DeutschlandTschüss Auto, hallo Panzer?

Deutschland ist viertgrößter Rüstungsexporteur weltweit, Rheinmetall verkündet ein Umsatzplus von fast 30 Prozent, die Rüstungsindustrie boomt: Kann sie die schwächelnde Autobranche als Arbeitgeber ersetzen?

Während die deutsche Autoindustrie in der Krise steckt, sind die Auftragsbücher bei Herstellern aus der Rüstungsindustrie voll – bekanntestes Beispiel ist wohl die Düsseldorfer Firma Rheinmetall. In der Rüstungsbranche entstehen gerade viele neue Jobs. Von jährlich rund 10.000 Arbeitsplätzen spricht Rheinmetall-CEO Armin Papperger.

Ein Umsatzwachstum von knapp 30 Prozent verzeichnete der Konzern 2025 und noch bessere Aussichten für dieses Jahr. Das geht aus den Geschäftszahlen für 2025 von Deutschlands größtem Rüstungskonzern hervor. Während es bei den Autobauern mehr als 700.000 Beschäftigte gibt, sind es laut des Branchenverbands der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie über 130.000 direkt Beschäftigten in der Rüstungsbranche. Rheinmetall allein hat gut 44.000 Mitarbeitende.

"Ich sehe, dass die Automobilindustrie massiv einbricht und dass Technologien und Themen aus der Automobilindustrie in die Rüstungsindustrie transferiert werden."
Eva Brückner, Recruiterin für Fachkräfte in der Rüstungsindustrie

Eva Brückner wirbt vor allem Führungskräfte für Unternehmen im Verteidigungs- und Rüstungsbereich an. Sie muss jetzt deutlich mehr Stellen besetzen, berichtet sie. Je Stelle werden rund 200 bis 300 Personen kontaktiert. "Und dann geht es den Prozess durch: Wir bekommen Lebensläufe, führen klassische Jobinterviews und präsentieren beim Kunden bis hin zum Vertragsabschluss. Das ist unser Job", sagt sie.

Gehaltsmäßig liegt Autobranche vorn

Zwar seien die Spitzengehälter in der Autobranche höher, doch die Entwicklungszyklen in der Rüstungsbranche seien länger, die Stellen damit langfristig sicherer.

"Also auf der Imageseite ist es sicherlich einfacher geworden. Es gibt weniger Ressentiments gegen die Branche."
Eva Brückner, Recruiterin für Fachkräfte in der Rüstungsindustrie

Moralische Vorbehalte gegenüber der Rüstungsbranche sind unter Arbeitnehmenden seltener geworden, hat Eva Brückner beobachtet, im Gegenteil: "Wir brauchen immer purpose für unsere Mitarbeiter. Das können wir bieten, wenn jemand sagt: Ich sehe es als sinnvoll an, an Produkten zu arbeiten, die Sicherheit, Stabilität und Freiheit in Europa sichern werden."

Der Tod gehört dazu

Ihr ist bewusst, dass neben Abschreckung und Verteidigung Produkte aus der Rüstungsindustrie nicht ausschließlich guten Zwecken dienen. Sie sagt: "Alle Güter, die in dieser Industrie produziert werden, und auch wenn es Verteidigungsgüter sind, können auch zum Tod von Personen führen."

"Wenn die Militärausgaben steigen und der weltweite Waffenhandel angekurbelt wird, dann ist es auch ein Zeichen dafür, dass es um den Frieden und Sicherheit auf der Welt nicht gut steht."
Max Mutschler, Experte für Rüstungsindustrie und Waffenexporte, Mitarbeiter am Bonn International Centre for Conflict Studies (BICC)

Die boomende Rüstungsindustrie ist für Max Mutschler kein Anlass zur Freude. Er ist als wissenschaftlicher Mitarbeiter des Bonn International Centre for Conflict Studies (BICC) Experte für Rüstungsindustrie und Waffenexporte. Deutschland gehöre traditionell zu den führenden Rüstungsexporteuren. Das sei auch vor dem Krieg in der Ukraine bereits so gewesen, sagt er.

"Rüstungsgüter können eben auch eingesetzt werden, um Menschen zu unterdrücken, Menschen zu töten."
Max Mutschler, Experte für Rüstungsindustrie und Waffenexporte, Mitarbeiter am Bonn International Centre for Conflict Studies (BICC)

Er kann nicht nachvollziehen, warum die Bundesregierung Rüstungsexporte nicht restriktiver regelt. Das würde die Arbeit im Rüstungssektor attraktiver machen, eben für Menschen, die möchten, dass Waffen nur zur Verteidigung und Abschreckung eingesetzt werden. Er fragt sich, ob das Wachstum der Rüstungsindustrie denn so nachhaltig ist und nicht am Ende einfach mehr Waffen und Rüstungsgüter in Umlauf gebracht werden – eben insbesondere in den Exportmärkten.

"Wenn jetzt Kapazitäten hochgefahren werden in der Rüstungsindustrie, ist die Frage: Wie nachhaltig ist es, wenn sich nämlich die Auftragslage auch wieder ändert?"
Max Mutschler, Experte für Rüstungsindustrie und Waffenexporte, Mitarbeiter am Bonn International Centre for Conflict Studies (BICC)