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Ein Junge, geboren zwischen Flucht, Aberglaube und Gewalt – und aufgewachsen in einer Welt, die ihm nie wirklich gehört. Moïse sucht nach Herkunft und Halt, gerät aber immer tiefer in eine Spirale aus Armut und Brutalität. Kann er ihr überhaupt entkommen?

Ein Chor aus Stimmen, Staub, Hitze und Wut: Kinder kommen aus allen Richtungen, bewaffnet mit Stöcken, Macheten und Steinen. Sie rufen nur ein Wort. Immer wieder. Moïse weiß, dass sie ihn suchen. Und dass es kein Entkommen gibt.

Eine Welt aus Gewalt und Erinnerung

Die Szene wirkt wie ein Moment, der einen direkt hineinzieht in "Das grüne Auge" von Nathacha Appanah. Moïse sitzt auf der Rückbank eines Autos fest, eingeklemmt im Stau, während draußen die Lage eskaliert. Gleichzeitig treiben ihn Erinnerungen zurück: an Marie, die Frau, die ihn großgezogen hat, an Wärme, an ein anderes Leben.

"Es ist unmöglich mit dem Lesen aufzuhören – nur Weiterlesen kann diese Ungeduld besänftigen."
Lydia Herms, Deutschlandfunk Nova

Unsere Literatur-Expertin Lydia Herms beschreibt den Sog des Romans. Die Geschichte entwickelt eine Dynamik, die einen nicht loslässt. Selbst kurze Pausen fühlen sich falsch an, weil man wissen will, wie es weitergeht.

Herkunft, die alles bestimmt

Moïses Geschichte beginnt lange vor dieser Szene. Als Baby kommt er nach Mayotte, eine Insel, die zu Frankreich gehört – und in der sich koloniale Unterschiede deutlich zeigen.

"Es ist offensichtlich, wer hier besser gestellt ist: die Weißen, die in sauberen Häusern leben und ein sauberes Französisch sprechen."
Lydia Herms, Deutschlandfunk-Nova-Literatur-Expertin

Diese Ungleichheit prägt Moïses Leben von Anfang an. Er wächst bei Marie auf, einer weißen Krankenschwester. Sie nimmt ihn auf, nachdem seine leibliche Mutter ihn aus Verzweiflung zurücklässt.

Doch schon als Säugling haftet ihm etwas an, das ihn nie loslässt: das eine grüne Auge. Für viele ist es ein Zeichen – ein Fluch.

Ein Leben, das kippt

Nach Maries plötzlichem Tod bricht alles weg. Moïse verliert den einzigen Halt, den er kannte. Er landet in "Gaza", einem Elendsviertel, in dem Armut und Gewalt den Alltag bestimmen.

"Es ist ein Pageturner – und trotzdem endet die Geschichte nicht nach zweihundert Seiten."
Lydia Herms, Deutschlandfunk-Nova-Literatur-Expertin

Moïse schließt sich einer Jugendbande an, bewegt sich in einer Welt, in der Stärke überlebt und Schwäche bestraft wird. Gleichzeitig bleibt die Frage, die ihn verfolgt: Ist sein Leben vorbestimmt? Durch Herkunft, durch Zuschreibungen, durch das, was andere in ihm sehen?

Am Ende steht kein klares Urteil. Sondern eine Geschichte, die nachhallt – weil sie zeigt, wie eng Identität, Herkunft und Gewalt miteinander verwoben sein können. Und wie schwer es ist, sich daraus zu befreien.

Das Buch:

"Das grüne Auge" (OT: „Tropique de la violence“, 2016) von Nathacha Appanah, aus dem Französischen von Yla M. von Dach, erschienen bei Lenos,210 Seiten, gebundene Ausgabe: 22 €, eBook: 15,99 €; Erscheinungsdatum: 09.03.2021

Die Autorin:

Nathacha Appanah, geboren 1973 in Mahébourg (Mauritius). Die Autorin und Journalistin mit indischen Wurzeln lebt seit 1998 in Frankreich, 2008–2010 lebte sie auf Mayotte. Sie veröffentlichte Artikel u.a. in der Zeitschrift GEO und im Air France Magazine sowie Reportagen auf France Culture und RFI. Ihr literarisches Werk umfasst sieben Romane und mehrere Essays. Sie wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.