Krieg im KopfWie der Iran-Konflikt die Psyche belastet
Erst Raketen, jetzt Hoffnung auf einen Deal: Der Iran-Konflikt schwankt zwischen Eskalation und Hoffnung. Wie fühlt es sich an, hier sicher zu sein, während Familie und Freunde dort leben?
Im September 2022 wird die kurdische Iranerin Jina Mahsa Amini gewaltsam durch die iranische Sittenpolizei festgenommen – sie soll ihr Kopftuch nicht nach Vorschrift getragen haben. Kurz darauf stirbt sie.
Als es daraufhin mit den Protesten der Bewegung "Woman, Life, Freedom" losging, hat sie aufgrund ihrer eigenen Belastung beschlossen, anderen Deutsch-Iranern und -Iranerinnen zu helfen, sagt Yasaman Soltani. Sie arbeitet als psychologische Psychotherapeutin und Verhaltenstherapeutin in Frankfurt am Main.
Yasaman ist mit sechs Jahren aus dem Iran nach Deutschland gekommen. Auch ein Großteil ihrer Patienten und Patientinnen seien dort geboren und später nach Deutschland gezogen – manche sind geflüchtet, andere zum Studieren oder Arbeiten hergekommen, sagt sie.
Psychologin: "Es gibt keine Psychotherapie für Krieg"
Als die Proteste im Iran eskalieren, entwickelt Yasaman die Idee, eine therapeutische Gesprächsgruppe anzubieten. Das Angebot besteht bis heute und wird fortlaufend von neuen Teilnehmenden genutzt. Inzwischen gibt es auch eine persischsprachige Gruppe, erzählt sie.
Als Israel und die USA im sogenannten 12-Tage-Krieg den Iran angreifen, bricht Yasaman ihren Thailand-Urlaub ab. Zurück in Frankfurt organisiert sie eine Krisenintervention. Sehr viele Menschen hätten das Angebot angenommen, sagt sie.
Die Ereignisse im Iran finden auf einem bereits stark belasteten psychischen Boden ihrer Patient*innen statt, so die Psychotherapeutin – eine lange Vorgeschichte von Gewalt, politischer Repression, Ohnmacht und Verlust.
Die neuen Kriegserfahrungen treffen also auf bereits bestehende Traumatisierungen. Zentral sei bei den Menschen dabei die Sorge um ihre Angehörigen im Iran. Diese führe häufig zu einer anhaltenden inneren Anspannung.
"Meine Aufgabe als Therapeutin ist es nicht, die Ängste wegzumachen. Das geht nicht. Es gibt keine Psychotherapie für Krieg."
In den Sitzungen würden ihr die Menschen von ihren Erfahrungen berichten – oft verbunden mit intensiven Emotionen und gemeinsamem Weinen. Therapeutisch gehe es nicht darum, die vorhandenen Ängste zu beseitigen – das sei auch gar nicht möglich – sondern sie einzuordnen und verständlich zu machen.
"Es gibt keine Psychotherapie für Krieg", so die Psychotherapeutin. Im Mittelpunkt stehe die Auseinandersetzung mit den Sorgen und wie sich die innere Zerrissenheit zwischen sicherem Alltag in Deutschland und Bedrohung im Iran psychisch aushalten lasse.
Psychische Belastung durch Schuldgefühle
Belastend sei insbesondere das Thema Schuldgefühle – das Gefühl, in Deutschland in Sicherheit zu sein, während Angehörige oder Menschen im Iran dem Grauen ausgesetzt sind. Eine Patientin habe beispielsweise beschrieben, sie müsse sich die Bilder des Massakers ansehen, um jeden einzelnen Toten mitzutragen, da dies das Mindeste sei, was sie tun könne.
"Eine Patientin berichtet: Ich muss mir jeden einzelnen Toten anschauen. Weil das ist das Mindeste, was ich machen kann."
Solche Gedanken würden – aus therapeutischer Sicht – als Verarbeitung von "Schuld" verstanden. Auch wenn sie objektiv nicht stimmig seien und nicht zu hilfreichem Verhalten führten, so Yasaman Soltani.
Im Mittelpunkt stehe das gemeinsame Aushalten der Anspannung sowie das Besprechen von Wegen zur Entlastung – wobei bereits das regelmäßige Treffen der Gruppe stabilisierend wirke.
Iran als Achterbahn: "die Höhen sehr hoch, die Tiefen sehr tief"
Auch Yasaman komme durch ihre Doppelrolle an Grenzen, erzählt sie. Ein Satz ihres Bruders habe sie dabei geprägt: Der Iran sei wie eine Achterbahn – die Höhen sehr hoch, die Tiefen sehr tief.
In der Gruppenarbeit gebe es nichts Besseres, als intensive Nähe, gemeinsames Lachen und geteilte Emotionen zu erleben – zugleich aber auch ein Leid, das in seiner Intensität kaum mit Alltagserfahrungen in Deutschland vergleichbar sei.
