Gewalt in MexikoWas passiert nach dem Tod von "El Mencho"?
Sicherheitskräfte töten den meistgesuchten Mann Mexikos: Drogenboss "El Mencho". Sein Kartell antwortet brutal: mit Gewalt, Straßensperren und Anschlägen. Bekommt die Regierung die Lage in den Griff – auch im Hinblick auf die Fußball-WM 2026?
Im Bundesstaat Jalisco stürmt die mexikanische Armee am Sonntag (22.02.2026) ein Anwesen. Ihr Ziel: El Mencho, Anführer des Cártel Jalisco Nueva Generación (CJNG) und einer der mächtigsten und einflussreichsten Menschen des Landes.
Ein Angriff und seine Folgen
El Mencho und sein Sicherheitsteam können zunächst in einen angrenzenden Wald fliehen. Später wird der Gesuchte schwer verletzt und stirbt während eines Hubschrauberflugs ins Krankenhaus. Kurz darauf eskaliert die Lage im Land. Das Kartell geht mit höchster Brutalität vor: Blockaden, Brandanschläge, Gewalt. Mindestens 60 Menschen sterben.
"Das ist eine unverhohlene Machtdemonstration des Kartells."
Sandra Weiß ist Journalistin und lebt seit 15 Jahren in Mexiko. Zum Zeitpunkt der Eskalation ist sie auf Recherchereise im Südosten des Landes. Dort ist sie nicht direkt betroffen oder bedroht, doch auch in diesem Landesteil gibt es Blockaden, berichtet sie.
"Solche Narco-Blockaden kennt man in Mexiko", sagt Sandra Weiß. Doch das jetzige Ausmaß sei neu, "normalerweise beschränkt sich das auf ein oder zwei Bundesstaaten, aber gleichzeitig in zwanzig Bundesstaaten, das hat es noch nie gegeben." Inzwischen beruhigt sich die Lage langsam, Schulen öffnen wieder, Menschen gehen zurück zur Arbeit. Doch die Unsicherheit, wie es in Mexiko weitergeht, bleibt.
"Narco-Blockaden, wie sie in Mexiko heißen, passieren immer wieder. Doch an so vielen unterschiedlichen Stellen wie jetzt hat es sie vorher noch nie gegeben."
Wer war El Mencho?
Um das Ausmaß der Eskalation nachvollziehen zu können, hilft es, sich das Machtimperium des Kartells anzuschauen und seinen Anführer: El Mencho. Deutschlandfunk-Nova-Reporterin Anne-Katrin Eutin stellt ihn vor: Nemesio Oseguera Cervantes, wie El Mencho mit bürgerlichem Namen hieß, wächst in den 1960er Jahren in ärmlichen Verhältnissen auf. Die Grundschule macht er nicht zu Ende, sondern arbeitet auf Avocado-Feldern, später auf Marihuana-Plantagen. In den 1980ern reist er illegal nach Kalifornien ein, wird mehrfach verhaftet, sitzt in Texas im Gefängnis und wird schließlich abgeschoben.
Zurück in Mexiko arbeitet er kurzzeitig als Polizist, danach steigt er im organisierten Verbrechen auf. Er heiratet in Kartellkreise ein und gründet schließlich das Cártel Jalisco Nueva Generación (CJNG).
"Bei den Kartellen handelt es sich nicht um Gruppen, die mit Drogen dealen. Es sind diversifizierte kriminelle Unternehmen, die überall ihre Finger drin haben."
"Er war nicht im moralischen, aber im organisatorischen und finanziellen Sinne sehr erfolgreich", sagt Anne-Katrin Eutin. Und so baute er in wenigen Jahren eines der mächtigsten Kartelle Mexikos auf, mit geschätzten Einnahmen von rund 20 Milliarden Dollar. Die militärischen Strukturen, schwere Waffen, sogar Raketenwerfer werden durch den Handel von Kokain, Heroin, Methamphetamin und Fentanyl finanziert, aber auch durch Menschen- und Waffenhandel, Erpressung und Schutzgelder.
Kontrolle des Staates? Kaum jemand glaubt daran
Die mexikanische Regierung stellt den Tod El Menchos als Erfolg im Kampf gegen die Kartelle dar. Vor allem die USA haben jahrelang Druck gemacht und hohe Belohnungen auf El Mencho ausgesetzt. Gleichzeitig versucht Präsidentin Claudia Sheinbaum die Bevölkerung zu beruhigen. "Doch jeder weiß, dass das Rhetorik ist", sagt Sandra Weiß, "die Erfahrung zeigt: Wird ein Kartellboss getötet, folgt oft mehr Gewalt aufgrund von Nachfolgekämpfen oder eines Machtvakuums."
"Der Staat und das organisierte Verbrechen lassen sich vielerorts kaum trennen."
Schätzungen zufolge sind Kartelle inzwischen der fünftgrößte Arbeitgeber Mexikos, so die Journalistin. Sie sollen rund ein Drittel der Landesfläche kontrollieren und Politiker*innen beeinflussen. Ihre Netzwerke seien riesig von Landwirtschaft und Bergbau über Prostitution bis zu Online-Scams.
Mexiko zwischen Machtkampf und Fußball-WM
Wie es weitergeht, ist schwer zu sagen, sagt Sandra Weiß. Es hänge von mehreren Faktoren ab: Gibt es einen designierten Nachfolger El Menchos? Kommt es zu internen Kämpfen? Und ändert die Regierung ihre Strategie? Bisher habe sie auf die sogenannte Kingpin-Jagd gesetzt, also den König oder besser gesagt Anführer zu kappen. Doch das sei wenig aussichtsreich, so Sandra Weiß, vielmehr würde es zu brutaleren Machtkämpfen und Gewaltausbrüchen führen.
Laut Einschätzungen von Expert*innen wäre ein anderer Weg zielführender, sagt die Journalistin: Die Geldwäsche- und Finanznetzwerke der Kartelle müssten ausgetrocknet werden. Damit würde ihre Möglichkeit versiegelt, weiter Waffen zu kaufen und Mitglieder zu rekrutieren.
Zunächst rechnet Sandra Weiß jedoch damit, "dass eine Art inoffizielle Waffenruhe eintritt". Als Grund nennt sie die im Sommer 2026 stattfindende Fußball-WM. Mexiko ist neben den USA und Kanada ein Austragungsland. "Mexiko und die USA wollen friedliche Spiele", sagt Sandra Weiß. Und die Kartelle? "Die haben wenig Interesse an einem offenen Krieg", erklärt Sandra Weiß, "das stört ihr Geschäft." Außerdem gebe es ihnen Zeit, sich intern neu zu sortieren.