"Nutznießer"-AussageWarum Kinderärzte sauer auf Merz sind

Kanzler Merz spricht von "Nutznießern" und macht damit Kinderärzte wie Nibras Naami sauer, der sagt: "Das war ein Schlag ins Gesicht." Hinter dem Streit steckt mehr: Die Regierung will im Gesundheitssystem sparen. Was bedeutet das für Kinder und Eltern?

Die Aussage fällt in einer RTL-Talkshow: Eine Kinderärztin kritisiert Bundeskanzler Friedrich Merz wegen der Sparpläne der Regierung im Gesundheitssystem. Merz entgegnet und bezeichnet sie dabei als "Nutznießerin" dieses Systems. Genau diese Wortwahl stößt bei vielen Ärztinnen und Ärzten auf Kritik.

Auch der Kinder- und Jugendarzt Nibras Naami hält die "Nutznießer"-Äußerung des Kanzlers für völlig unangebracht. Wer Ärztinnen und Ärzte so bezeichne, treffe Menschen, die täglich dafür sorgen, dass die medizinische Versorgung funktioniert.

"Das ist ein populistisches Argument gewesen, was natürlich völlig indiskutabel, nicht zutreffend ist und das war ein Schlag ins Gesicht für alle."
Nibras Naami, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin

Gleichzeitig findet Naami, dass die Auseinandersetzung insgesamt sehr scharf geführt wird. Auch Kritik an der Bundesregierung müsse sachlich bleiben. Inhaltlich teilt er aber viele der Sorgen, die Kinderärztinnen und Kinderärzte derzeit äußern.

Denn die Bundesregierung will die steigenden Ausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung bremsen. Kinderärztinnen und Kinderärzte befürchten, dass die Sparmaßnahmen ein ohnehin stark belastetes System zusätzlich unter Druck setzen.

Kinderkliniken arbeiten schon jetzt am Limit

Besonders deutlich werde das in den Kliniken, sagt Naami. Stationen hätten Betten reduziert, teilweise könnten wegen Personalmangels deutlich weniger Kinder aufgenommen werden, als eigentlich Plätze vorhanden seien. In besonders belasteten Zeiten müssten Kinder deshalb zum Teil weit entfernt von ihrem Wohnort behandelt werden.

Gerade in der Kinder- und Jugendmedizin brauche es aber Reserven. Niemand könne genau vorhersehen, wie stark etwa eine RSV- oder Influenzawelle im Herbst und Winter ausfallen werde.

"Statt einen Puffer aufzubauen, wird die sowieso auf Kante genähte Situation noch härter. Und irgendwann platzt diese Naht."
Nibras Naami, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin

Hinzukommt ein strukturelles Problem: Kindermedizin ist häufig personalintensiv, gleichzeitig sind die Fallzahlen kleiner als in anderen medizinischen Bereichen. Gespräche mit Kindern und Eltern brauchen Zeit, lassen sich aber wirtschaftlich nur schwer abbilden.

Naami warnt deshalb davor, die Versorgung weiter auszudünnen. Schon jetzt hätten manche Kinderarztpraxen im Winter nur wenige Minuten pro Patient oder Patientin. Bei komplexeren Erkrankungen könne das problematisch werden.

Weniger Geld für zusätzliche Behandlungen

Konkret geht es bei der Kritik unter anderem um die geplante Begrenzung der Ausgaben der Krankenkassen. Ziel der Bundesregierung ist es, einen weiteren starken Anstieg der Zusatzbeiträge zu verhindern.

ARD-Gesundheitspolitik-Reporterin Birte Sönnigsen erklärt: Die Ausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung steigen derzeit stärker als ihre Einnahmen. Deshalb soll das Wachstum der Ausgaben begrenzt werden.

Für Kinderarztpraxen könnte das bedeuten, dass nicht mehr jede zusätzliche Behandlung vollständig bezahlt wird.

"Eine Kinderarztpraxis wird nur noch für eine bestimmte Anzahl an Behandlungen bezahlt. Wenn das Budget ausgeschöpft ist, bekommen die Kinderärzte in Zukunft nichts mehr durch die Krankenkassen bezahlt."
Birte Sönnigsen, ARD-Hauptstadtstudio

Noch lässt sich laut Sönnigsen nicht genau sagen, wie groß die finanziellen Einbußen für einzelne Praxen tatsächlich wären. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung geht nach ihren Berechnungen aber davon aus, dass bei gleichbleibend vielen Terminen ein Teil der Behandlungen nicht mehr vergütet werden könnte.

Was das für Eltern bedeuten könnte

Die Sorge der Kinderärztinnen und Kinderärzte: Praxen könnten weniger zusätzliche Patientinnen und Patienten aufnehmen, Untersuchungen oder Impfungen könnten sich verzögern.

Auch die Suche nach einer Kinderarztpraxis könnte schwieriger werden. Schon jetzt seien bundesweit rund 200 vorgesehene Kinderarztsitze nicht besetzt, erklärt Sönnigsen. Gleichzeitig ist ein beträchtlicher Teil der praktizierenden Kinderärztinnen und Kinderärzte bereits 60 Jahre oder älter.

"Vielleicht wird das durch die Gesetze noch schwieriger, Nachfolger zu finden. Wenn es weniger Geld gibt, ist das vielleicht ein weiterer Faktor, der den Job unattraktiver macht."
Birte Sönnigsen, ARD-Hauptstadtstudio

Auch Kliniken stehen unter wirtschaftlichem Druck. Rund 70 Prozent der Krankenhäuser schreiben laut Sönnigsen bereits rote Zahlen. Stationen, die sich finanziell wenig rechnen, geraten dabei besonders schnell unter Druck – dazu gehören immer wieder auch Kinderstationen.

Die Krankenhausreform soll dieses grundsätzliche Problem teilweise lösen: Kliniken sollen künftig stärker dafür bezahlt werden, bestimmte Angebote, Personal und Technik vorzuhalten – und nicht nur für einzelne behandelte Fälle. Ob das die Kindermedizin tatsächlich stabilisiert, lässt sich nach Einschätzung von Sönnigsen derzeit aber noch nicht absehen.

Nibras Naami fordert deshalb, Kinder und ihre gesundheitliche Versorgung bei Sparmaßnahmen besonders zu schützen.

"Es müsste eine Sonderregelung geben, dass man hier nicht mit dem Rasenmäher oder mit der Kettensäge an die Sparmaßnahmen rangeht."
Nibras Naami, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin