MännerWie machen wir es endlich besser?
Gunnar entspricht nicht dem stereotypen Männlichkeitsbild. Er setzt sich für Feminismus und Gleichberechtigung ein und hat Strategien gegen Frauenhass und sexualisierte Übergriffe. Doch wie können mehr Männer dafür sensibilisiert werden?
Der Fall um Collien Fernandes und Christian Ulmen hat in der Sexismus-Debatte einiges ins Rollen gebracht. In dieser Folge von "Facts & Feelings" geht es deshalb unter anderem darum, wie Männer sich verhalten können, wenn andere Männer in ihrer Nähe frauenfeindliche Dinge sagen oder tun, und was Männer tun können, um Gleichberechtigung zu leben.
Wann ist ein Mann ein Mann?
Für Gunnar ist das Thema sehr wichtig. Er bezeichnet sich als Mann, der für Gleichberechtigung steht. Die klassische Männlichkeit hat für ihn noch nie eine große Rolle gespielt.
"Ich glaube, ich wurde noch nie Bro genannt. Es war einfach nichts, was mich begleitet hat in meinem Leben."
Gunnar sagt, dass er den Begriff "Männlichkeit" gar nicht richtig greifen kann und dass es nichts ist, woran er sich messen muss: "Ich verstehe noch nicht ganz, was einen Mann ausmacht und warum ich ein Mann sein muss."
"Ich habe einen Penis, also bin ich ein Mann. Da hört es eigentlich auch schon fast wieder auf für mich."
Gunnar ist sich auch bewusst, dass er mit seinen Werten aneckt. Das stört ihn aber nicht, weil er dafür einsteht: "Das Gute ist, dass ich in meinen Werten relativ gefestigt bin und dann auch einfach für mich denke, dass ich weiß, dass ich in manchen Dingen recht habe. Und dann finde es deutlich leichter zu widersprechen."
Sexuelle Übergriffe in der Öffentlichkeit – was tun?
Gunnar hat auch Tipps, wie Männer sich verhalten können, wenn sie sexuelle Übergriffe in der Öffentlichkeit mitbekommen. Ein Beispiel: Ein Mann starrt in der S-Bahn gezielt eine Frau an. Gunnar empfiehlt in solchen Situationen, sich einfach dazwischenzustellen und das Blickfeld zu stören.
Hilfreich findet er auch: Wenn ein Mann eine Frau blöd anmacht, den Mann nach der Uhrzeit zu fragen. "Ist ein Gamechanger. Das gibt der Frau oft genug Zeit wegzugehen, und der Mann fühlt sich nicht angegriffen. Man hat das Ganze unterbrochen, ohne Aggressionen zu fördern oder einen Konflikt aufzumachen", so Gunnars Erfahrung.
Toxisches Verhalten unter Männern
In der Regel bekommen Männer aber oft gar nicht mit, wenn es zu derartigen Übergriffen, Missbrauch oder sexistischen Kommentaren kommt, sagt Christoph May. Er bezeichnet sich selbst als Männerforscher – ein Begriff, der in Deutschland allerdings nicht offiziell oder geschützt ist.
Christoph May hält Vorträge und gibt Workshops zu toxischer Männlichkeit sowie Seminare über Männerbünde, Männerbilder und kritische Männlichkeit. "Überall da, wo Männer unter sich sind, entwickeln sich toxische Monokulturen und Verhaltensweisen. Und die sind Gift für Geschlechtervielfalt, soziale Beziehungen und kulturellen Reichtum", erklärt Christoph May.
Männlich dominierte Gesellschaft
Er sagt, dieses toxische Verhalten entstehe, weil wir in einer männlich dominierten Gesellschaft leben. "Männer profitieren von diesem System, da kann sich keiner rausnehmen", so Christoph May. "Wir halten das am Laufen – allein schon dadurch, dass wir von diesen Männerrunden profitieren, von männlichen Karrierenetzwerken, männerbündischen Umgebungen und dass Männer im Grunde im Leben direkt an der Ziellinie starten."
"Männer bleiben vor allem unter sich und wir müssen hier über männliche Privilegien sprechen."
Christoph May sagt, die Lösung wäre, das eigene Umfeld diverser zu machen. Sprich: nicht nur mit Männern abzuhängen, sondern auch mit Frauen und queeren Personen – und zwar ohne sie zu sexualisieren oder zu objektivieren. Es kann auch helfen, den eigenen Medienkonsum zu hinterfragen. Laut Christoph May lesen die meisten Männer keine Bücher von Frauen oder queeren Autorinnen und Autoren und konsumieren auch keine entsprechenden Filme, Serien oder Musik.
