KrisengipfelMieten hoch, Neubau tot: Wo bleiben die Wohnungen?

Hunderte Bewerbungen, sogar Bestechungsversuche – Makler Sven beschreibt den Wohnungsmarkt als extrem. Anna wiederum will sich trennen, findet aber keine Wohnung. Wir fragen: Warum werden keine Wohnungen gebaut, wenn sie so dringend benötigt werden?

Schon die Ampel-Regierung hatte sich viel vorgenommen: 400.000 neue Wohnungen pro Jahr, darunter viele geförderte und bezahlbare. Doch dieses Ziel wurde nie erreicht. In keinem einzigen Jahr. Stattdessen steigen die Mieten weiter, und die Wohnungsuche wird für viele zur Belastungsprobe.

Trennung ohne Wohnung? Das ist hier die Frage

Eine, die das erlebt hat, ist Anna Severinenko. Als die Journalistin begann, eine Wohnung zu suchen, war sie noch in einer Beziehung, "doch anstatt mir Zeit zu nehmen, mir über das Ende meiner Beziehung klar zu werden, dachte ich: Wo soll ich nach der Trennung hin?" Denn ihr damaliger Freund war Hauptmieter der Wohnung, daher war für Anna klar: Ich bin diejenige, die etwas Neues finden muss.

"Ich habe schon nach Wohnungen gesucht, obwohl die Trennung noch gar nicht endgültig war."
Anna Severinenko, war in Berlin auf Wohnungsuche

"Es hat sich falsch angefühlt, die Immobilienapp runtergeladen. Es war irgendwie vergleichbar mit einer Dating-App, obwohl ich noch in einer Beziehung war", erinnert sie sich.

Insgesamt, sagt Anna, hat sie die Trennung ein, zwei Monate hinausgezögert. Schließlich trennte sie sich doch, aber nicht weil sie eine Wohnung gefunden hatte, sondern weil eine Freundin sie bei sich einziehen ließ.

Schätzungsweise fehlen in Deutschland eine Million Wohnungen

Wie viele Wohnungen genau fehlen, ist schwer zu sagen, sagt Milan Procyk. Der Hauptstadtkorrespondent berichtet über die Themen Wohnen und Immobilienbau. "Schätzungen gehen von rund einer Million aus. Gebaut werden aber deutlich weniger – zuletzt nicht einmal 200.000 pro Jahr." Dabei sagen Expert*innen, es müsste mindestens doppelt so viel sein, um die Lage zu entspannen.

Um nicht nur mehr, sondern vor allem auch schneller Wohnungen zu schaffen, setzt die Bundesregierung seit kurzem auf den "Bauturbo". Dahinter steckt eine gesetzliche Vereinfachung, erklärt Milan. Städte und Gemeinden können damit schneller bauen, weil sie in bestimmten Fällen keinen Bebauungsplan mehr vorlegen müssen. Das spart Zeit – denn es dauert oft Jahre, solche Pläne zu erstellen. Trotzdem dämpft der Journalist die Erwartungen.

"Ich glaube, erst einmal bleibt die Lage festgefahren."
Milan Procyk, Hauptstadtkorrespondent

Denn selbst wenn Genehmigungen schneller gehen: Bauen dauert, sagt der Journalist. Und vor allem sei es teurer geworden. Die Folge: "Bauen lohnt sich erst, wenn man die Wohnungen später teuer vermieten oder verkaufen kann", sagt Milan. Zurzeit verschärfen steigende Rohstoffpreise, Inflation und höhere Löhne im Baugewerbe die Situation zusätzlich.

Wohnungsuche zwischen Bestechungsversuchen und Tränen

Wie angespannt der Immobilienmarkt ist, zeigt sich inzwischen auch in Städten, in denen es lange Zeit als easy galt, eine schöne und recht günstige Wohnung zu finden. Ein Beispiel ist Leipzig. Makler Sven Butterling erlebt das jeden Tag. Sobald er eine Wohnung online stellt, geht es los: "Zwei, drei Stunden steht das Telefon nicht mehr still", sagt Sven. Teilweise melden sich hunderte Interessenten. Viele wollen sofort besichtigen, andere hoffen auf irgendeine andere Wohnung.

"Ich kannte es bisher nur aus Großstädten, dass 300 Leute zur Besichtigung kommen. Doch Leipzig steuert in die gleiche Richtung."
Sven Butterling, Makler

"Einige gehen sogar so weit, mehr Miete oder Provision anzubieten, als eigentlich verlangt wird", erzählt der Makler. Besonders hart treffe es Menschen, die ohnehin schlechtere Chancen haben – etwa Alleinerziehende. Absagen führen nicht selten zu Tränen. Und zu Semesterbeginn, verschärfe sich die Lage noch mal mehr.

Anna hat in Berlin inzwischen das geschafft, was viele sich wünschen: eine bezahlbare Wohnung ohne Staffelmiete. "Ein absoluter Jackpot", sagt sie. Doch die Erfahrung, nicht ausziehen zu können, obwohl sie es wollte, hat bei ihr einen gedanklichen Prozess ausgelöst. Sie sagt: Unsere privaten Entscheidungen sind inzwischen vom Immobilienmarkt abhängig.

"Der Wohnungsmarkt ist so übertrieben, dass er uns die Freiheit nimmt, unser Leben so zu gestalten, wie wir es wollen."
Anna Severinenko, war in Berlin auf Wohnungsuche

Hinweis: Anna hat über ihre Erfahrungen bei der Wohnungsuche auch einen Bericht für den rbb geschrieben: Wohnungsnot in Berlin"Ich bin fremdgegangen – auf dem Immobilienmarkt"