Gegen PutinWarum Deutschland Panzergräben baut

Sie errichten Wehranlagen gegen die russische Armee: Auch deutsche Soldaten befestigen die polnische Ostgrenze. Leutnant Aimee ist dabei. Sie sagt: Das ist keine Übung. Worauf bereitet sich die NATO dort vor? Und wie real ist ein russischer Angriff?

Wer Frieden will, muss den Krieg vorbereiten – Nach diesem Motto verstärken die europäischen NATO‑Mitglieder die Ostgrenzen. Denn spätestens seit Russland nach der Krim-Annektion 2014 den Angriff auf die Ukraine 2022 ausgeweitet hat, ist deutlich, was es heißen kann, wenn Russland Panzer an eine Grenze rückt und angreift.

"Das ist natürlich ein sehr spannender Auftrag, also es ist nichts Alltägliches."
Aimee, Leutnant der Bundeswehr über ihren Einsatz in Ostpolen

Im Norden und Osten Polens, wo das Land direkt an die russische Exklave Kaliningrad und Belarus grenzt, wird deshalb gebaut: ein Graben, der Polen und die NATO vor Panzern schützen soll. Eastern Shield (auf Polnisch: Tarcza Wschód) heißt diese östliche Verteidigungslinie. Künftig soll sie hunderte Kilometer lang sein.

An der Mission Eastern Shield sind auch rund 40 Bundeswehrsoldat*innen beteiligt. Eine davon: Aimee. Sie ist Leutnant der Bundeswehr und seit Ende Juni Zugführerin bei der Mission.

Ein Graben und Beton-Hedgehogs

Aimee hat sich freiwillig für den Bundeswehreinsatz in Polen gemeldet. "Das ist endlich mal keine Übung", sagt sie, "sondern man kann wirklich das, was man geübt hat, einen fachlichen Auftrag, auch real mal machen".

Die Soldatin ist dabei wesentlich an zwei Aufgaben beteiligt:

  • Errichten eines Panzergrabens
  • Verlegen sogenannter Hedgehogs aus Beton

Diese Hedgehogs werden auf Deutsch auch Panzerigel genannt und sind große und schwere Tetrapoden, also quasi vierbeinige Strukturen, die in diesem Fall aus Beton bestehen und in mehreren Reihen aufgebaut ein Hindernis bilden können (siehe auch Artikel-Bild).

Tetrapoden werden militärisch aber auch wie hier im Küstenschutz eingesetzt.

Beide Elemente zusammen, der Graben und die Panzerigel, ergeben ein Hindernis, das von Fahrzeugen nicht ohne Weiteres überwunden werden kann. Grundsätzlich ist es schon schwierig für einen Panzer, durch den Panzerabwehrgraben zu kommen, weil er einen bestimmten Neigungswinkel hat, erklärt Leutnant Aimee. Durch die Hedgehog-Reihen komme er dann erst recht nicht durch.

So eine Schutzlinie zu bauen, ist schwere Arbeit. Aimees Einheit hat am Ende mehr als einen Kilometer davon angelegt – und darauf ist sie stolz. Sie hat das gute Gefühl, etwas mitgebaut zu haben, das Deutschland und auch Polen hilft.

Russlands Motive verstehen

Gustav Gressel teilt diese Ansicht. Er ist Politikwissenschaftler und arbeitet für die Landesverteidigungsakademie Wien. "Es ist gut, dass man das gemeinsam macht, ein gutes Symbol zwischen zwei Alliierten", findet er.

Gustav Gressel beobachtet den offenen Krieg Russlands gegen die Ukraine ebenso wie die seit Jahren andauernden verdeckten Angriffe des Putin-Regimes auf jene europäischen Staaten, die die Ukraine unterstützen.

"Man will die gegenwärtige Ordnung Europas rückabwickeln, eine Ordnung schaffen, in der die Sicherheitsbeziehungen bilateral auf Moskau ausgerichtet sind."
Gustav Gressel, Politikwissenschaftler, über die Ziele Russlands

Um die Frage zu beantworten, wie groß die Bedrohung ist, die von Russland ausgeht, müsse man sich erstmal klar machen, was Russland überhaupt erreichen will. Nämlich, so glaubt er: die Ordnung Europas zerrütten.

Und wie? Moskau versuche, politische Schwäche der Nato auszunutzen, um einen einzelnen oder mehrere einzelne Mitgliedsstaaten anzugreifen. Die Message: "Hilfe kommt nicht oder nicht ausreichend. Die Solidarität bringt nichts. Und bevor ihr die gleiche Behandlung erfahrt, entscheidet euch lieber dafür, aus EU und NATO auszutreten und mit Russland ein Bündnis oder einen Freundschafts- und Kooperationsvertrag zu schließen."

Russlands Strategie: EU und NATO spalten

Heißt übersetzt: Indem Russland einzelne Länder unter Druck setze, wolle es die NATO‑Länder auseinanderdividieren, um sie zu schwächen, an sich zu binden und so seine Macht auszubauen. Und wenn diese Erklärung zutrifft, dann sind Gemeinschaftsprojekte wie etwa die Eastern-Shield-Mission eben eine gute Sache – auch über den praktischen Nutzen eines solchen Walls hinaus.

Nun hat Russland allerdings mehr als Panzer – vor allem Drohnen und Raketen bestimmen den Krieg gegen die Ukraine derzeit. Was also ist dieser rein praktische Nutzen? "Der Graben ist nicht das Allheilmittel, aber er hilft, sich gewisse Probleme vom Hals zu halten", sagt Gustav Gressel.

"Dieses Element Sperre, das ist eines unter vielen in diesem Abwehrkampf."
Gustav Gressel, Politikwissenschaftler, Landesverteidigungsakademie Wien

Natürlich kämen da auch einzelne Soldaten durch, ohne Hindernisse wären es aber ganze gepanzerte Einheiten. Und um einen Kampfpanzer auszuschalten, brauche es etwa 30 bis 40 Drohnen, erklärt er. Er sagt aber auch auch: "Man muss jenseits dieser Sperren auch andere Vorbereitungen treffen." Welche, das erzählt er im Podcast.