"Es gibt nichts Besseres, als in so einer Gruppe mit Patientinnen zu sitzen, zu sprechen, lachen und intensive Emotionen zusammen auszuhalten."
Um damit umzugehen, habe sie entschieden, aus der Achterbahn auszusteigen – nicht durch emotionales Abschalten, sondern indem sie sich weniger kontinuierlich mit den politischen Entwicklungen im Iran beschäftige. Das ständige Aktualisieren von Nachrichten sei mit der therapeutischen Arbeit nicht vereinbar.
Iran – zwischen Waffenruhe und neuer Eskalation
Die Lage im Iran verändert sich täglich. Aussagen von politischer Seite – etwa von US-Präsident Trump, Israels Premier Netanyahu oder der iranischen Führung – widersprechen sich teilweise, während Kämpfe laut Berichten immer wieder aufflammen, um anschließend wieder abzuklingen.
Diba Mirzaei forscht zu Iran am German Institute for Global and Area Studies in Hamburg. Sie sagt, es sei schwer, ein klares Bild aus dem Land zu bekommen. Zwar gebe es wieder Internet und vereinzelt Kontakt, doch aus Angst vor Repression berichteten viele nur knapp, meistens lediglich, dass sie am Leben seien.
Erkennbar seien vor allem die Ohnmacht und Angst vor einer weiteren Eskalation.
"Menschen in Iran wissen nicht, was passiert. Sie haben auch keinen Einfluss darauf. Und auch Angst, dass es noch schlimmer wird."
Diba Mirzaei hält es weiterhin für schwer einschätzbar, ob es einen kurzfristigen Friedensdeal geben kann. Donald Trump habe bereits seit Beginn der Waffenruhe im April wiederholt von einem baldigen Abkommen gesprochen, bislang jedoch ohne Ergebnis. Ob es diesmal anders komme, sei daher offen.
Ein zentraler Knackpunkt seien aktuell die eingefrorenen iranischen Konten. Die iranische Seite fordere deren Freigabe als Vertrauenssignal, während die US-Seite diesen Schritt eher als späteren Verhandlungspunkt sehe. Genau diese unterschiedliche Priorisierung erschwere die Gespräche erheblich.
Stabile Macht trotz Krieg und Druck
Das iranische Regime ist bislang nicht ins Wanken geraten, obwohl das nach den ersten Angriffen von vielen erwartet wurde. Diba Mirzaei führt das unter anderem darauf zurück, dass der Sicherheitsapparat weiterhin stabil und eng geschlossen agiert, auch wenn zuvor Risse vermutet worden waren.
Zudem habe sich die Hoffnung nicht erfüllt, dass es nach den Angriffen zu größeren Protesten komme. Viele Menschen seien zunächst mit Flucht und der Suche nach Sicherheit beschäftigt gewesen – und hätten zudem Angst vor Repressionen gehabt. Gleichzeitig habe der Krieg Teile der regimetreuen Basis mobilisiert, die seitdem regelmäßig ihre Unterstützung auch öffentlich zeigen.
Veränderung im Iran nur mit Teilen des Apparats?
Die Annahme, dass mehr Druck von außen das iranische Regime zu Veränderungen zwingen könnte, greift laut Diba schon deshalb zu kurz, da das System seit seiner Entstehung an externen Druck gewöhnt ist – zum Beispiel durch die seit Jahrzehnten bestehenden und immer wieder verschärften Sanktionen.
"Es ist eine sehr unbeliebte Aussage – aber man braucht Teile dieses politischen Apparates, um wirklich Veränderungen durchzusetzen."
Vor diesem Hintergrund sei fraglich, ob zusätzlicher Druck etwas bewirken könne. Langfristig sei auch die Einbindung von Teilen des politischen Apparats notwendig, um Veränderungen überhaupt zu ermöglichen. Ein kompletter Systembruch mit anschließendem demokratischem Neubeginn sei daher kaum umsetzbar.
Wenig Hoffnung auf politischen Wandel
Tiefgreifende politische Veränderungen zugunsten der Bevölkerung hält Diba in den kommenden Monaten für eher unwahrscheinlich. Mögliche wirtschaftliche Veränderungen hingen stark vom Verlauf der Verhandlungen ab, etwa von der Freigabe iranischer Konten oder einer teilweisen Aufhebung von Sanktionen.
Ob ein solcher Deal den Menschen tatsächlich zugutekommt, sei jedoch offen. Einen demokratischen Wandel hält die Forscherin für sehr unwahrscheinlich. Sie rechnet eher mit einem Abkommen – aber auch mit weiteren militärischen Eskalationen in den nächsten Tagen und Wochen.
Hinweis: Auf dem Foto ist eine Demonstration von Regierungsanhängern in Teheran am 8. Juni 2026 zu sehen – und zeigt, wie zerrissen das Land ist zwischen Befürwortern und entschiedenen Gegnern des Regimes.