NachbarnWie bauen wir uns eine Community auf?
Kati hätte mit ihren Nachbarn gerne ein gutes Verhältnis, wo man sich kennt und mal aushilft. So richtig läuft das bei ihr im Haus aber nicht. Was wir von Nachbarschaft wollen, ist sehr unterschiedlich und hängt auch davon ab, wo wir leben.
Kati wünscht sich ein freundliches Verhältnis zu ihren Nachbar*innen. Sie fände es schön, kurz im Hausflur zu quatschen oder zu wissen, dass man bei einander klingeln kann – wenn zum Beispiel das Mehl leer ist oder ein Ei fehlt.
Sie möchte nicht anonym Wand an Wand leben. Aber bei Kati ihm Haus, klappt das nicht so gut. Die meisten ihrer Nachbarn kennt sie nicht.
Kati ist innerhalb von Berlin in einen neuen Stadtteil gezogen. Als sie bei manchen ihrer Nachbar*innen geklingelt hat, um sich vorzustellen, haben sie teilweise nicht aufgemacht oder waren eher überrascht von der Geste.
"Ich habe die meisten noch nicht gesehen."
Von zu Hause kennt sie das anders. In dem kleinen Ort, in dem sie groß geworden ist, haben sie und ihre Familie eine freundschaftliche Beziehung zu den Menschen von nebenan. "Das war eine Gemeinschaft, wo die Kinder regelmäßig gegenseitig babygesittet wurden, mit dem Hund für den anderen Gassi gegangen wurde und die Blumen gegossen wurden", erzählt sie. Dort, wo sie jetzt in Berlin lebt, ist das alles nicht so. Sie kennt in dem Stadtteil auch niemanden. Das ist für Kati ungewohnt.
Nachbarschaft: Distanz vs. Gemeinschaft
Denn: Nachbarschaft kann Zusammenhalt herstellen, sagt Sozialwissenschaftler Sebastian Kurtenbach. Er ist Professor für Politikwissenschaften an der Fachhochschule Münster und forscht zu Nachbarschaft. Ein gutes Verhältnis zu den Menschen, die um uns herum wohnen, könne uns Orientierung geben, unser soziales Verhalten trainieren und soziale Kontrolle geben.
Wenn Frau Müller zum Beispiel ständig im Fenster rumhängt und alles draußen beobachtet, kann das auch eine positive Seite haben. Sie hat dann auch im Blick, wenn beispielsweise ein Fahrrad gestohlen wird oder sonst etwas Auffälliges passiert. Die Vorteile von einer funktionierenden Nachbarschaft sollten wir nicht unterschätzen, so Sebastian Kurtenbach.
"Trotz Fragmentierung dieser Gesellschaft ist Nachbarschaft eine Ressource, die Zusammenhalt herstellen kann."
Gleichzeitig steht jede Nachbarschaft für sich. In Großstädten gibt es die eine Nachbarschaft nicht, erklärt er, sondern es gibt auch große Unterschiede zwischen den Stadtteilen. In manchen Bezirken kennt man sich besser als in anderen. Je enger der Raum ist, den man sich teilt, desto größer könne den Wunsch für Distanz sein.
"Wohingegen, wenn man sich einfach aus dem Weg gehen kann, ist auch die Bereitschaft, Nachbarschaft zuzulassen, eher gegeben, weil man die Distanz nicht so wahren muss", sagt der Sozialwissenschaftler. In ländlichen Regionen würden die Menschen häufig auch länger in einem Ort wohnen bleiben, ihr eigenes Haus oder eine eigene Wohnung haben und sich dadurch mehr mit dem Ort und den Menschen dort verbunden fühlen. Dann investiert man auch stärker in soziale Beziehungen, erklärt er.
Was gibt uns Nachbarschaft?
Die Nachbarschaft zu kennen, kann ein Gefühl von Sicherheit und zu Hause auslösen, sagt Psychotherapeutin Rosalie Weigand. Das baue sich stückweise auf.
Wenn wir Kontakt möchten, empfiehlt sie, unsere Offenheit zu zeigen, indem wir zum Beispiel im Treppenhaus freundlich grüßen. Beim zweiten oder dritten Mal fügen wir dann einen Satz Small Talk hinzu.
Eine andere Möglichkeit, für mehr Austausch zu sorgen, ist zum Beispiel ein Paket für Nachbar*innen anzunehmen. Beim Abholen entsteht automatisch eine kleine Interaktion.
Das Paket anzunehmen ist zudem eine nette Geste, mit der wir eine gewisse Freundlichkeit ausstrahlen. Außerdem lernen wir so auch die Namen unserer Nachbar*innen kennen, so die Psychotherapeutin.
"Wenn dir jemand was gibt oder was für dich tut, mag die Person dich danach lieber."
Wenn man dann aber nach einer Weile feststellt, dass es nicht über freundlichen Small Talk im Treppenhaus hinaus geht und es mit der netten Nachbarschaftsbeziehung in der Tiefe nicht klappen will, dann sollten wir uns eher fragen, welches Bedürfnis hinter unserem Wunsch steckt und schauen, wie wir uns das Bedürfnis erfüllen können, sagt Rosalie Weigand.
Kati hat sich zum Beispiel einer Gruppe angeschlossen, die sich regelmäßig trifft und den Bezirk gemeinsam sauber macht. So versucht sie, das Nachbarschaftsgefühl zu finden, das sie bisher vermisst. "Ich bin da mitgelaufen und fand das ganz süß, weil das liebe Menschen sind, mit denen ich normalerweise nicht in Kontakt trete", sagt sie.
In der Podcast-Folge geht Psychotherapeutin Rosalie Weigand noch weiter darauf ein, was wir tun können, wenn wir die Sorge haben, zu aufdringlich zu sein und wie wir wiederum für uns Grenzen setzen, wenn wir feststellen, dass wir den Kontakt zu unseren Nachbar*innen nicht weiter vertiefen möchten. Klickt dafür oben auf den Play-Button.