Das perfekte Buch für den Moment ...… wenn du über das Leben auf der Erde nachdenkst

Der Roman "Ich, die ich Männer nicht kannte" von Jacqueline Harpman erzählt von 39 Frauen und einem Mädchen, die eingesperrt sind. Warum, wissen sie nicht. Die Protagonistin, genannt "die Kleine", gibt ihr Leben in Rückblenden wieder.

Es ist eine verstörende Dystopie, die die belgische Schriftstellerin und Psycho-Analytikerin Jacqueline Harpman im Jahr 1995 erstmals veröffentlicht: 40 Matratzen für 39 Frauen und ein Mädchen, die alle nur "die Kleine" nennen, in einem unteriridischen Käfig, der rund um die Uhr von drei Wärtnern mit Peitschen bewacht wird.

Mit Essen werden die Frauen täglich versorgt. Aber vieles bleibt ihnen verwehrt: Es gibt zwar immer elektrisches Licht und fließendes Wasser, aber kein Toilettenpapier, keine Musik und keine Bücher. Für "die Kleine" ist das die Normalität. Aber sie weiß, dass die älteren Frauen ein anderes Leben kennen. Mit Tageslicht, mit Arbeit, mit Familien – und mit Sinn.

Und vieles ist verboten: Berührung zwischen den Frauen und lautes Weinen in der Nacht zum Beispiel. Die Wärter reden nie mit den Frauen. Sie beobachten sie nur. Tut eine der Frauen oder "die Kleine" etwas Verbotenes, dann knallen sie mit ihren langen Peitschen.

"Es ist ein beleuchteter Käfig unter einer Gewölbedecke, zu allen vier Seiten einsehbar und umgeben von einem schmalen Gang, in dem ständig, auch nachts, drei Wärter patrouillieren."
Deutschlandfunk-Nova-Reporter Lydia Herms über den Roman "Ich, die ich Männer nicht kannte" von Jacqueline Harpman

Aber wer hat sie eingesperrt und zu welchem Zweck? Die Frauen wissen es nicht. Und sie wissen auch nicht, wie schnell die Stunden vergehen, weil es keine Uhren gibt. Bis "die Kleine" damit anfängt, ihre Herzschläge zu zählen.

"Die Kleine" ist eine lebende Uhr

Und es ist der Herzschlag des Mädchens, der alles verändert. Seit vier Monaten haben die Frauen wieder ein Gefühl für die Zeit. 72 Schläge sind eine Minute. Darauf haben sie sich geeinigt. Das ergibt 4.320 Herzschläge pro Stunde.

Die Frauen stellen fest, dass ihr Tagesablauf keinem 24-Stunden-Rhythmus folgt. Aber warum das so ist, wissen sie nicht.

Ausbruch aus dem Untergrund

Eines Tages passiert ein ungewöhnlicher Vorfall. Ein Alarm ertönt und die Wärter, die Essen gebracht haben, verschwinden, ohne den Schlüssel an der Gittertüre mitzunehmen. Es ist "die Kleine", die als Erste versteht, was passiert ist.

Sie greift den Schlüssel, zwängt sich durch die Öffnung und rennt. Sie ist noch nie gerannt. Durch das Tor, die Stufen hinauf und ans Licht. Und dann sieht sie zum ersten Mal in ihrem Leben: Wolken. Da ist eine endlose Weite. Aber sie kann keine Häuser, Bäume oder Menschen entdecken.

In Rückblenden erfährt der Leser, was "der Kleinen" widerfahren ist. Sie ist inzwischen alt und berichtet über ihr Leben im unterirdischen Verließ. Aber auch an ihr oberirdisches Leben unter freiem Himmel nach ihrer Flucht erinnert sie sich.

Das Buch:

"Ich, die ich Männer nicht kannte“ (Originaltitel: "Moi qui n'ai pas connu les hommes", 1995) von Jacqueline Harpman, neu aus dem Französischen übersetzt von Luca Homburg, Klett-Cotta, 215 Seiten, gebundene Ausgabe: 24 Euro, eBook: 18,99 Euro, Hörbuch gibt es auch, gelesen von Vera Teltz; Erscheinungstermin:14.03.2026

Die Autorin:

Jacqueline Harpman (1929 - 2012) war eine belgische Schriftstellerin und Psychoanalytikerin. Ab 1989 veröffentlichte sie einige Romane in Folge, die in weitere Sprachen übersetzt wurden, und erhielt einige Auszeichnungen. Ihr dystopischer Roman "Ich, die ich Männer nicht kannte“ (Originaltitel: "Moi qui n'ai pas connu les hommes") erschien 1995. Bis zu ihrem Tod war sie in beiden Berufen tätig.