Patriarchat, was ist das?
Was Christoph May in seinen Seminaren auffällt: Männern fehlt häufig auch das Wissen über die Themen Patriarchat und Feminismus. Für ihn ist das das Hauptproblem. "Das Wichtigste ist, mit Männern über genau diese patriarchalen Strukturen ins Gespräch zu gehen und ihnen bewusst zu machen, wie männlich dominiert die Gesellschaft in Wahrheit noch ist", findet der Männerforscher. Häufig hätten Männer auch die Vorstellung, Frauen und Männer seien gleichberechtigt, so May. "Also ein völliges Unverständnis für strukturelle Gewalt", findet er.
May sieht aber auch eine positive Entwicklung: Die Kritik an der Männlichkeit hat sich zuletzt stark beschleunigt."Überall sind Männer jetzt gefordert, Stellung zu beziehen. Wer sich hier weiter rausschweigt, der macht sich einfach verdächtig und das darf nicht länger sein."
Männer für Feminismus sensibilisieren
Häufig sind Männer so sozialisiert, dass sie stark, dominant und laut sein müssen – möglichst ohne Gefühle. Sie werden dadurch als Teil des Problems gesehen, aber auch als Teil der Lösung. Ein Zwiespalt, mit dem man jedoch lernen kann, gut umzugehen, findet Fabian Ceska. Er gibt unter anderem Workshops zu Männlichkeit und beschäftigt sich mit der Verbindung von Migration und Männlichkeit.
Männer machen Fehler und das ist gut so
Ceska rät Männern dazu, auszuprobieren, feministisch zu sein. Dass ihnen dabei Fehler passieren können, sei normal und in Ordnung. "Es ist Teil der Lösung, dass man diese Fehler akzeptiert und daraus lernt", so Ceska. Auch die Scham, die dadurch entstehen kann, sei sehr wichtig. Dazu komme es etwa, wenn Männer realisieren, dass Frauen in der Partnerschaft zum Beispiel den Großteil des Mental Load und der Care-Arbeit tragen.
"Wichtig: Diese Scham anzuerkennen, vielleicht mit seinen besten Männerfreunden darüber zu reden und dann aber auch wirklich etwas zu verändern. Also auch wirklich mehr Care-Arbeit zu leisten, mehr zu kochen, mehr aufzuräumen und die Partnerin zu fragen, wie es ihr geht", meint Fabian Ceska.
Wenn Sexismus Männer stört
Wichtig ist auch, dass Männer lernen, mit Sexismus umzugehen. Wenn beispielsweise sexistische Sprüche gegenüber Frauen im eigenen Umfeld stören, sollte man darauf nicht zu radikal reagieren und die Person nicht vor der ganzen Gruppe shamen, rät Fabian Ceska. "Der Person direkt zu sagen, dass das sexistisch war, kann für alle anderen eine Signalwirkung haben. Aber in dem Moment kann das für die Person sehr unangenehm sein und sie hat keinen Raum, etwas zu lernen." Besser sei es, das Zweiergespräch zu suchen und das Problem dabei zu thematisieren.
"Betroffenheit entsteht, wenn ich merke, ich bin auch einer von denen."
Dass Männer über sexistisches Verhalten irritiert sind, passiert laut Fabian Ceska häufig, wenn das persönliche Umfeld betroffen ist – etwa die eigene Partnerin, Familie oder Freunde. "Viele werden da kritisch angesprochen von ihrem Umfeld, meistens von Frauen. Manche merken auch, es interessiert mich, und ich würde gerne mein Verhalten ändern." Hilfreich sei dann positiver Zuspruch von anderen Männern und das wiederholte ehrliche Gespräch mit ihnen über Sexismus.
Migra-Boys sind die besseren Feministen
Häufig können beispielsweise Männer mit Migrationshintergrund, die selbst von Diskriminierung betroffen sind, besser nachempfinden, wie sich Frauen fühlen, die sexistisch behandelt werden: "Ob Klassismus, Rassismus oder Ausgrenzung – wir wissen auch, wie es sich anfühlt, ausgegrenzt zu werden. Und das ist eine der größten Stärken", so Fabian Ceska. "Und deswegen sage ich sehr gerne auch plakativ-provokant in meinen Seminaren oder Vorträgen: Migra-Boys sind die besseren Feministen."