Nach der Wahl in SerbienKönnen Studierende ein Land verändern?

Fast zwei Jahre lang hat Teodora mit anderen Studierenden in Serbien gegen Korruption protestiert. Jetzt hat die von ihnen unterstütze Liste die Wahl gewonnen – und die Studentin musste vor Freude erst mal weinen. Wie geht's nach dem Sieg nun weiter?

Als der bisherige Präsident Serbiens Aleksandar Vučić am Abend des Wahltages vor die Presse tritt und verkündet, dass er die Wahl verloren hat, bricht Teodora in Freudentränen aus. Zwölf Jahre lang war er der Machthaber in Serbien – jetzt haben die Studierenden ihn besiegt. Die Studentenliste hat die Wahl gewonnen. Und Vučić erkennt die Niederlage an.

Studierendenbewegung in Serbien: Erst protestieren, dann regieren

Teodora ist 23 Jahre alt und macht gerade ihren Germanistik-Master an der Philologischen Universität in Belgrad. Und: Sie hat genug. Schon lange. Genug von der Korruption und der schlechten Regierungsarbeit, genug von der Bevorzugung bestimmter Menschen an den Unis, in den Arztpraxen, bei der Polizei und anderswo.

Fast zwei Jahre lang hat Teodora gegen Korruption protestiert.
"Die Studierenden haben in diesen zwei Jahren wirklich so viel gemacht, um das Bewusstsein in der Gesellschaft zu wecken."
Teodora, 23, Studentin in Belgrad

Deshalb hat sie fast zwei Jahre mit der Studierendenbewegung gegen die bisherige nationalkonservative Regierung protestiert. Sie haben demonstriert und Informationen in den sozialen Medien verbreitet. Und sie haben mit den Menschen geredet – im ganzen Land. Teils waren sie mit dem Fahrrad und zu Fuß unterwegs, erzählt Silke Hahne, Korrespondentin im ARD-Studio Südosteuropa.

"Hinter dieser großen Forderung 'Mehr Rechtsstaat, weniger Korruption!' können sich von ganz links bis nach rechts sehr viele unterschiedliche Menschen versammeln."
Silke Hahne, Korrespondentin im ARD-Studio Südosteuropa

Die Präsenz vor Ort im ganzen Land war ganz entscheidend, glaubt Silke. Und am Ende schafften die Studierenden es trotz großer Skepsis gegenüber ihrer Jugend, breite Teile der Bevölkerung zu mobilisieren und Neuwahlen durchzusetzen. Mit Erfolg. Obwohl Vučić versucht hatte, die Bewegung klein zu halten – teils mit Gewalt.

Nach der Wahl ist vor dem Regieren

Und nun? Jetzt bildet sich erst mal das Parlament. Auf der von den Studierenden unterstützen Liste stehen dabei kaum Studierende: Etwa die Hälfte der 250 Gelisteten sind Professor*innen. Der andere Teil besteht aus Berufspraktiker*innen wie Anwält*innen, Ärzt*innen oder Architekt*innen. Sie kommen aus dem ganzen Land.

"Das wird schon, denke ich, ein schwieriger Balanceakt, diese ganz verschiedenen Strömungen für die Sache auf Linie zu halten."
Silke Hahne, Korrespondentin im ARD-Studio Südosteuropa

Unsere Korrespondentin vermutet, dass eine Mischung aus Expert*innen und Berufspraktiker*innen ins Parlament zieht. Wer Ministerpräsident oder -präsidentin wird, ist noch völlig offen. Klar aber ist: Diese Regierung soll nicht bleiben. Sie ist als Übergangsregierung gedacht, die die Demokratie wieder auf Vordermann bringen soll.

Die neue Regierung in Serbien muss integrieren können

Die Breite der Bewegung, die den Sieg getragen hat, könnte dabei allerdings zum Problem werden. Denn die politischen Ansichten, die sich hier zusammengetan haben, sind sehr unterschiedlich. Themen wie das Verhältnis zu Russland und der EU zum Beispiel könnten die Bewegung und auch ihre Supporter wieder spalten.

"Es ist ein realpolitisches, demokratisches Riesenexperiment und ich bin sehr gespannt, wie das hier läuft."
Silke Hahne, Korrespondentin im ARD-Studio Südosteuropa

Eine weitere Herausforderung: Die alten Machtstrukturen aus der Vučić-Ära sind noch da – in Behörden etwa, in den Medien, der Justiz und auch im Parlament noch. Es wird sehr schwierig, die aufzubrechen, glaubt unsere Korrespondentin. Ein "realpolitisches, demokratisches Riesenexperiment" nennt sie das, was auf Serbien jetzt zukommt.

"Es ist für uns jetzt ein großer Wunsch, unseren Staat zu erneuern."
Teodora, 23, Studentin in Serbien

Teodora glaubt fest daran, dass dieses Experiment gelingen kann. Der Regierungswechsel bringt Freiheit, vor allem Meinungs- und Redefreiheit, ohne bedroht zu werden, da ist sie sicher. Sie glaubt auch, dass die neue Expert*innenregierung ihren Job gut machen und alles für das Volk und den Staat tun wird, um eine Basis zu schaffen für ein besseres Land und eine höhere Lebensqualität.

Ihre persönliche Hoffnung: Dass Menschen wie sie einen guten Job finden können, weil sie etwas wissen und sich Mühe geben – nicht wie bislang, weil sie in einer Partei sind. Und, dass eine gute ärztliche Behandlung beim Arzt nicht mehr von Bestechung abhängig ist.

Hinweis zum Artikelbild: Das Foto zeigt nicht Teodora, sondern eine unbekannte junge Frau bei der Wahlsiegesfeier von Anhänger*innen der Studentenliste vor dem Gebäude der Nationalversammlung der Republik Serbien in Belgrad am Wahlabend.