Krise der DemokratieWarum unsere Gesellschaft Vertrauen braucht

Misstrauen spielt eine große Rolle dafür, dass Rechtspopulismus und Verschwörungsdenken zunehmen und die Demokratie an Stärke verliert, warnt der Soziologe Aladin El-Mafaalani. Über mögliche Gründe und Lösungen spricht er im Hörsaal Live-Podcast.

Unsere Gesellschaft und die liberale Demokratie funktionieren nur, wenn Menschen grundlegendes Vertrauen haben: in das Rechtssystem, in die Wissenschaft und in die Medien. Ohne diese Vertrauensbasis geraten die wichtigsten Säulen des demokratischen Zusammenlebens ins Wanken.

Bildung von Misstrauensgemeinschaften

Gesellschaften konnten sich nur entwickeln, weil es tragfähige Vertrauensstrukturen gab, sagt der Migrations- und Bildungssoziologe Aladin El-Mafaalani. Diese Strukturen brauche eine Gesellschaft auch, um bestehen zu können. Doch dieses Vertrauen schwinde – und zugleich entstünden immer mehr Misstrauensstrukturen, beobachtet er besorgt.

"Geteiltes Misstrauen schweißt zusammen."
Aladin El-Mafaalani, Soziologe

Das Neue daran ist laut El-Mafaalani nicht, dass mehr Menschen misstrauisch werden. Neu sei, dass sich Misstrauende in der digitalen Welt miteinander vernetzen können. So entstehe eine Vergemeinschaftung über geteiltes Misstrauen.

Aladin El-Mafaalani, Professor für Migrations- und Bildungssoziologie während seines Vortrags auf der Didacta Bildungsmesse 2026

Hinzu komme: Algorithmen reagieren besonders stark auf Misstrauen, und bestimmte Kreise säen es ganz gezielt.

"Alles mit 'alternativ' hat mittlerweile auffälligen Misstrauenscharakter."
Aladin El-Mafaalani, Soziologe

Misstrauen ist dabei nicht grundsätzlich etwas Schlechtes, betont Aladin El-Mafaalani. Es könne helfen, Fehler zu erkennen und Risiken zu vermeiden. Er vergleicht es mit einem Immunsystem. Misstrauensgemeinschaften dagegen beschreibt er als eine Art Autoimmunerkrankung.

"Das Immunsystem reagiert über und greift genau das an, was es schützen soll."
Aladin El-Mafaalani, Soziologe

Ein Schwerpunkt seines Vortrags liegt auf den jüngeren Generationen. Sie wachsen in einer Zeit voller Krisen, Unsicherheit und Pessimismus auf, so der Soziologe, und bewegen sich besonders viel in den sozialen Medien – also genau dort, wo diese Misstrauensdynamiken entstehen und verstärkt werden. Erste Studien deuten ihm zufolge darauf hin, dass dadurch auch die Bereitschaft zu vertrauen sinkt.

Was hilft gegen das kollektive Misstrauen?

Wenn Misstrauensgemeinschaften tatsächlich eine Gefahr für die Demokratie sind, stellt sich die Frage: Was hilft? Von einfachen Antworten wie Ignorieren oder bloßem Bekämpfen rät Aladin El-Mafaalani ab.

"Ich will dafür werben, dass man sich darüber Gedanken macht, ob diese Misstrauensgemeinschaften überhaupt bearbeitet werden sollten."
Aladin El-Mafaalani, Soziologe

Stattdessen plädiert er in seinem Vortrag dafür, sich auf das Dazwischen zu konzentrieren: auf jene große Gruppe von Menschen, die laut Umfragen etwa 30 bis 50 Prozent der Bevölkerung ausmacht, die nicht mehr richtig vertrauen kann, aber auch noch nicht Teil von Misstrauensgemeinschaften ist. Gleichzeitig müsse das Vertrauen geschützt werden, das noch vorhanden ist.

"Dieses Dazwischen muss adressiert werden. Das machen wir gerade überhaupt nicht gut."
Aladin El-Mafaalani, Soziologe

Aladin El-Mafaalani ist Soziologe und Inhaber des Lehrstuhls für Migrations- und Bildungssoziologie an der Technischen Universität Dortmund. Zuvor war er u.a. Professor für Erziehungswissenschaft an der Universität Osnabrück, Professor für Politikwissenschaft an der Fachhochschule Münster sowie Abteilungsleiter Integration im nordrhein-westfälischen Ministerium für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration in Düsseldorf. Für seine wissenschaftliche Arbeit und sein öffentliches Wirken erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, unter anderem das Bundesverdienstkreuz.

Seinen Vortrag "Demokratie in der Krise – Warum unsere Gesellschaft Vertrauen braucht" hat er exklusiv für den Hörsaal am 14.03.2026 im Rahmen der Didacta Bildungsmesse 2026 auf der Bühne des Didacta Verband e.V. gehalten. Er basiert auf seinem jüngsten Buch "Misstrauensgemeinschaften - Zur Anziehungskraft von Populismus und Verschwörungsideologien", 2025 erschienen bei Kiepenheuer & Witsch.