Mental HealthWie krank sind wir wirklich?

Psychische Erkrankungen haben nicht so stark zugenommen, wie es den Anschein hat. Dennoch sind sie stark verbreitet – trotz mehr Versorgungsangeboten. Woran liegt das und was ließe sich dagegen tun? Ein Vortrag des Psychologen Frank Jacobi.

Die Zahl der Arbeitsfehltage wegen psychischer Erkrankungen steigt an. Heißt das, wir werden immer kränker? Und leiden immer häufiger an psychischen Störungen? Schwer zu sagen: Epidemiologische Feldstudien zeigen hier keine Zunahme – Falldaten der Krankenkassen hingegen schon.

Kein hoher Anstieg psychischer Störungen

Der Psychologe und Psychotherapeut Frank Jacobi sagt: "Vorsichtig formuliert: Es gibt keine Abnahme psychischer Störungen." Er forscht zur Epidemiologie psychischer Erkrankungen. In seinem Vortrag erklärt er, wo die Zahlen tatsächlich steigen und was das bedeutet – für die Betroffenen und auch als Kostenfaktor.

"Oft werden psychische Störungen gar nicht erkannt und auch nicht diagnostiziert."
Frank Jacobi, Psychologe und Psychotherapeut

In einem zweiten Schritt ordnet Frank Jacobi diese Zahlen dann ein. Dabei nimmt er kritisch die Versorgungsprobleme in Deutschland unter die Lupe, verweist gleichzeitig aber auch auf Überdiagnosen durch Behandelnde sowie Selbstdiagnosen vermeintlich Betroffener.

Und er warnt vor dem Pathologisieren und der Medikalisierung negativer psychischer Zustände. Medikalisierung ist ein Ausdruck für den Prozess, dass menschliche Erfahrungen und Lebensbereiche, die zuvor außerhalb der Medizin standen, in den Fokus medizinischer Forschung und Verantwortung rücken.

"Es gibt Fälle, wo es vielleicht sinnvoll wäre, die 'Diagnose: Gesundheit' zu vergeben. Sonst kommen wir in eine Gefahr hinein, dass wir soziale Lebensprobleme an das Gesundheitssystem delegieren und dann pathologisieren."
Frank Jacobi, Psychologe und Psychotherapeut
Frank Jacobi, Professor für Klinische Psychologie und Psychotherapie, Psychologische Hochschule Berlin

Frank Jacobi ist Professor für klinische Psychologie und Psychotherapie an der Psychologischen Hochschule Berlin (PHB). Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören die Epidemiologie psychischer Erkrankungen, die Versorgung Betroffener und die Psychotherapie.

Den Vortrag mit dem Titel "Haben psychische Erkrankungen in den letzten 20 Jahren zugenommen?" hat er am 23. April 2026 im Rahmen des Offenen Hörsaals der Freien Universität Berlin gehalten, und zwar in der Ringvorlesung "Psychische Gesundheit im Fokus – zwischen Forschung, Praxis und gesellschaftlichen Herausforderungen".

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