Gewalt in der BahnWenn die Fahrkartenkontrolle lebensgefährlich wird

Fahrkartenkontrolle, Diskussion, Eskalation. Nach dem tödlichen Angriff auf einen Zugbegleiter verspricht die Deutsche Bahn mehr Schutz. 3.200 Übergriffe im Jahr zeigen: Gewalt ist kein Einzelfall. Aber helfen Bodycams und neue Regeln wirklich?

Der Tod des Zugbegleiters Serkan Çağlar Anfang Februar hat viele erschüttert. Für Bahnmitarbeitende ist Gewalt jedoch kein neues Phänomen. 2014 wurden rund 1.500 Übergriffe erfasst, zehn Jahre später sind es mehr als doppelt so viele. Besonders bei Fahrscheinkontrollen eskaliert es.

Lukas Küfner arbeitet bei der Deutschen Bahn und ist Jugendvertreter im Bundesvorstand der EVG. Außerdem kandidiert er für die Linke im Stadtrat in Augsburg. Er berichtet von einem Klima der Unsicherheit.

"Aktuell gehen wir mit einem sehr, sehr bedrückenden, negativen Gefühl auf die Arbeit."
Lukas Küfner, Jugendvertreter im Bundesvorstand der EVG

Viele Kolleginnen und Kollegen würden momentan mit Angst zur Arbeit gehen, sagt Lukas Küfner. Ihr Gefühl: Jederzeit könne wieder etwas passieren, wenn keine wirksamen Maßnahmen ergriffen werden. Auch er selbst hat Übergriffe erlebt, erzählt er.

"Ich persönlich habe es erlebt, dass mir ein EC-Bezahlungsgerät am Kopf vorbeigeflogen ist."
Lukas Küfner, Jugendvertreter im Bundesvorstand der EVG

Solche Situationen seien längst keine Einzelfälle mehr. Küfner beschreibt Schubsen, Spucken und Beleidigungen als Teil des Arbeitsalltags. Besonders Alkohol und Streit um Tickets führten häufig zu Eskalationen.

Mehr Personal, mehr Bodycams – reicht das?

Nach dem Sicherheitsgipfel Mitte Februar kündigte die Bahn zusätzliche Maßnahmen an. DB-Chefin Evelyn Palla betonte den Handlungsdruck.

"Wir müssen in den Spiegel schauen und sagen können: Wir haben alles dafür getan, um den Schutz unserer Kolleginnen und Kollegen zu gewährleisten."
Evelyn Palla, Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bahn AG

Die Bahn plant 200 zusätzliche Stellen bei der DB Sicherheit, Bodycams für Mitarbeitende mit Kundenkontakt und flexiblere Regeln bei der Ausweiskontrolle beim Deutschlandticket. Ziel ist es, Eskalationen zu vermeiden.

Die Journalistin und Verkehrsexpertin Nadine Lindner ordnet die geplanten Schritte ein.

"Man kämpft gesellschaftlich gegen ein gewisses Verrohungs- und Aggressionspotenzial, und die Bahn kämpft natürlich auch mit Dingen, die wiederum Aggression fördern."
Nadine Lindner, Journalistin im DLF-Hauptstadtstudio Berlin

Pünktlichkeitswerte wie auch Zuverlässigkeit der Deutschen Bahn sind derzeit sehr schlecht, sagt Nadine Lindner. Die Lage wirke katastrophal. Vor der seit dem 1. Oktober 2025 amtierenden Bahnchefin Evelyn Palla liege noch viel Arbeit.

Auch beim Management der Sanierungen und der sogenannten Generalsanierung gebe es erhebliche Probleme, etwa auf der Strecke Hamburg - Berlin. Aus Lindners Sicht kommt derzeit Vieles zusammen.

"Mein Eindruck ist: Der große Wurf ist das noch nicht."
Nadine Lindner, Journalistin im DLF-Hauptstadtstudio Berlin

Der Bahnverkehr sei dezentral organisiert, mit mehr als 5.500 Bahnhöfen und Haltepunkten, an denen täglich zahlreiche Fahrgäste und Mitarbeitende unterwegs seien. Zwar nehme sie wahr, dass ein Problembewusstsein vorhanden sei – zugleich rechne sie aber nicht damit, dass nun auch schnell Maßnahmen in ausreichender Breite und Tragweite umgesetzt würden.

Für Nadine Linder ist der Sicherheitsgipfel "noch nicht der große Wurf".

Doppelbesetzung als Schlüssel?

Auch für Lukas Küfner reicht das Maßnahmenpaket nicht aus. Seit Jahren fordern Gewerkschafter eine Doppelbesetzung in Zügen.

"Eine Doppelbesetzung schützt schon von vornherein bei alkoholisierten, aggressiven Personen."
Lukas Küfner, Jugendvertreter im Bundesvorstand der EVG

Er macht deutlich, dass Kolleginnen und Kollegen sich sicherer fühlten, wenn sie nicht allein im Dienst wären – gerade nachts oder in ländlichen Regionen. Zwei Mitarbeitende könnten präventiv wirken, weil potenzielle Angreifer Hemmungen hätten. "Denn die überlegen sich dann vielleicht doppelt oder dreifach, lasse ich das jetzt oder eskaliere ich doch?"

Auch Bodycams befürwortet er. Sie können abschreckend wirken und Betroffenen helfen, Übergriffe juristisch nachzuweisen, so Lukas Küfner.

"Bodycams sind präventiv sinnvoll. Entscheidend ist halt: Für alles, was auf dem Rechtsweg durchgesetzt werden muss, muss es auch Beweise geben."
Lukas Küfner, Jugendvertreter im Bundesvorstand der EVG

Ob die angekündigten Schritte ausreichen, bleibt offen. Klar ist: Gewalt gegen Bahnpersonal ist kein Randproblem mehr. Die Diskussion über Sicherheit im Zugverkehr wird die Politik weiter beschäftigen – spätestens bei der nächsten Ministerpräsidentenkonferenz.