Hass im NetzSo will die EU uns vor digitaler Gewalt schützen

Die EU startet einen Aktionsplan gegen Cybermobbing: klare Regeln, stärkere Schutzmechanismen, bessere Alterskontrollen. Was kann das bringen und was sagen Betroffene dazu?

Wenn Norman Fotos von sich und seinem Freund postet, macht er sich darauf gefasst, was sehr wahrscheinlich folgen wird: queerfeindliche Kommentare, Beleidigungen. Doch der Hate taucht nicht nur dann auf, wenn es um seine Beziehung geht. Auch Beiträge über seine Arbeit an Schulen – dort klärt Norman über Mobbing und Cybermobbing auf – werden angegriffen.

Posten und mit Hass rechnen müssen

Norman Wolf ist 32 und Autor mehrerer Bücher über Mobbing. Er spricht offen über seine eigenen Erfahrungen aus der Schulzeit und das, was er heute erlebt. Besonders heftig wird es, wenn seine Postings von Rechtsextremen "entdeckt werden", erzählt Norman. "Dann stürzen sich alle auf einmal drauf."

"Wenn ich etwas poste, das mit Queerness zu tun hat, kann ich mir sicher sein, dass da jemand 'Schwuchtel' oder 'ekelhaft' drunter schreibt."
Norman, postet über Queerness und Mobbing

Auch Thea macht regelmäßig Erfahrung mit Cybermobbing. Die 26-Jährige ist auf Instagram als Thea Dana aktiv, spricht dort über Dating, Beziehungen und Sexualität. Sie bekommt oft beleidigende Kommentare wegen ihrer kurzen blondierten Haare, aber auch ihr Sexleben bietet vielen eine Angriffsfläche.

"Mir wird in Kommentaren unterstellt, ich sei eine Schlampe oder schuld daran, dass Männer heute nicht mehr beziehungsfähig sind."
Thea postet auf Instagram über Dating, Beziehungen und Sexualität

Viele, die auf Social Media aktiv sind, machen Erfahrungen wie Norman und Thea. Laut EU-Kommission war oder ist jede*r sechste Jugendliche in Europa schon einmal von Cybermobbing betroffen. Jede*r Achte gibt sogar an, selbst schon daran beteiligt gewesen zu sein.

Der Versuch, Cybermobbing juristisch festzuschreiben

Genau hier setzt ein neuer Aktionsplan der EU an. Die Kommission will Cybermobbing stärker bekämpfen, unter anderem mit:

  • einer EU-weiten Melde-App für Betroffene
  • einheitlichen nationalen Strategien gegen Cybermobbing
  • mehr Präventions- und Aufklärungsarbeit

Auslöser für diesen Plan war ein Fall aus Irland, berichtet ARD-Korrespondentin Kathrin Schmid. Im Jahr 2018 hatte sich eine 21-Jährige das Leben genommen, nachdem sie drei Jahre lang online gemobbt worden war. Ihre Mutter kämpfte danach öffentlich für strengere Gesetze. Damit hatte sie Erfolg: In Irland ist Cybermobbing seit 2021 strafbar. "Dieser Fall hat das Thema auf EU-Ebene überhaupt erst richtig ins Rollen gebracht", fasst die Korrespondentin zusammen.

"Die EU will erstmals einheitlich festlegen, was Cybermobbing überhaupt ist", erklärt Kathrin Schmid. Das reicht von unerwünschtem angechattetwerden über systematische Beleidigungen bis hin zur Veröffentlichung bloßstellender Fotos oder Videos. Diese Definition soll Grundlage dafür sein, Plattformen stärker in die Pflicht zu nehmen. Im zweiten Schritt müssten die Pflichten in die europäischen Digitalgesetze, den Digital Services Act (DSA), aufgenommen werden, so die Journalistin.

Das könnte die Grundlage dafür schaffen, dass Cybermobbing strafrechtlich relevant wird. Wie das konkret umgesetzt wird, entscheidet jedoch jeder EU-Mitgliedstaat selbst. Strafrecht ist nationale Angelegenheit, Irland hat da aber schon vorgelegt.

Nichtsdestotrotz zeigt die Kontrolle der EU bereits Wirkung, sagt die Journalistin und verweist auf Tiktok, gegen das ein Verfahren wegen süchtig machender Designs geführt wird.

"Die EU ist nicht machtlos. Sie geht Schritt für Schritt vor, Plattform für Plattform – auch mit Strafandrohungen."
Kathrin Schmid, ARD-Korrespondentin

Thea und Norman: die Hater im Netz nicht gewinnen lassen

Für Norman und Thea löst der Aktionsplan das akute Problem nicht. Sie haben ihren eigenen Umgang mit Hass gefunden, der unterschiedlicher nicht sein könnte. Thea ignoriert die meisten Kommentare. Eine Morddrohung hingegen habe sie angezeigt, das Verfahren sei jedoch eingestellt worden.

Norman geht offensiver vor: Er meldet, zeigt an, antwortet auf Kommentare und Nachrichten. Der Hass erinnert ihn an vergangene Mobbingerfahrungen aus der Schulzeit. "Angst, Hilflosigkeit – viele alte Erinnerungen und Gefühle kommen zurück."

Und trotzdem oder gerade deswegen macht er weiter. Mit Schulbesuchen, Büchern und Interviews will er aufklären. "Dann kann ich aus dem, was damals passiert ist, vielleicht heute noch etwas Gutes daraus machen."