Baden-WürttembergCem Özdemir in der Rolle seines Lebens?

Cem Özdemir gewinnt die Landtagswahl in Baden-Württemberg. Es ist sein größter Sieg. Jetzt muss er liefern. Der Industrie geht es schlecht, besonders den Autobauern. Was können die Menschen von ihm erwarten?

Cem Özdemir (Bündnis 90/Die Grünen) hat die Landtagswahl in Baden-Württemberg gewonnen – mit knappem Vorsprung. Die CDU kommt nach dem vorläufigen Endergebnis nur auf Platz zwei. Demnach holten die Grünen 30,2 Prozentpunkte, die CDU 29,7. Über Monate hatte die CDU mit Landeschef Manuel Hagel in Umfragen deutlich geführt, am Ende holten die Grünen rasant auf.

Für den Wahlsieg Özdemirs sei dessen mantraartige Abgrenzung von der Bundespartei mitentscheidend gewesen, ist Moritz Fehrle überzeugt. Er arbeite als Korrespondent des Deutschlandfunks für Baden-Württemberg.

"Man könnte sagen, Cem Özdemir hat gewonnen, weil er kein Grüner war im Wahlkampf."
Moritz Fehrle, Dlf-Korrespondent für Baden-Württemberg

Die AfD verdoppelte ihren Stimmenanteil und erreichte ihr bislang bestes Ergebnis bei einer Landtagswahl in den alten Bundesländern. Die SPD stürzte auf ein historisches Tief bei Landtagswahlen bundesweit und schaffte es nur knapp ins Landesparlament. Die FDP hingegen fliegt erstmals völlig raus. Auch die Linke scheiterte an der Fünf-Prozent-Hürde.

Im neugewählten Landtag erhalten die Grünen 56 Sitze, die CDU ebenfalls 56. Die AfD kommt auf 35 Mandate, die SPD auf 10. Grüne und CDU stellen also gleich viele Abgeordnete, auch wenn die Grünen nach Zweitstimmen gewonnen haben. Zusammen haben beide Parteien eine Zweidrittelmehrheit im Landtag.

Videos als Problem

Unser Korrespondent erinnert daran, dass der unterlegene CDU-Kandidat Manuel Hagel zum Ende des Wahlkampfs Schwierigkeiten hatte, sein Image als traditioneller Familienvater zu wahren. Noch 2018 hatte er im Fernsehen wortreich die äußerliche Attraktivität einer minderjährigen Schülerin gelobt.

Das Video wurde im Februar 2026 von einer Grünen Bundestagsabgeordneten erneut veröffentlicht. Und auch ein weiterer Schulbesuch im aktuellen Wahlkampf missglückte dem CDU-Kandidaten. Kritisiert wurden daran seine unzulängliche Erklärung des Treibhauseffekts und sein Umgang mit der Lehrerin.

"Diese Videos haben vielleicht der CDU gar nicht direkt geschadet. Ich glaube, sie haben eine Wählerwanderung ausgelöst bei SPD, bei den Linken auch."
Moritz Fehrle, Dlf-Korrespondent für Baden-Württemberg

Cem Özdemir machte im Herbst 2024 seine Kandidatur öffentlich. Da hat er eine umfassende Karriere in seiner Partei bereits hinter sich – im sogenannten Realo-Flügel der Grünen. "Cem Özdemir ist 60 Jahre alt und 40 Jahre davon ist er schon aktiv bei den Grünen", sagt Deutschlandfunk-Nova-Reporter Jens Többen, doch "auf der Landesebene war Özdemir in den vergangenen 30 Jahren eigentlich nicht mehr wirklich aktiv."

Der anatolische Schwabe

Vom Bundestagsmandat im Jahr 1994, über Landesvorsitz, Bundesvorsitz und Sitz im Europaparlament bis zum Bundesminister für Landwirtschaft in der Ampel-Koalition, so ist Cem Özdemirs politische Karriere in groben Zügen bislang verlaufen. Sein persönlicher Hintergrund: Er wuchs in einfachen Verhältnissen als Kind türkischer Gastarbeiter in der baden-württembergischen Provinz auf.

"Diese Bandbreite – sein Hintergrund als Kind türkischer Gastarbeiter, aber eben auch als ländlicher Schwabe – dieses wirklich Verbindende, passt gut zu dem Stil, wie er als Politiker gesehen werden will."
Jens Többen, Deutschlandfunk-Nova-Reporter

Vor der Landtagswahl hat sich Cem Özdemir gegen das geplante europäische Neuzulassungsende für Verbrenner ab 2035 ausgesprochen. Tatsächlich geht es der exportabhängigen Metall-, Elektroindustrie und Autoindustrie nicht besonders gut, sagt Jens Többen und erinnert Absatzprobleme, Modernisierungstau und US-Zölle.

Cem Özdemir wolle das vor allem auf europäischer Ebene angehen, vermutet Moritz Fehrle. Unterm Strich sei das Anliegen des Landespolitikers jedoch ein Konservatives – bezogen auf sein großes Vorbild Winfried Kretschmann jedenfalls.

"Wenn man sich den Wahlkampf anguckt von den Grünen, dann war da das große Schlagwort das Bewahren, das Erbe fortführen"
Moritz Fehrle, Dlf-Korrespondent für Baden-Württemberg