben?
Für Timon ist es wichtig, dass solche Tracker keinen zu großen Einfluss auf sein Leben haben. "Ich gehe um acht Uhr abends schlafen und habe dadurch keine sozialen Kontakte mehr – das fände ich übertrieben. Ein Tracker sollte eher dabei helfen, besser zu regenerieren, aber nicht das Leben diktieren."
Technologie, die (immer noch) begeistert
Durch das Tracken hat er zum Beispiel herausgefunden, dass sich später Kaffeekonsum negativ auf seinen Schlaf auswirkt. Für ihn gilt deshalb inzwischen: Nach 14 Uhr trinkt er keinen Kaffee mehr. Timon ist nach wie vor begeistert von der Technologie rund um Wearables: "Ich finde diese Technologie grundsätzlich super – dass Dinge, die früher nur im Labor möglich waren, jetzt plötzlich zu Hause oder sogar dauerhaft gemessen werden können."
"Es ist ein Werkzeug, das man für sich nutzen kann – aber nicht muss."
Er findet allerdings auch, dass es bei den Modellen irgendwann eine Stagnation gab: "Die Wearables haben sich nicht wirklich weiterentwickelt und es wird immer dasselbe, nur in unterschiedlichen Formen, getrackt. Da würde ich mir wünschen, dass man irgendwann bessere und mehr Einblicke in den Körper bekommt."
Kein Drang ständig Daten zu checken
Timon trauert auch nicht den Zeiten hinterher, als es die Technologie noch nicht gab. Er hat aber auch nicht das Gefühl, davon abhängig zu sein: "Man kann jederzeit sagen: Ich mache das jetzt gerade nicht mehr. Ich schaue mir die Daten heute vielleicht auch einfach mal nicht an."
Wann Fitnesstracker schaden (können)
Die Psychologin Vivien Suchert findet Fitnesstracker grundsätzlich gut, weil sie helfen, konkrete Ziele zu erreichen und den eigenen Körper besser kennenzulernen. "Sei es, dass ich fitter werden, abnehmen, besser schlafen oder weniger Stress haben will – in der Psychologie ist das eine gut erforschte Methode, um Verhalten zu ändern."
Fachleute sprechen dabei von Self-Monitoring, also davon, Feedback über das eigene Verhalten einzuholen, erklärt die Psychologin. "So können wir unser Verhalten viel kleinschrittiger anpassen." Gleichzeitig warnt sie vor zu viel Kontrolle und dauerhaftem Tracking, weil dadurch das Gefühl für den eigenen Körper verloren gehen kann.
"Die Uhr sagt, du musst noch weiter rennen, sonst erreichst du deine Zielleistung nicht – aber du fühlst dich total erschöpft und kannst nicht so viel geben. Dann wird es, finde ich, gefährlich."
Dass Menschen sich so stark auf Technik verlassen, liegt der Psychologin zufolge daran, dass Zahlen und Daten eine gewisse Wahrheit und Objektivität vermitteln. "Wenn wir in Zahlen denken, glauben wir, das muss stimmen. Und es ist nicht durch meine eigene Wahrnehmung verzerrt. Das macht es, glaube ich, auch so gefährlich."
Die Reißleine ziehen, wenn das Tracken stressig wird
Dabei sind die Daten von Fitnesstrackern, besonders beim Kalorienzählen, sehr fehleranfällig, sagt Vivien Suchert. Das liege daran, dass die Berechnungen oft auf Durchschnittswerten beruhen. Deshalb rät sie Nutzerinnen und Nutzern solcher Geräte, sich genauer damit auseinanderzusetzen, was gemessen wird und wie sich die Werte einordnen lassen.