Nervengift und MikroplastikWerft bitte keine Kippenstummel weg!
Zigarettenstummel einfach auf dem Boden zu entsorgen, ist nachhaltig mies für die Umwelt. Eine Langzeitstudie zeigt, dass Kippenreste – Nikotin, andere Giftstoffe und Mikroplastik inklusive – auch nach zehn Jahren noch nicht verschwunden sind.
Auf der Wiese, an der Bushaltestelle, aus dem fahrenden Auto heraus, auf dem Bürgersteig oder sogar am (bis dahin) schönsten Sandstrand – offenbar sehr viele Menschen schnippen ihre Zigarettenstummel einfach überallhin.
Das nervt. Aber nicht nur das. Eine Langzeitstudie im Fachjournal "Environmental Pollution" liefert jetzt gute Argumente dafür, warum einem das Thema nicht egal sein sollte. Denn die Zigarettenstummel verwesen kaum – und haben auch nach zehn Jahren noch negative Folgen für die Umwelt.
"Nach globalen Schätzungen landen jedes Jahr Billionen Zigarettenstummel in der Umwelt. Das ist eine Zahl mit 12 Nullen."
Das Ganze ist ein Riesenproblem, sagt Britta Wagner von den Deutschlandfunk-Nova-Wissensnachrichten. Denn schätzungsweise Billionen Zigarettenstummel landen jedes Jahr in der Natur.
Andere Studienteams haben sogar ganz konkret nachgezählt: In einer 160.000-Einwohner-Stadt in Japan fanden sie zum Beispiel bis zu 130 Zigarettenstummel pro Quadratmeter. An beliebten Stränden summierten sich die Kippen auf bis zu 1600 pro 100 Meter.
Langzeit-Tests über zehn Jahre
Zehn Jahre lang – das ist länger als jedes andere Studienteam davor – haben die Forschenden genau analysiert, wie lange die Kippenreste überdauern. Dabei haben sie mit Tests unterschiedliche Szenarien abgedeckt: Stadt (Asphalt und harte Flächen, ohne Erde), Grasland, Sandstrand.
"In allen Szenarien waren Teile der Zigarettenstummel nach zehn Jahren immer noch da."
Die Forschenden haben die Langzeit-Tests einerseits im Labor gemacht, aber auch mit Netzsäcken im freien Land in Italien – um echte Umwelteffekte wie etwa Wettereinflüsse mitnehmen zu können.
Zigarettenstummel bleiben (zu) lange
Ergebnis: In allen Szenarien waren Teile der Zigarettenstummel nach zehn Jahren immer noch da. Unterschiede gab es bei den Bodentypen nur im Detail, im Prinzip läuft der Zerfall also überall gleich ab.
- In den ersten Wochen verliert eine Zigarettenkippe sehr schnell einen Teil ihrer Masse – weil sich die äußere Hülle auflöst.
- Dann passiert zwei Jahre sehr wenig, weil so ein Zigarettenfilter aus sehr stabilen Fasern besteht, die teilweise aus Kunststoff sind.
- Von Jahr 3 bis 5 wird die Zersetzung wieder etwas stärker – hier passiert im Grasland dann auch mehr als in einer Sanddüne oder auf einem Gehweg in der Stadt, wo es keine Erde mit Mikroorganismen gibt.
- Anschließend verlangsamt sich der Zersetzungsprozess wieder: Im Grasland ist der Stummel nach zehn Jahren dann so weit zersetzt, dass nur noch knapp ein Sechstel (15 Prozent) der ursprünglichen Masse übrig ist. Bei den anderen Szenarien (Stadt und Sandstrand) war immer noch die Hälfte da.
Giftstoffe vor allem zu Beginn ein großes Problem
Es gibt bereits einige Studien, nach denen Nikotin als Nervengift für Tiere und Pflanzen sehr schädlich ist – etwa die der Uni Graz, die negative Folgen von Zigarettenstummeln für Ameisen belegt.
Der Inhaltsstoff Nikotin ist vor allem am Anfang des langsamen Verwesungsprozesses ein großes Problem. Nach den ersten Monaten sind das Nikotin und andere kurzlebige Giftstoffe dann größtenteils weg. Das Giftstoff-Level einer verrottenden Kippe sinkt laut den Analysen in der Studie über die Jahre immer weiter, wird aber nicht null.
Mikroplastik aus dem Kippenfilter bleibt im Boden
Und es gibt noch ein Problem: Damit möglichst wenig Zigarettenrauch durchkommt, bestehen Zigarettenfilter aus dem sehr dichten Kunststoff Celluloseacetat. In der Natur behindert dieser robuste Stoff Mikroben daran, in das Material einzudringen und es zu zersetzen.
Heißt: Der Zigarettenfilter wird nicht komplett aufgelöst, sondern die Reste der halbsynthetischen Filter-Fasern bleiben im Boden als kleine Kugelstrukturen erhalten.
"Die Reste der Filter-Fasern bleiben im Boden erhalten – in einer neuen Form von Mikroplastik."
Zigarettenfilter können also erheblich zur Mikroplastikbelastung in Böden und Gewässern beitragen.
Die Forschenden schreiben, dass diese neue Mikroplastikform im Boden möglicherweise noch beständiger sein könnte als andere Formen – und dass zu ihrem Schadenpotenzial noch weniger bekannt ist als zu anderem Mikroplastik.
Viele Städte erhöhen Bußgeld für falsche Kippenentsorgung
Wem die Folgen für die Natur nicht ausreichen sollten, kann sich vielleicht auch anders motivieren, in Zukunft keine Kippen mehr auf den Boden zu werfen: Auch der Bußgeldkatalog hat das arglose Wegwerfen von Zigarettenkippen nämlich im Visier. In vielen Städten drohen Geldstrafen zwischen 50 und 150 Euro – bis hin zum Maximum 25.000 Euro, wer dabei im Wald oder in Waldnähe erwischt wird.