Iran und LibanonWie Israelis zu Netanjahus Krieg stehen

Benjamin Netanjahu hält am Krieg gegen den Iran fest. Parallel verstärkt er die Angriffe auf den Libanon. Viele Menschen in Israel befürworten den Krieg, aber nicht den Regierungschef selbst. Wie viel Rückhalt hat Netanjahu noch?

Ofer Waldmann ist israelisch-deutscher Autor, Journalist und Leiter der Heinrich-Böll-Stiftung in Israel – eine Stiftung mit Nähe zur Partei Bündnis 90/Die Grünen. Ofer lebt in Haifa, keine 50 Kilometer Luftlinie von der Grenze zum Libanon entfernt. In dem Moment, als er das Gespräch mit Deutschlandfunk-Nova-Moderatorin Rahel Klein beginnt, bekommt er eine Warnmeldung aufs Handy und sagt, es könne jeden Moment sein, dass er schnell aufspringen und in einen Schutzraum rennen muss.

Was das konkret bedeutet? Israel wird derzeit aus zwei Richtungen beschossen: aus dem Iran und vom Libanon aus. "Wenn die Raketen aus dem Libanon kommen, hat man keine Vorwarnung. Dann hat man eine Minute oder anderthalb Minuten, um den nächsten Schutzraum aufzusuchen", sagt er. Weil der Iran etwas weiter weg ist, gibt es eine Vorwarnung aufs Handy. "Man bekommt sie – je nachdem, wo man sich befindet. Das Handy erkennt quasi die eigene Location und verschickt dementsprechend diese Vorwarnung. Dann sollte man sich in die Nähe eines Schutzraumes begeben", so Ofer.

"Die Tage sind schwierig, die Nächte sind schwieriger, die Schulen sind zu, die Kinder drehen langsam durch, aber gleichzeitig muss man sagen, man behält im Kopf: Die Menschen im Libanon oder im Iran haben keine Schutzräume."
Ofer Waldmann, Journalist und Autor

Diese Warnmeldungen und oder Raketenalarm bestimmen derzeit das Leben der Menschen in Israel: "Man misst die eigene Umgebung in der Entfernung, die man innerhalb von einer Minute oder anderthalb Minuten zurücklegt, um den nächsten Schutzraum aufzusuchen." – Ofer hat schon mehrmals mit Deutschlandfunk Nova gesprochen. Er sagt, das Frustrierendste sei, dass er vor ungefähr einem Jahr exakt die gleichen Dinge gesagt habe. "Wie oft stand man in Israel und hat gehört, das war jetzt der endgültige Sieg und das wird jetzt Jahre beziehungsweise Jahrzehnte Ruhe und Frieden bringen. Und dann befindet man sich innerhalb eines Jahres wieder im Schutzraum", sagt Ofer.

Er fragt sich: "Gibt es einen politischen Horizont, der wirklich dieser endlosen Kette von Kriegen ein Ende setzen soll? Ist die Regierung daran interessiert?"

Wie sehr nützt der Krieg Benjamin Netanjahu?

Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hat gerade im Fernsehen verkündet, es werde vielleicht ein bisschen dauern, aber keine Jahre, es werde kein endloser Krieg sein.

Gleichzeitig lässt sich beobachten, dass der Krieg sich inzwischen ausgeweitet hat. Die israelische Armee hat etwa am Montag (16.03.2026) bestätigt, dass sie im Süden des Libanon mit begrenzten und gezielten Bodeneinsätzen begonnen habe, um die Hisbollah-Miliz, einen Verbündeten des Regimes im Iran, zu bekämpfen. Hunderttausende Menschen im Süden des Libanon mussten ihre Häuser verlassen und Beobachter*innen gehen davon aus, dass Israel dort eine Art Pufferzone einrichten will. Ein Ende des Krieges ist also noch nicht in Sicht.

Jan-Christoph Kitzler ist Korrespondent in Israel und verfolgt dort seit 2022 die Ereignisse – sowohl in Israel als auch im Gazastreifen. Vor wenigen Tagen war er bei einer Anti-Kriegs-Demo in Tel Aviv, um darüber zu berichten. Er sagt, es sei eine recht kleine Veranstaltung gewesen. "Das zeigt auch so ein bisschen die Stimmung im Land. Also das waren vielleicht ein paar Dutzend Menschen, wirklich nicht viele. Die haben Schilder hochgehängt, die haben sich gegen den Krieg ausgesprochen", sagt unser Korrespondent.

