NiedrigwasserWas passiert, wenn unseren Flüssen das Wasser ausgeht?
Der Rhein, die Donau und die Weser führen so wenig Wasser wie seit Jahren nicht mehr. Doch Niedrigwasser ist längst nicht nur ein Problem für Schiffe. Was gerade in unseren Flüssen passiert – und warum das auch unseren Alltag verändert.
Die Pegelstände an Rhein, Donau oder Weser zeigen einen historischen Negativrekord. Die Flüsse sind Lebensadern. Versiegen sie, hat das dramatische Folgen.
"Es berührt mich sehr, wie wenig Wasser in unseren Flüssen ist. Ich denke, wir alle sind total gerne am Wasser und sind auch vom Wasser abhängig. Die aktuellen Bedingungen sind einfach erschreckend."
Wie sich die Flüsse verändern, wenn Trockenheit und Hitze die Pegel sinken lassen, untersucht Biologin Tanja Bergfeld-Wiedemann. Sie forscht an der Bundesanstalt für Gewässerkunde in Koblenz. Aber selbst als Wissenschaftlerin ist sie davon geschockt, wie niedrig die Wasserstände derzeit sind. "Wie klein der Fluss geworden ist. Und wir reden hier vom Rhein, einem wirklich großen Fluss in Deutschland."
Hohe Temperaturen, wenig Sauerstoff und Blaualgen
Bei ihrer Bestandsaufnahme zum Rhein ist die hohe Wassertemperatur besonders auffällig. Sie beeinflusst alle Lebewesen im Rhein, die dadurch jetzt mehr Sauerstoff benötigen, erklärt die Biologin. Allerdings sinkt der Sauerstoffgehalt bei höheren Wassertemperaturen. Die höchste Temperatur, die die Biologin in diesem Jahr im Rhein gemessen hat, lag bei 29 Grad. Für Fische wird es ab 25 Grad kritisch. "Und wir sind deutlich darüber – und das nicht nur an einem Tag, sondern wirklich über längere Zeit", sagt Tanja Bergfeld-Wiedemann.
Außerdem nehme das Algenwachstum zu. "Wir dachten, dass es gar nicht die Möglichkeit gäbe im Rhein. Dass der Rhein schon viel sauberer wäre. Aber wenn sich die äußeren Bedingungen ändern, gibt es plötzlich auch ein Algenwachstum im August", stellt die Biologin fest.
Unter den aktuellen Bedingungen vermehren sich auch besonders gut Blaualgen. Dabei handelt es sich nicht um Algen, sondern Cyanobakterien. Diese entstehen eigentlich vor allem auf stehenden Gewässern oder sehr langsam fließendem Wasser. Wenn Flüsse aber Niedrigwasser haben, dann verringert sich auch die Fließgeschwindigkeit, wodurch ideale Bedingungen für Blaualgen entstehen. Die Mosel, die auch an mehreren Stellen gestaut wird, sei davon besonders betroffen.
Auswirkungen der Wetterextreme werden extremer
Bis zum Ende dieser Woche sagen Wetterexperten und Meteorologen voraus, dass das der Pegelstand des Rheins bei Kaub wahrscheinlich noch auf 18 Zentimeter sinken wird, berichtet Katharina Thoms aus dem Deutschlandfunk-Hauptstadtstudio. Ihr Schwerpunkt liegt auf der Berichterstattung über Klima, Umwelt, Energie und Landwirtschaft. Der Unterschied zu den letzten Dürrejahren sei vor allem der, dass die Folgen in diesem Jahr noch viel extremer ausfallen.
Auch am Bodensee ist der Pegel stark gesunken. In den See fließen viele Flüsse, die durch Wasser aus den Bergen und von Gletschern gespeist werden. Doch auch diese führen immer weniger Wasser, sagt Katharina Thoms. Fische hätten deshalb ein großes Problem zu überleben.
Folgen für die Wirtschaft
Die Antwort aus der Politik fällt bisher dürftig aus. Der neue Bundesverkehrsminister Steffen Bilger (CDU) lädt für den 6. August zu einem Treffen der Verkehrsminister*innen der Länder ein. Denn aktuell können die Binnenschiffe wegen des Niedrigwassers nur noch bis zu 20 Prozent beladen werden. Für die Wirtschaft entstehen hohe Verluste, die sogar das Gesamtwachstum des ganzen Landes hemmen können.
"Fische haben ein Riesenproblem zu überleben."
Die aktuelle Dürre wirkt sich auch auf die Landwirtschaft aus. Landwirte rechnen mit erheblichen Ernteausfällen. Und manche Städte wie München haben die Bevölkerung aufgerufen, Wasser zu sparen und den Garten nicht zu gießen. Durch die extreme Hitze und Trockenheit sinken auch unsere Grundwasservorräte. Noch heißt es, sind unsere Trinkwasservorräte stabil, aber die Stadtwerke bekommen Probleme, den Druck auf den Leitungen aufrechtzuerhalten, sagt Katharina Thoms.
Klimawandel schreitet weiter voran
Die extreme Hitzeperiode und Trockenheit sind eine Folge des menschengemachten Klimawandels. Fakt ist: Solche Extremwetterlagen werden immer häufiger vorkommen. Eine Folge war 2021 zum Beispiel die Flutkatastrophe im Ahrtal. Denn die Feuchtigkeit aus dem Boden, die verdunstet und in die Atmosphäre aufsteigt, kommt dann an anderer Stelle wieder als Starkregen herunter, sagt Katharina Thoms. Und kann dann zu Überschwemmungen führen wie gerade in Indien.
Klimaanpassungen müssen weitergehen
In Rheinland-Pfalz, wo die Flutkatastrophe 2021 besonders verheerend war, gibt es nun bessere Warnsysteme für die Menschen, erklärt Katharina Thoms. Eine weitere Folge sind Hochwasserschutzwände, Überflutungsflächen und Rückhaltebecken, die aber erst noch am Entstehen sind. Wichtig wäre auch, mehr Flächen zu entsiegeln, sagt die Deutschlandfunk-Hauptstadtkorrespondentin.
An der Elbe habe man nach Hochwasserereignissen die Deiche verstärkt und erhöht, die Mittelelbe wurde renaturiert, Auenwiesen wurden hergestellt, damit das Wasser Platz hat, sich auszubreiten, erklärt Katharina Thoms. Die Böden sind nass und können Wasser besser aufnehmen und halten. Das ist wiederum von Vorteil bei einer Trockenheit, wie wir sie gerade erleben. Auch wiedervernässte Moore speichern Wasser – deren Entstehung wird von der Bundespolitik gefördert.
Fahrrinne im Rhein tiefer ausbaggern?
Eine Maßnahme, wie die Fahrrinne im Rhein tiefer auszubaggern, wie manche Politiker vorschlagen, führt dazu, dass das Wasser schneller durchfließt. "Dann haben wir kurzfristig vielleicht eine Hilfe, aber mittel- und langfristig hilft uns das überhaupt nicht", sagt Katharina Thoms. .
Von der Krisensitzung der Verkehrsminister der Länder am 6. August erwartet sie nicht wirklich Konkretes. Erst einmal gehe es darum, den Fokus auf die aktuelle Lage zu richten.
"Vielleicht könnte es auch für diese Bundesregierung ein Anfang sein, den Fokus auch darauf zu richten, dass Klimaschutz letztlich auch ein Schutz für die Wirtschaft ist."
Klimaschutz sei letztlich auch ein Schutz für die Wirtschaft – denn die Schäden, die gerade entstünden, gingen in die Milliarden.