Jan-Christoph Kitzler sagt, insgesamt gebe es eine hohe Zustimmung für den Krieg. Laut einer aktuellen Umfrage seien 82 Prozent der Israelis für den Krieg. "Um diese Bedrohung, die vom Regime in Teheran ausgeht und auch durch die Hisbollah, auszuschalten, um dafür zu sorgen, dass man in Israel sicherer leben kann", sagt er. Allerdings komme diese hohe Zustimmung vor allem vonseiten jüdischer Israelis, "wenn man sich die arabisch-palästinensische Bevölkerung anguckt. Das sind nur noch ein bisschen über 20 Prozent, die den Krieg gut finden."

"Dieser Krieg wird zwar befürwortet, aber bisher scheint er Benjamin Netanyahu politisch nicht zu nutzen, weil es ganz, ganz großes Misstrauen gegen ihn und seine Regierung gibt."
Jan-Christoph Kitzler, Korrespondent in Tel Aviv

Unser Korrespondent erklärt, dass in diesem Jahr in Israel gewählt wird. Und Benjamin Netanjahu hatte die Hoffnung, dass der Krieg ihm politisch nützen könnte. Dieser Plan scheint – zumindest derzeit – nicht aufzugehen. "Wenn man die politischen Umfragen anguckt, was würden denn die Israelis jetzt wählen? Dann hätte seine Regierung, zusammen mit den ultra-orthodoxen und sehr rechtsextremen Koalitionspartnern, keine Mehrheit mehr Stand jetzt", so Jan-Christoph Kitzler.

Insgesamt gibt es also eine hohe Zustimmung für den Krieg, allerdings profitieren Benjamin Netanjahu und die aktuelle Regierung nicht davon. Woran das liegt, dafür sieht der Israel-Korrespondent verschiedene Gründe.

Zunächst erleben fast alle Israelis die Bedrohung durch den Iran. "Diese Bedrohung, das ist den Menschen hier tatsächlich eingehämmert worden und die kann man ja auch tatsächlich erleben", so Jan-Christoph Kitzler, sie bestehe aus drei Aspekten:

  • Das eine ist das iranische Atomprogramm, also die Gefahr, dass dieses Regime eine Atombombe bekommt.
  • Das zweite sind die Stellvertreter-Milizen, also die Proxys, wie die Hisbollah zum Beispiel, aber auch die Hamas wurde vom Iran unterstützt und auch die Huthi-Rebellen im Jemen. (Bisher haben die sich noch nicht an dem Krieg beteiligt, aber das könnte noch kommen.)
  • Und das Dritte sind eben die Raketen aus dem Iran – es gab Einschläge und Tote in Israel.
"Benjamin Netanjahu denkt immer nur in diesen Bedrohungskategorien. Der ist auch nicht besonders interessiert an Stabilität in der Region."
Jan-Christoph Kitzler, Korrespondent in Israel

"Ich glaube, die meisten Israelis würden, wenn es nur um das Thema Sicherheit geht, auch weiterhin Netanyahu wählen, aber es geht ja noch um viele andere Fragen", so Jan-Christoph Kitzler. Zum Beispiel laufe derzeit ein Prozess gegen Benjamin Netanjahu wegen Korruption und Amtsmissbrauch.

"Er hat immer noch keine Verantwortung übernommen für das, was am 7. Oktober passiert ist und verhindert mit seiner Regierung auch tatsächlich, dass das ordentlich aufgeklärt wird. Und dann ist ja noch das große Thema: der Versuch dieser Regierung, den Rechtsstaat hier in Israel zu schwächen durch eine sogenannte Justizreform", sagt unser Korrespondent, dabei gehe es darum, die Justiz zu schwächen, damit sie die Politik nicht mehr kontrollieren könne. – Und all diese Aspekte spielen eben auch eine Rolle, wenn es um die Wahl einer neuen Regierung geht.

Menschen sind kriegsmüde

Der Journalist und Autor Ofer Waldmann beobachtet außerdem eine große Kriegsmüdigkeit bei den Menschen. Er sagt: "Es gibt diesen Satz von Nietzsche, wenn man gegen Ungeheuer kämpft, dann wird man gegebenenfalls selber zum Ungeheuer. Da muss man sich fragen, ob das langsam ebenfalls für Israel gilt." In Bezug auf den aktuellen Krieg wiederholt er außerdem seine Bemerkung vom Anfang: "Die Frage ist, hat man den politischen Horizont, der diese Kriege auch irgendwann beendet? Ich befürchte, wenn ich jetzt auf den Nahen Osten schaue oder auf die Kriegsführung der USA, die Antwort darauf könnte Nein heißen."